Keilschrift
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Keilschrift-Tontafel Vorderseite
Keilschrift-Tontafel Rückseite
Keilschrift-Inschrift am Tor der Völker in PersepolisAls Keilschrift bezeichnet man ursprünglich eine sumerische Bilderschrift, deren Formen durch die keilartigen Eindrücke eines Schreibgriffels in den noch weichen Beschreibstoff Ton entstanden. Ihren Namen hat sie von ihren Schriftzeichen, waagrechte, senkrechte und schräge Keile. Die Keilschrift diente zahlreichen Kulturvölkern des alten Orients (Sumerer, Akkader, Babylonier, Assyrer, u.a.) über einen Zeitraum von ca. 3000 v. Chr. bis 400 v. Chr. als bevorzugte Schriftform. Sie entwickelte sich von der anfänglichen Bilderschrift über eine Silbenschrift hin zu einer phonetischen Konsonantenschrift, der Ugaritischen Schrift, bis sie schließlich von anderen Schriftformen (z.B. Phönizische) verdrängt wurde und in Vergessenheit geriet.
Inhaltsverzeichnis [Verbergen]
1 Geschichte und Verbreitung
2 Entschlüsselung und Übersetzung der Keilschrift
3 Schriftgut
4 Schriftentwicklung
5 Struktur und Transliteration
6 Transliteration mit Akzenten und Indexziffern
7 Schriftmedien
8 Quellen
9 Literatur
10 Weblinks
Geschichte und Verbreitung [Bearbeiten]Die sumerische Keilschrift ist die älteste Schriftform. Sie entstand etwa um 3500 v. Chr. im Reich Sumer in Mesopotamien und konnte ihre Vormachtstellung bis ca. 1800 v. Chr. halten. Zunächst begann die sumerische Keilschrift als reine Bilderschrift, bestehend aus Piktogrammen und Ideogrammen, die in Stein und gebrannten Ton geritzt wurden.
In Kisch wurden Kalksteintäfelchen mit den ältesten Zeichen gefunden. Es waren stark vereinfachte Darstellungen etwa eines Kopfes, eines Dreschhammers, eines Pfeiles, eines Kruges, eines Fußes. Drei Berggipfel standen für Gebirge. Viele Worte entstanden durch einfaches Zusammenschreiben von zwei solcher einfachen Piktogramme. Weinen wurde mit den Zeichen Auge und Wasser ausgedrückt, Fürstin ergab sich aus den Zeichnungen Frau und Schmuck. Strafen wurde durch Stock und Fleisch ausgedrückt. Gebirge und Frau ergab Bergweib, was Sklavin bedeutete, weil die Sumerer wohl Sklavinnen von den umliegenden Bergvölkern besorgten. Heuschrecke stand für Heuschrecke aber auch für Vernichtung. Man hatte wohl durch Heuschreckenschwärme abgefressene Felder und Gärten vor Auge. Ein Stern stand für Stern, Himmel (sumerisch an) und Gott (sumerisch: dingir). Eine Essschale stand für Speise. Ein Kopf und eine Essschale steht für essen. Diese Piktogrammschrift blieb aber nicht wie in China bei den einfachen und komplexen Zeichenbedeutungen stehen. Das Piktogramm eines Flusses stand für Wasser sumerisch a, der aber als Laut a auch in bedeutete. Statt hier ein neues Zeichen für in zu erfinden, verwendeten die Sumerer das Zeichenpiktogramm Fluss einfach in seiner Lautbedeutung a gleich in. Da dieses Schnellverfahren immer öfter verwendet wurde, überwog schließlich die Lautbedeutung der Zeichen.
Die typische Keilschrift-Form erhielt diese Schriftart erst um das Jahr 2700 v. Chr. als die altsumerischen Machtzentren Uruk, Ur, Lagash enorm anwuchsen und deren zentrale Tempelbürokratien einen gesteigerten Schreibbedarf entwickelten, der nach einer Rationalisierung des Schreibprozesses verlangte. Geradezu revolutionär kann die neue Technik bezeichnet werden, bei der mit einem stumpfen Schreibgriffel Keile in den noch weichen Ton gedrückt wurden, der anschließend getrocknet oder auch gebrannt wurde.
Wurde die neue Keilschrift zunächst nur von den Sumerern genutzt, gewann sie bei den übrigen Kulturvölkern des alten Orients schnell an Popularität. Um das Jahr 2350 v. Chr. drang das semitische Volk der Akkader nach Sumer vor, übernahm die Herrschaft über die sumerischen Stadtstaaten und damit auch Schrift und Kultur. Unter der akkadischen Herrscherdynastie Sargons von Akkad breitete sich deren Herrschaftsgebiet und damit auch Sprache, Kultur und Schrift weiter aus.
