Hallo Fahamu,
was Menschen wirklich/wirksam bewegt, sind ihre Glaubenssätze (so lautet mein zentraler Glaubenssatz). Das gilt für Skeptiker ebenso, für fundamentalistische Skeptiker wie Schlucke erst recht, und oft werden Gläubige sehr schnell giftig, wenn ihre scheinbaren Gewissheiten nicht begeistert geteilt werden. Das hat dann auch einen Anflug von Ängstlichkeit, dass die eigene Trutzburg brechen könnte ... was bliebe dann?
Mal Stück für Stück: Es gibt nicht "die Astrologie", sondern eine Vielzahl von astrologischen Schulen, Sichtweisen, Methoden, Erkenntnistheorien. Die Kritik von Astrologie-Feinden ist auch deshalb oft schwer nachvollziehbar, weil sie gar nicht klarmachen, wogegen sie eigentlich argumentieren. Ihr erkennbares Hauptmotiv ist "Angriff ist die beste Verteidigung" ... Verteidigung wovon? Verteidigung des eigenen Glaubenssystems. Das womöglich ins Wanken geraten könnte, wenn "da etwas dran wäre" ... und so schließen sie mit Palmström messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und machen sich gar nicht erst die Mühe, näher hinzuschauen.
Fahamu, Du sprichst von Ursachen und Wirkungen, und da scheint mir in einer aktuellen, halbwegs seriösen Diskussion über Nützlichkeit und Möglichkeiten von Astrologie ein zentraler Ansatzpunkt zu liegen.
Die Reduktion von komplexen Prozessen in Leben/Natur/Evolution auf relativ schlichte Kausalzusammenhänge war über Jahrtausende ein Ziel wissenschaftlichen Arbeitens ... man versuchte, Ordnung reinzubringen, indem man systematisierte und Modelle schuf, und am Ende gehorcht dann alles der Formel E=mc2 ... und einige sind immer noch auf der Suche nach der "Weltformel".
Der Philosoph Wittgenstein hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in seinem "Tractatus" lapidar festgestellt: "Der Glaube an den Kausalzusammenhang ist
der Aberglaube". Seither haben sich etliche Zweige in der Wissenschaft entwickelt, die für ihre Thesen und Theoriebildungen erheblich differenzierter mit Kausalitäten umgehen oder ganz darauf verzichten können. Es geht um systemische Beschreibungen, um konstruktivistische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, es geht um Komplexitäts-Disziplinen wie Chaosforschung oder auch um konkrete Anwendungsforschung in Hinblick auf die Übersetzung von chaotisch strukturierten Systemen in praktische Nutzbarkeit, von der Bionik bis zur Meteorologie. Von der Quantenphysik ganz zu schweigen.
Wenn Edward Lorenz mit seinem "Schmetterlingseffekt" zum Beispiel die Abhängigkeit nonlinearer, selbstreferenzieller Systeme von kleinen Veränderungen ihrer Ausgangsbedingungen beschreibt und postuliert, dass die Auswirkungen bereits mittelfristig nicht mehr prognostizierbar wären, also chaotisch seien ...
... dann kommen besonders trickreiche der Kausalitätsdogmatik her und betreiben Etikettenschwindel, nennen das "determinististisches Chaos" oder "chaotischen Determinismus" ... weil man ja angeblich die Kausalkette vom Flügelschlag des Schmetterlings in Brasilien bis zum Tornado in Texas nachvollziehen könne. Kann man? Ich meine: nein. Man kann zweifelsohne eine solche Kausalkette (kurz)schlüssig konstruieren ... oder aber auch eine ziemlich andere. Da sind ja tausende Bifurkationen dazwischen, die wiederum in komplexen Zusammenhängen stehen, und wenn ich für jede dieser Bifurkationen dann auch wieder das Deterministische im Chaos untersuchen wollte, dann würden nicht einmal die Rechner der NSA ausreichen, um das unendlich komplexe Netz in eine eindeutige Kausalreihe zu überführen. Wobei da immer noch die Annahme im Hintergrund stünde "wenn wir nur detailliert genug hinschauen und berechnen könnten, dann ..." – während die Hardcore-Chaostheoretiker davon ausgehen, dass nonlineare, selbstreferenzielle und erst recht autopoietische Systeme grundsätzlich chaotisch organisiert sind. Da geht es dann um die Ordnungen im Chaos, und die gibt es durchaus. Eben ganz andere als die deterministisch berechenbaren.
