Jetzt spricht er sich für den Beitritt der Ukraine in die NATO aus etc. Aber er ist einer der wenigen, die Fehler des Westens in der Vorgeschichte sehen.
Sicher hat "der Westen" in der Vergangenheit auch Fehler gemacht. Aber was bedeuten diese dafür, wie jetzt weiter vorgegangen wurde? Sie rechtfertigen immernoch nicht Putins Angriff - weder die Anektierung der Krim, noch den Einmarsch letztes Jahr.
Das hat er schon vor diesem Interview gesagt, was leider hinter der Paywall der ZEIT online ist.
Er hat immer, und auch zu Beginn des Krieges nochmal, gesagt, die Ukraine hätte zu gegebener Zeit eine Art Pufferstaat oder Brückenstaat sein sollen zwischen Ost und West, eine neutrale Zone.
Neutral in welcher Hinsicht? Dass Putin sich unwohl fühlt, wenn die Ukraine der NATO beitritt, kann ich ja noch halbwegs nachvollziehen. Aber ihm war auch schon eine Annäherung an die EU - noch kein Beitritt, sonder nur eine wirtschaftliche Annäherung - nicht neutral genug, und er überredete seinen Freund Janukowytsch einen Tag vor der geplanten Vertragsunterschrift, das doch nicht zu tun (was dann auch letztendlich zu Unruhen und dem Sturz von Janukowytsch führte).
Ein freier Staat sollte doch mindestens wirtschaftliche Bündnisfreiheit genießen, oder? Ist es ein Fehler des Westens, dass die EU nicht damals gesagt hat: "Nein! Ihr seid Russlands Nachbarn, eine neutrale Zone, und darum machen wir keine besonderen Handelsbeziehungen mit Euch!!!"? Oder sind jetzt alle Nachbarn Russlands dazu verdammt, sich gefälligst nicht Richtung westen zu orientieren?
Statt dessen wurde die Ukraine zum falschen Zeitpunkt in die NATO eingeladen.
Dummerweise werden Staaten nicht in die NATO eingeladen, sondern sie bewerben sich meist selbst drauf. Und kurz nach dem Angriff letztes Jahr bemängelte Selenskyj selbst, dass die NATO sich mit seinen Wünschen und Anträgen dazu nicht beeilt habe bzw. die Ukraine hingehalten hätte.
Wie sehr "Fehler in der Vorgeschichte" eine Rolle spielen, sehen wir überall. Die Folgen des Kolonialismus z.B. spielen bis heute im Krieg im Nahen Osten eine Rolle, der Nationalismus als Folge der Globalisierung- man weiß gar nicht, wo man anfangen soll.
Natürlich spielen Fehler in der Vorgeschichte immer eine Rolle.
Aber zum einen: Was genau sind die Fehler? Denn, dass sich die Ukraine zur EU annähern wollte, und die EU das auch mitgemahct hat, sehe ich definitiv NICHT als Fehler, sondern als das gute Recht dieser Staaten bzw. Staatengemeinschaft, auch, wenn es Putin nicht gefallen hat.
Und zum anderen: Was bedeuten die Fehler der Vergangenheit für das Vorgehen jetzt? Sollem wir bzw. der westen die Ukraine nun Putins Willkür überlassen mit den Worten: "Ok, wir haben auch Fehler gemacht, also hast Du das volle Recht jetzt die Ukraine zu zerstückeln."