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AphroditeTerra
Guest
Da war einmal einer der sagte "Cogito ergo sum"
Mandy
Antonio Damasio
Descartes Irrtum
Natürlich kann ich meinen Standpunkt ... nicht darlegen, ohne auf Descartes einzugehen, diese Galionsfigur für zahlreiche Ideen über Körper, Gehirn und Geist, die auf die ein oder andere Weise noch heute ihren Einfluss auf die westliche Natur- und Geisteswissenschaft ausüben.
Wie Sie gesehen haben, gilt meine Besorgnis dabei einerseits dem dualistischen Begriff, mit dem Descartes den Geist vom Gehirn und Körper trennt, und andererseits den modernen Varianten dieses Begriff: der Vorstellung beispielsweise, dass Geist und Gehirn miteinander verwandt sind, aber nur insofern, als der Geist das Softwareprogramm ist, das in einer Computerhardware namens Gehirn abläuft, oder dass Gehirn und Körper zwar in Beziehung zueinander stehen, aber nur insofern, als ersteres nicht ohne die vitalen Lebensprozesse des letzteren überleben kann.
Worin bestand also Descartes Irrtum?
Oder noch besser, welchen von Descartes Irrtümern greife ich hier unfreundlich und undankbar heraus?
Den Satz von Descartes: Cogito ergo sum Ich denke, also bin ich
Nimmt man ihn wörtlich, so beschreibt dieser Satz das Gegenteil meiner Ansicht von den Ursprüngen des Geistes und von der Beziehung zwischen Geist und Körper. Er besagt nämlich, dass Denken und das Bewusstsein vom Denken die eigentlichen Substrate des Seins sind. Und da Descartes das Denken bekanntlich für eine Tätigkeit hielt, die sich völlig losgelöst vom Körper vollzieht, behauptet er in dieser Äußerung die radikale Trennung von Geist, der denkenden Substanz (res cogitans), und dem nicht denkenden Körper, der Ausdehnung besitzt und über mechanische Teile verfügt (res extensa).
( Damasio beschreibt und vertritt die Evolutionstheorie Entstehung des Menschen durch die Evolution. )
... Für uns gab es also zuerst das Sein und erst später das Denken.
Und auch heute noch beginnen wir, wenn wir auf die Welt kommen und uns entwickeln, zunächst mit dem Sein und fangen erst später mit dem Denken an. Wir sind, und dann erst denken wir, und wir denken nur insofern, als wir sind, da das Denken nun einmal durch die Strukturen und Funktionen des Seins verursacht wird.
... Darin liegt Descartes Irrtum: in der abgrundtiefen Trennung von Körper und Geist, von greifbarem, ausgedehntem, mechanisch arbeitendem, unendlich teilbarem Körperstoff auf der einen Seite und dem ungreifbaren, ausdehnungslosen, nicht zu stoßenden und zu ziehenden, unteilbaren Geiststoff auf der anderen; in der Behauptung, dass Denken, moralisches Urteil, das Leiden, das aus körperlichem Schmerz oder seelischer Pein entsteht, unabhängig vom Körper existieren. Vor allem: in der Trennung der höchsten geistigen Tätigkeiten vom Aufbau und der Arbeitsweise des biologischen Organismus.
... Die cartesianische Vorstellung von einem körperlosen Geist ist wohl die Grundlage gewesen, auf der man Mitte des 20. Jahrhunderts die Metapher vom Geist als Softwareprogramm entwickelt hat.
... Die cartesianische Vorstellung eines körperlosen Geistes liegt möglicherweise auch der Auffassung jener Neurowissenschaftler zugrunde, die behaupten, Geist lasse sich ausschließlich durch Gehirnereignisse erklären, so dass man den Rest des Organismus sowie die physische und soziale Umwelt getrost ausklammern könne ...
... Ich wehre mich gegen diese Einschränkung ... weil diese restriktive Formulierung offenkundig unvollständig ist.
Die Feststellung, dass der Geist aus dem Gehirn erwächst, ist unbestreitbar, doch würde ich diese Aussage gerne noch ergänzen und nach den Gründen fragen, warum sich die Hirnneuronen so vernünftig verhalten. Denn genau hier liegt, soweit ich erkennen kann, das entscheidende Problem.
... Möglicherweise ist Descartes mitverantwortlich für den Weg, den die Medizin eingeschlagen hat, fort von dem organische Geist-im-Körper-Ansatz, der von Hippokrates bis zur Renaissance vorherrschend war. Wie ärgerlich wäre Aristoteles wohl auf Descartes gewesen, hätte er ihn gekannt.
... Zum umfassenden Verständnis des menschlichen Geistes ist eine organische Perspektive erforderlich, dass der Geist nicht nur aus einem körperlosen Cogitum in das Reich von Körpergeweben verlegt, sondern auch zu einem ganzen Organismus in Beziehung gesetzt werden muss, der aus den vielfältig miteinander verflochtenen Teilen des Körpers im engeren Sinn und des Gehirns besteht und der mit einer physischen und sozialen Umwelt interagiert.
Allerdings gibt der wahrhaft verkörperte Geist, den ich im Sinn habe, keineswegs sein höchsten Funktionsebenen preis, jene Ebenen, die wir unter dem Begriff Seele zusammenfassen. Aus meiner Sicht sind Seele und Geist in ihrer ganzen Würde und mit allen ihren menschlichen Dimensionen, jetzt komplexe und singuläre Zustände eines Organismus.
Vielleicht ist das Wichtigste, was wir an jedem Tag unseres Lebens tun können, uns und andere an unsere Vielschichtigkeit, Anfälligkeit, Endlichkeit und Einzigartigkeit zu erinnern.
Natürlich ist das eine schwierige Aufgabe, bedeutet sie doch: den Geist von seinem Podest im Nirgendwo an einen bestimmten Ort zu verlegen, ohne dabei seine Würde und Bedeutung zu beschädigen; seine niedrige Herkunft und Verletzlichkeit anzuerkennen und sich doch seiner Führung anzuvertrauen. Eine Aufgabe, die in der Tat so schwierig wie unabdingbar ist, aber ohne die wir weit besser daran täten, Descartes Irrtum unberichtigt zu lassen.
http://v.hdm-stuttgart.de/projekte/iwm/roswitha_projekt_wissen_emotion/damasio/damasio_12.htm
Ali