Etwa zur selben Zeit gelangte die Kenntnis der Keilschrift bis nach Syrien in das Reich Ebla, wo sie mit der einheimischen semitischen Sprache, dem Eblaitischen, verwendet wurde. Bereits ab 2500 v. Chr. löste die Keilschrift im benachbarten Königreich Elam (heutiger Iran) die dort geschriebene proto-elamitische Strichschrift ab, wo sie bis in das Jahr 331 v. Chr. Verwendung fand. Auch die Hethiter, deren indogermanische Sprache sich vom semitischstämmigen Akkadisch sehr unterschied, adaptierten die Keilschrift. Die Hethiter ersetzten zunächst ihre eigenen andersartigen Piktogramme durch die Keilschrift. Dabei verlief die Verbreitung der Keilschrift im Norden bis nach Armenien mit Urartäisch als Landessprache und im Süden bis nach Palästina mit Kanaanäisch als vorherrschende Sprache. Die weiterentwickelte Form der Keilschrift war so anpassungsfähig beim Gebrauch der Symbole als phonetische Zeichen, dass die Schrift in gleicher Weise für die Sprachen der Akkader, Babylonier und Assyrer verwendet werden konnte.
Als Hammurabi 1750 v. Chr. den babylonischen Thron bestieg, bestand Mesopotamien lediglich aus einer Reihe rivalisierender Stadtstaaten. Ihm gelang es jedoch aufgrund seiner Feldzüge, das Herrschaftsgebiet Babylons auf ganz Mesopotamien auszudehnen und weit über die Landesgrenzen hinaus die Sprache und Kultur seines Reiches zu verbreiten.
Mit dem Niedergang des babylonischen Reiches und dem Aufstieg des assyrischen verbreitete sich die Schrift und die Kultur des Zweistromlandes bis in das 7. Jh. v. Chr. von Babylonien und Assyrien über Palästina bis nach Ägypten. In dieser Epoche entwickelte sich die Keilschrift zu ihrer endgültigen Form weiter. Ab dem 8. Jh. v. Chr. drangen langsam neue Schriftsysteme, wie die phönizische oder griechische Lautschrift nach Kleinasien vor, die nach und nach die Keilschrift verdrängten bis ihre Kenntnis vollständig verloren ging.
Eine Sonderform der Keilschrift stellt die persische Keilschrift dar. Zu Beginn der Regierungszeit Dareios I. im Jahr 521 v. Chr. besaßen die Perser noch keine eigene Schrift. Die Verwaltungssprache des persischen Reiches war elamisch, daneben wurde in Reliefs stets auch eine Übersetzung in babylonisch angebracht. Dareios I. ordnete die Schaffung einer eigenen persischen Schrift (altpersisch). Die persische Keilschrift war viel einfacher strukturiert (34 Zeichen) als die Keilschriften der Elamer (ca. 200 Zeichen) und Babylonier (ca. 600 Zeichen), und hatte zur besseren Lesbarkeit Worttrenner.
Die persische Keilschrift wurde später (um 400 v. Chr.) durch das Einführen des Aramäischen verdrängt. Der späteste bekannte Keilschrifttext, eine astronomische Tabelle, stammt aus dem Jahr 75 n. Chr.
Entschlüsselung und Übersetzung der Keilschrift [Bearbeiten]Nachdem der Italiener Pietro della Valle 1621 in einem Brief fünf Keilschriftzeichen von einem Ziegel aus Persepolis mitgeteilt hatte, setzte die Entschlüsselung dieser vereinfachten persischen Keilschrift anhand der Kopien von Inschriften ein, die der Orient-Forscher Carsten Niebuhr im Jahre 1765 ebenfalls in Persepolis angefertigt hatte. Ihre Veröffentlichung lag den bahnbrechenden Kombinationen des deutschen Philologen Georg Friedrich Grotefend (Göttingen) zu Grunde. Ohne dass er über Kenntnisse von Schrift und Sprache, vor allem aber auch eine parallele Textfassung in anderen Sprachen verfügt hätte, gelang es ihm im Sommer 1802 binnen weniger Wochen, fast ein Drittel des gesamten Zeichen-Inventars zu entschlüsseln. Das war allerdings nur möglich, weil es sich um recht einförmiges Material handelt, das weitgehend aus Königsnamen mit Filiation und Titulatur besteht, auf die historische Kenntnisse angewandt werden konnten; dementsprechend blieben Grotefend auch die wenigen sachlichen Teile dieser Inschriften verschlossen.
