Hi
@Renate Ritter,
ich habe den Eindruck, dass wir an einigen Punkten tatsächlich unterschiedlich denken –
und genau deshalb lohnt es sich, diese Unterschiede etwas genauer zu beleuchten. Nicht um eine Deutung durchzusetzen, sondern um den Mitlesenden die Möglichkeit zu geben,
aus zwei polarisierenden Sichtweisen ihr eigenes Verständnis zu entwickeln.
Wenn ich die Bibel lese, dann nicht als Offenbarungsschrift, sondern als großes literarisches Werk, in dem Menschen ihre Erfahrungen mit dem Göttlichen festgehalten haben – oft in starken Bildern und dramaturgischen Szenen. Abrahams Opferbereitschaft ist dafür ein gutes Beispiel: ein Bild, kein Protokoll.
Wenn wir heute über Wandel sprechen, dann sehe ich weniger einen „Bewusstseinswandel“, sondern eher eine Veränderung im geistigen Raum.
Bewusstsein hat sich in der Menschheitsgeschichte immer verändert – das ist nichts Neues. Neu ist für mich, dass Menschen beginnen, geistige Räume zu öffnen, die vorher verschlossen waren. Nicht durch Wahrnehmung, sondern durch Denken. Nicht durch Warten, sondern durch Gestalten.
Die Philosophie diskutiert gerade intensiv, ob die Menschheit noch korrigierfähig ist. Ein kleinerer Teil sagt: ja – wenn wir den Mut haben, neue geistige Spielräume zu betreten. Nicht im Sinne eines „höheren Bewusstseins“, sondern im Sinne einer schöpferischen Fähigkeit, die über das bisher Gedachte hinausgeht. Für mich ist das der eigentliche Wandel: nicht ein verändertes Bewusstsein,
sondern ein neuer Zugang zur eigenen geistigen Gestaltungskraft.
Und vielleicht lohnt sich bei all dem noch eine andere Frage: Befassen sich Träume wirklich nur mit Bewusstseins- oder Unterbewusstseinswahrnehmungen – oder tauchen in ihnen manchmal Impulse auf, die wie schöpferische Funken wirken, als kämen sie aus einer größeren Quelle???? Wenn das so ist, dann sitzt niemand mehr vor den Türen eines Mysteriums
; vielmehr erreicht es jeden Menschen, und wir sind eingeladen, mit diesen Impulsen zu arbeiten.
Vielleicht kann man es auch so sehen: Ein einzelner Mensch ist wie ein Leuchtturm an einer weiten Küste. Er strahlt sein Licht aus, aber er erreicht nur einen bestimmten Abschnitt. Erst wenn viele Leuchttürme entlang der Küste leuchten,
entsteht ein gemeinsamer Raum von Orientierung und Sicherheit. Für mich ist Bewusstseinswahrnehmung genau dieses gemeinsame Licht – die Fähigkeit
, einander überhaupt erst zu sehen. Die schöpferischen Impulse dagegen sind wie neue Lichtstrahlen, die plötzlich auftauchen, ohne dass wir sie vorher wahrgenommen haben.
In diesem Sinne verstehe ich meinen Traum: als Hinweis darauf,
dass schöpferische Impulse nicht nur individuell sind, sondern etwas in Bewegung setzen können, das über uns hinausweist. Das sind erste Gedankenfäden, die ich weiter beobachten möchte.