Früher hat man Kinder, die man nicht brauchen konnte, weil falsches Geschlecht, körperlich behindert oder eben auch aufgrund des Alkoholkonsums der Mutter nicht richtig entwickelt, hinter dem Dorf auf einen Acker gebracht. Davor hat man die Kinder erstickt, ertränkt, vergiftet, erschlagen.
Ich stimme Dir zu, nadida: die Grundlage für die Frage, was lebenswertes Leben ist und was lebensunwertes Leben ist, das verhindert werden muß, liegt im ideologischen Bereich.
Der Humanismus zum Beispiel, den fasse ich jetzt mal zusammen als eine Ideologie, die eine dynamische Ganzheit erkennt, also einen Komplex aus Geist, Körper und Seele, der mehr ist als die Summe seiner Teile und einer Entwicklung unterlegen ist.
Wenn ich es richtig verstehe, dann wäre es also "human", sich um jedes Wesen zu kümmern, das sich entwickelt. Wenn man jetzt zum Beispiel einen geistig behinderten Menschen betrachtet, dann sieht man natürlich ganz objektiv, daß die geistige Entwicklung behindert und ggf. auch nur in geringem Umgang möglich ist. Aber er entwickelt sich körperlich und wir können nicht wissen, ob und wie er sich seelisch entwickelt durch sein Leben. Ich persönlich meine, daß auch ein mehrfachbehinderter Mensch in jedem einzelnen Falle eine Entwicklung erfährt, sobald er Menschen begegnet. Ist die Umgebung förderlich, entwickelt er zum Beispiel positive Gefühle. Ist die Umgebung nicht förderlich gelingt ihm das so wenig wie jedem Gesunden, das ist klar.
Die fundamentaltheologische Einstellung des Katholizismus, als weitere Ideologie, brauche ich nicht zu erklären, denke ich. Jedes Leben ist erwünscht, ist Gottes Erfolg. In vielerlei Punkten wird sich daran gestossen, daß die Kirche bisher keine Abkehr von der Einstellung gefunden hat, daß jedes Leben erwünscht ist, egal ob es von einer alkoholkranken Frau stammt oder von einer afrikanischen Mutter, die bereits 5 unterernährte Kinder hat und selber unterernährt ist. Wenn der Mensch (jeder (!) Mensch) nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, dann ist damit nicht gemeint, daß ein Mensch Beine hat und laufen kann, sehen kann, denken und sprechen kann, wahrnehmen kann. Auch jemand, der all das nicht kann, ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen.
Ich will mal diese beiden Ideologien hernehmen, um zu erklären, warum ich zu meiner Einstellung komme, und aber noch anfügen, wofür bis zu Erfindung der Gentechnik und der pränatalen Diagnostik die Medizin zuständig war:
a) Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit, und
b) Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheit.
Man sieht: die Verhinderung von krankem Leben war nicht dabei und die Bevorzugung von Gesundheit ebenfalls nicht.
Wo kommt denn dann aber die Bevorzugung gesunden Lebens her, die wir als Neuzeitler, denke ich, alle in uns drin tragen? Wenn es doch weder im humanistischen noch im christlichen noch im medizinischen Weltbild eine Rolle spielt, ob jemand gesund oder krank ist und wenn in diesen Ideologien jeder (!) frei leben kann, egal wie er disponiert ist, egal wie er sich entwickelt. Hauptsache ist: er lebt. Solange ist man sowohl als humaner Mensch, als auch als Christ als auch als Mediziner für jeden (!) Menschen gleich zuständig.
Klamüsern wir es auseinander, liebe Freunde, bitte dabei um Hilfe:
Im Mittelalter war krank, was gesündigt hatte. Krankes gab sich auch von Eltern an die Kinder weiter, entwickelte sich in den Familien. Man beobachtete - genauer die Priester, Mönche und Nonnen beobachteten, denn sie waren neben dem Adel die Einzigen mit Bildung - daß sich sowohl Geisteskrankheiten als auch Sucht und körperliche Behinderung in den Familien hielten. Etwa 95% der Bevölkerung lebten als Bauern auf vom Adel oder von der Kirche gepachtetem Land und hatten ein gutes Leben, wenn sie einen guten Fürst hatten. Bei den etwa 5 sonstigen Prozent handelte es sich um die nicht arbeitsfähige Bevölkerung, die von den Almosen der Kirche lebte oder im Wald.