Fortschritte ergaben sich zunächst durch die Erforschung verwandter Sprachen (Avestisch und Sanskrit), vor allem durch den norwegischen Philologen Christian Lassen. Die Einsichten in diesem Bereich konnten auf persische Inschriften angewandt werden. Auch hier halfen Namen - hier Völkernamen weiter. Dazu kam vor allem aber weiteres Material, wie es der englische Offizier Henry Creswicke Rawlinson mit der Kopierung (18351837) und Veröffentlichung (1846/47 und 1851) der Behistun-Inschrift bereitstellen konnte. Erneut waren es Namen, durch deren Kenntnis die noch fehlenden Zeichen erschlossen werden konnten.
Bei der Inschrift auf Felsen von Behistun handelt es sich um eine Trilingue. Nach der Entzifferung des persischen Texten war der Weg frei zur Entzifferung auch der komplexeren Keilschriften in den Sprachen Elams und Babylons.
Anfang des 20. Jahrhunderts entzifferte Bedřich Hrozný die Schriftsprache der Hethiter und legte Grundsteine zur Erforschung derer Sprache und Geschichte.
Die frühe sumerische Schriftkultur stand zunächst ganz alleine der Tempeladministration zur Verfügung, die sie für das Steuerwesen und die Verwaltung als Instrument staatlicher Kontrolle einzusetzen verstand. Allerdings dauerte es sehr lange, bis sich die Keilschrift des gesamten funktionalen Spektrums bemächtigen konnte, das den Schriftgebrauch der antiken Hochkulturen kennzeichnet. Erst nach religiösen und politischen Dokumenten oder privaten Kaufverträgen entstehen wissenschaftliche Schriften und unterhaltende Literatur. Zu den überlieferten Texten gehören Königsinschriften, Epen, Mythen, Hymnen, Wahrsagesprüche und Klagelieder, darunter auch das Gilgamesch-Epos, eine der ältesten überlieferten Dichtungen der Menschheit, und das berühmteste literarische Werk Altbabylons.
Mit der Adaption der Keilschrift durch andere altorientalische Hochkulturen entstand zwischen den Völkern ein erster Briefwechsel, ein Vorläufer des heutigen Postdienstes, wobei die versandten Tontafeln mit Schutzhüllen aus gebranntem Ton versehen wurden.
Es bildete sich der privilegierte Stand des Schreibers heraus, der über das Ansehen eines Aristokraten verfügte, und aufgrund seines direkten Zuganges zu wichtigen Informationen zum Teil mächtiger wurde, als die meist analphabetischen Herrscher. Schreiberschulen wurden eingerichtet, deren Disziplin und Strenge auch anhand von erhaltenen Hausaufgaben dokumentiert ist.
Schriftentwicklung [Bearbeiten]
1. älteste Form, 2. Hammurapi, 3. Assyrisch, 4. Neubabylonisch (Nebukadnezar II.)Die Entwicklungsgeschichte der Keilschrift ließ sich über Tontafeln mit Abschriften, die Tempelschüler bei ihren Lehrmeistern machten, nachvollziehen. Anfänglich handelte es sich bei den Schriftzeichen um Piktogramme, um vereinfachte bildhafte Darstellungen eines Gegenstandes oder Wesens. Später entwickelte sich die Keilschrift zu Ideogrammen weiter, die komplexe Gedankengänge darstellten.
Ab etwa 2900 v. Chr. verloren die Piktogramme mehr und mehr ihre ehemalige Funktion und ihren ursprünglichen Bezug. Nun konnte ein einzelnes Zeichen je nach Sinnzusammenhang verschiedene Bedeutungen haben. Im nachfolgenden Entwicklungsschritt wurde nur noch eine Bedeutung mit einem Zeichen in Verbindung gebracht. Aus ursprünglich 1500 Piktogrammen entwickelten sich so 600 Zeichen, die regelmäßig verwendet wurden. Diese Zeichen bezogen sich mit der Zeit immer mehr auf die Lautung der Worte, die gesprochen wurden. Es entstanden Bilderrätsel (Rebus), in denen ein Piktogramm nicht mehr für das dargestellte Objekt stand, sondern für ein ähnlich lautendes Wort. Ähnlich wie bei den Hieroglyphen vollzog sich bei der Keilschrift über lange Zeiträume hinweg eine Phonetisierung der Schriftzeichen. Damit ein eindeutiges Lesen möglich war, mussten die Schreiber Determinative einführen, um die Zeichen nach Objektbedeutung und Lautbedeutung klassifizieren zu können.