Ahorn
Sehr aktives Mitglied
Ja, ich denke, dass genau das die Schwierigkeit war. Selbst wenn man wusste, was geschieht, hatte man damals nicht die Möglichkeit, sich auf den Marktplatz zu stellen und die Zustände anzuprangern. Auch mit den Nachbarn konnte man nicht drüber reden, denn man wusste ja nicht, ob die einen nicht verpfeifen.Wer viel Zeit hat, sollte mal die Nürnberger Prozesse lesen, dort findet sich auch einiges, was deutlich macht, wie schwierig es war, überhaupt etwas zu unternehmen.
Man konnte nur zusehen, dass man und seine Familie überlebt. Wenn man mitbekam, dass ein Jude Hilfe brauchte, konnte man heimlich helfen (was auch viele getan haben!). Wenn man noch keine Kinder hatte, um die man sich sorgen musste, konnte man sich auch am aktiven Widerstand beteiligen mit der Gefahr, dass man selbst verfolgt und getötet wurde. Man konnte dies zwar auch tun, wenn man Kinder hatte, doch wer kümmert sich um die Kinder, wenn man auffliegt???
Die beste Methode zum Überleben war damals wohl, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Jemand, der wie wir öffentlich über das Unrecht diskutiert hätte, wäre sehr schnell zum Schweigen gebracht worden.
Von daher sollte die Frage nicht sein: "Gewusst oder nicht?" Sondern: "Was kann man tun, wenn man in widrigen Umständen lebt?" Eine Antwort könnte sein: "Juden helfen, indem man sie versteckt, sie ausser Landes bringt, ihnen Essen zusteckt - was auch immer im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten liegt - und hoffen, dass die Zustände möglichst schnell besser werden, damit jeder Mensch wieder ein normales Leben ohne Heimlichkeiten leben kann."