Diese Gesellschaft war nicht darauf ausgelegt, Leben zu verhindern. Sie bevorzugte auch nicht Gesundheit, wusste natürlich, daß Gesundheit für den Menschen erstrebenswert ist, aber überließ es sozusagen Gott, was gesund war und was nicht.
Die Verbindung von Sünde und Krankheit wurde durch die Reformation erstmals gelöst und dann durch das Aufkommen neuen Wissens ab dem 15. - 16. Jahrhundert (Amerika und so weiter) von einem neuen medizinischen Verständnis abgelöst, das sich von der mittelalterlichen Theologie trennte. Auch die Theologie passte sich den neuen Erkenntnissen an und es ergab sich ein neues Bild von der Natur, das wir noch immer entwickeln.
Im 17. Jahrhundert erlebte Europa den ersten gravierenden Wandel, durch die Industrialisierung. Die Gesellschaften bildeten sich neu, es entstand Bürgertum und in diesem Bildung, die Stände und Räte erhoben sich und führten bis in das 19. Jahrhundert hinein zur Bildung von Nationalstaaten. Die Säkularisierung war damit flächendeckend abgeschlossen und von nun an ist es ein Staat, der sich um die Menschen kümmert, und keinesfalls mehr Gott.
Etwa um 1850 dann entstand eine neue Naturwissenschaft, die Eugenik. Sie fragte nach Gesundheit und Krankheit, war also eine medizinische Wissenschaft. Ihre Frage war tatsächlich: wie kann man krankes Leben verhindern? Eine weitere Beschäftigung der Eugenik war die Untersuchung von Menschenrassen auf körperliche, geistige und soziale Merkmale. Zum Beispiel bereiste man in dieser Zeit Afrika, stellte fest, daß die Menschen nicht lesen und schreiben können und hielt sie daher für dumm. Oder man beobachtete Zigeuner, die wanderten, und schloß daraus, daß sie zu arm sind, um ein Zuhause zu haben und gestohlen haben müssen, falls sie reich sind. Man beobachtete die Juden, die sich wie Misteln in Bäumen in allen Kulturen in Nischen befanden, aber gut integriert waren und erkannte durch ihre Verquickung im "internationalen Finanzjudentum" den globalen Volksfeind. (all das war keine deutsche "Leistung", übrigens, sondern eine europäische.)
Nun muß man das Kaiserreich (1871-1918) erwähnen, falls man nicht in Österreich-Ungarn wohnt oder in der Schweiz: Einführung von Krankenversicherung und Rente, Bedürftige bekamen staatliches Geld, das Bürgertum hatte endlich auch in Deutschland das Recht auf Mitsprache bekommen. In diesem deutschen Kaiserreich entwickelte sich diejenige Mentalität, die Mann in seinem Buch beschreibt: ein auf alles herabblickender, strebender Angsthase, der um himmels willen seinen Status nicht verlieren will.
Dann aber verlor er alles, durch den Krieg. Dann verlor er auch noch die Zukunft aufgrund der Reparationszahlungen. Dann verlor er die Gegenwart aufgrund der Inflation. Adolf Hitler stand dann zur Stelle. Er nahm die Massen mit in sein neues Reich, in dem es nur noch Gesunde geben wird, in dem das Kranke ausgerottet ist, in dem kein Bürger die Kosten der Kranken- und Behindertenpflege bezahlen muß, in dem die "armen Menschen, deren Leben lebensunwert ist" verhindert werden.
Ich weiß nicht, wie Ihr das seht, aber für mich wird aus meiner beschränkten Kenntnis der Geschichte, des Humanismus, der Theologie und der Medizin einfach klar, wo es herkommt, wenn wir krankes Leben meinen verhüten zu müssen. Uns ist nicht klar, daß es daher kommt - das ist mir wohl bewusst. Daher mache ich es uns bewusst.
lg