Der langen Rede kurzer Glaubenssatz: Der Flügelschlag des Schmetterlings ist kein kausaler Auslöser, kein "Grund" für den Wirbelsturm, sondern ein interaktives Element im komplexen Netzwerk, zu dem auch der Wirbelsturm gehört.
Wenn's interessiert, kann ich dazu ja noch mehr schreiben ... ich kürze das jetzt mal ab: Ich meine, es gibt auf der Basis systemischer Betrachtungsweisen von komplexen Interaktionsmustern und auf der Grundlage konstruktivistischer Erkenntnistheorie durchaus sinnvolle und auch nützliche Möglichkeiten, sich mit Astrologie zu beschäftigen.
Zugegeben, wo Astrologie sich auch heute noch mit kausalen Wirkmechanismen von Gestirnsbewegungen auf das Verhalten von Mensch und Natur begründet, wird es schwierig, das ernst zu nehmen. Auch wenn in jüngster Zeit Astronomen und Biophysiker wieder davon sprechen, dass die komplexen Muster der Interaktion der Gravitation von Himmelskörpern ihren Stellenwert in der Evolution haben könnten. Auch da: Auswirkungen womöglich ... kausale Schuldzuweisung wohl kaum.
Der synchronistische Ansatz von Astrologie ist da schon griffiger ... das "Analogieprinzip". Was esoterisch als "hermetisches Prinzip" verbreitet wird, findet sich in verblüffend ähnlicher Form in der Chaosforschung ... etwa in den Fraktalen von Benoit Mandelbrot, den maßstabsgebundenen Symmetrien, die für bestimmte, chaosmathematisch definierte Muster ein wunderschönes "wie oben, so unten" zeigen.
Weiter abgekürzt: Ich bewege mich als Lebender durch Schichtungen von komplexen Systemen, zeitlich und räumlich, und wenn sich die Fokussierungen von systemischen und komplexitätsorientierten Wissenschaften darauf anwenden lassen, dann werde ich in diesen komplexen Systemen ebenfalls solche Fraktale entdecken können, so ein "wie oben, so unten". Dann werden sich "strange attractors" abzeichnen, wie sie Edward Lorenz beschrieben hat, Phasenräume von Ereignismöglichkeiten. Dann sind die Muster, die meine Verhaltensmöglichkeiten und -umstände beschreiben, systemisch eingebunden in interaktive Netzwerke, zu denen am anderen Ende eben auch das Planetensystem gehört (das ja ebenfalls chaotisch strukturiert ist, wie z.B.
hier beschrieben) ... ist es da völlig abwegig, solche interaktiven Muster zu betrachten und auch daraufhin zu fokussieren, ob sie nützliche Konstrukte über mein/unser Sein und Werden erlauben? Das wäre dann vielleicht in vielem weit entfernt von Astrologie, wie sie "der Volksmund" kennt, das wäre ziemlich sicher getragen von vielem, was über die Jahrtausende an astrologischen Konstrukten zusammengesammelt wurde (es wurden ja auch zahlreiche praktikable physikalische Entdeckungen gemacht, als man noch glaubte, die Erde wäre eine Scheibe ...) ... ich für mein Teil habe aus der Beschäftigung mit zeitgenössischem wissenschaftlichen Denken hier und Astrologie da durchaus spannende und auch nützliche Annäherungen finden können.
Ich find ja nichts Übles an Glaubenssätzen ... solange sie offen bleiben und in der Auseinandersetzung nicht auf Sieg oder Niederlage kämpfen ("Es kann nur einen geben!"), sondern sich aneinander und miteinander entwickeln und bereichern. Meinen Lieblings-Glaubenssatz hat Heinz von Foerster formuliert (und Stammleser kennen ihn schon bis zum Erbrechen ;-) ... "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners".