Amerika in der Krise
US-Konsum im Teufelskreis
Finanzminister Paulson will die Menschen zu mehr Ausgaben bewegen. Doch die Herausforderungen sind enorm: Bei Konsumentenkrediten stockt die Verbriefung. Schlimmer noch: Die Amerikaner sind im Käuferstreik.
US-Finanzminister Henry Paulson hat Großes vor. Nachdem er das Banksystem mit Milliarden stützte, will er nun auch dem amerikanischen Verbraucher beispringen. Zum Einen fordert er die Banken auf, das Geld aus dem 700 Mrd. $ schweren Rettungsfonds auch in Form von Krediten weiterzureichen. Zum zweiten will er direkt Geld aus dem Fonds verwenden, um den Markt für Konsumentenkredite anzukurbeln. *lOl - gehts noch dümmer? die menschen konsumieren nicht mehr, weil Sie Ihre Kreditraten nicht mehr bedienen können und der US-Finanzminister will die Konsumentenkreditvergabe ankurbeln, damit die Menschen noch mehr Schulden machen.
Paulson hat es mit einem regelrechten Teufelskreis zu tun. Nicht nur führt die Krise zu steigender Arbeitslosigkeit und Vermögensverlusten, die auf den Konsum drücken. Kreditkartenanbieter, Auto- und Studentenfinanzierer können sich zudem nicht am Kapitalmarkt refinanzieren, da die Nachfrage nach Verbriefungen eingebrochen ist. Das wiederum verleitet die Unternehmen zu einer schärferen Kreditvergabe, die wiederum die finanziellen Spielräume der Verbraucher einschränkt.
Es droht eine Abwärtsspirale, die die US-Wirtschaft tief in die Rezession reißen könnte. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass die USA im kommenden Jahr um 0,7 Prozent schrumpfen wird. Im dritten Quartal ging das Bruttoinlandsprodukt bereits um 0,3 Prozent zurück.
Die Herausforderungen sind enorm. Der durchschnittliche Amerikaner befindet sich im Käuferstreik. Das verdeutlichten die am Freitag veröffentlichten Einzelhandelsumsätze für Oktober. Gegenüber dem Vormonat fielen die Umsätze um 2,8 Prozent. Volkswirte hatten mit einem Minus von 2,1 Prozent gerechnet. Bereits im September waren die Umsätze um 1,2 Prozent rückläufig gewesen.
"Oktober war schlimm für den Einzelhandel, November wird nicht besser, und auch der Dezember wird nicht gut ausfallen", sagte Markus Schomer, Volkswirt bei AIG Global Investment Group. "Die Verbraucher reagieren auf durch fallende Hauspreise und Kursstürze an den Börsen ausgelöste Vermögensverluste."
Für die Vereinigten Staaten ist das verheerend. Der Konsum spielt für die USA eine entscheidende Rolle. Er macht 70 Prozent des Bruttonlandsprodukts aus. Ein zentraler Grund für die Zurückhaltung der Verbraucher ist neben den Vermögenseinbußen auch die steigende Arbeitslosigkeit.
Im Oktober kletterte die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent - das ist der höchste Stand seit 14 Jahren. Volkswirte gehen davon aus, dass der Wert weiter bis auf 8,0 Prozent steigen wird. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stiegen am Donnerstag jedenfalls um 516.000. Das ist der größte Zuwachs seit September 2001. Damit erhalten nun so viele Amerikaner staatliche Unterstützung wie seit 1983 nicht mehr.
Das zweite große Problem ist der ausgetrocknete Refinanzierungsmarkt für Konsumentenkredite. Nach Berechnungen von Creditsights wurden im September nur noch 2,5 Mrd. $ an mit Kreditkartenschulden besicherten Wertpapieren begeben. Im August waren es noch 4,2 Mrd. $ gewesen. * beinahe eine halbierung innerhalb 1 Monats Ähnlich dramatisch sieht es bei den Autodarlehen aus. Hier ging das Emissionsvolumen von September bis Oktober sogar von 7 Mrd. $ auf 500 Mio. $ zurück.* ein Rückgang von 86% innerhalb von 1 Monat.
Bei Studentenkrediten sieht es nicht besser aus. Wurden im Gesamtjahr 2007 noch 60 Mrd. $ an Wertpapieren begeben, so waren es bis Ende August 2008 bisher nur 28 Mrd. $. "Wenn man auch einen Rückgang bei Konsumentenkrediten in Zeiten einer rückläufigen Darlehensvergabe erwarten kann, so ist der dramatische Rückgang dieses Jahr doch schockierend", schreiben die Analysten von Creditsights.
Neues Fenster bei der Fed für Studentenkredite
Paulson arbeitet nun mit der US-Notenbank Fed an einer Lösung. "Mit der US-Notenbank Federal Reserve sprechen wir über ein neues geldpolitisches Fenster für besicherte Wertpapiere mit gutem Rating. Wir prüfen Lösungsansätze, mit denen die Investoren in diesen Markt zurückgelockt werden können. Dabei könnte auch Geld aus dem Rettungsfonds eingesetzt werden." Im Gespräch soll eine Summe von 50 Mrd. $ aus dem Rettungsfonds sein.
Volkswirte sind kritisch, ob die Notoperation der Regierung gelingt. Die Volkswirte von Goldman Sachs beispielsweise betonen, dass es nicht um das Kreditangebot, sondern auch um die Kreditnachfrage gebe. "Der Rückgang der Kreditnachfrage bekommt nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Frage lautet, warum weniger Darlehen nachgefragt werden", schreiben die Goldman-Experten. "Wenn es daran liegt, dass die Schuldner denken, sie bekommen kein Kredit, dann sind die Bemühungen der Notenbank gerechtfertigt. Wenn sie sich aber nur weniger ausgeben, um in unsicheren Zeiten ein Polster anzulegen, dann könnte der Erfolg für Washington ausbleiben."