Im Laufe meines Lebens habe ich viel über Schönheit nachgedacht, es war immer ein wichtiges Thema bei mir. Denn ich gehöre wohl eher zu den Charaktergesichtern und entspreche nur sehr wenig einem gängigen Schönheitsideal - und dies hat man mich oft, sogar sehr oft, in meinem Leben spüren lassen. Ich bin nicht mißgestaltet oder abstoßend, aber ich bin wohl eher "interessant" als schön. Die ganze Schulzeit, bis zu meinem 15. Lebensjahr, wurde ich böse gemobbt wegen meines Aussehens - wobei ich denke, es hatte eigentlich andere Gründe. Ich war immer etwas friedlicher, etwas naiver, etwas unbeholfener, mit anderen Dingen beschäftigt; also das ideale Opfer. Da suchte man sich wohl nur einen wunden Punkt, an dem ich angreifbar war. Heute ist mir das eher bewusst, doch es hat sich in mir festgegraben. Es gab Tage, an denen ich weinte wegen meiner vermeintlichen Häßlichkeit und mich überhaupt nicht zeigen mochte und ich mich hilflos fühlte, denn an meiner Optik kann ich ja nur begrenzt etwas ändern....heute komme ich meist ganz gut mit mir klar, doch ich fühle mich schon noch verletzlicher bei dem Thema als so manch anderer Mensch, scheint mir.
Ich habe so viel auf Schönheit geachtet, sie immer wieder wahrgenommen um mich herum und war oftmals neidisch, sogar mißgünstig. Zerrte in meinem Kopf die Makel der anderen Menschen ans Licht, um mich selbst zu beruhigen. Beschwerte mich über den Vorteil der Schönen, einfach nur da sein zu müssen statt zu überzeugen mit Persönlichkeit. Und schimpfte sie oft dumm.
Schönheit macht nicht dumm. Sie kann sogar schlauer machen, weil dem schönen Menschen oft mehr Möglichkeiten offen stehen, dadurch zu erfahren, zu lernen, sich selbst kennenzulernen. Aber auch genau das mag manchmal dem Wachstum im Wege stehen - es fällt einem in den Schoß, es ist zu leicht. Aber da geht es dem Schönen nicht anders wie dem Häßlichen; Gelegenheiten wollen auch genutzt werden und wo kein Acker, da keine Frucht. Ein schöner Mensch ist auch nur ein Mensch mit Stärken und Schwächen.
Heute besteht mein enger Freundeskreis aus lauter schönen Frauen, ohne das ich danach gesucht hätte und ohne das ich mich unterlegen oder bedroht fühlen müsste. Weil sie wunderbare Menschen sind, die keinerlei Dünkel mit sich herumschleppen und kein Thema aus ihrer Schönheit machen - also wieso sollte ich eines daraus machen? Ich sehe sie an und freue mich für sie über ihre Wohlgestalt, ohne sie zu beneiden. Und wenn mich mal wieder der Rappel packt, fangen sie mich auf und nehmen mich in ihre schönen Arme. Schönheit macht nicht dumm, sie ist nur ein Teilaspekt eines Menschen. Wenn ein schöner Mensch dumm ist, ist er nicht dumm, weil er schön ist, sondern weil er dumm ist. Oberflächlichkeit allerdings kann sicherlich Thema sein, wenn ein Mensch nur über sein Äußeres definiert wird und nur lernt, ebenso zu definieren.
Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass es schmerzen kann, nach der Optik beurteilt zu werden. Und ich habe daraus gelernt - wieso sollte ich einem anderen Menschen genau das antun?