der Hinterwäldler...
"Alle moderne Kulturen haben eine Wiege aus Stein und Mörtel.
Solche Mauern hinterlassen tiefe Spuren im Geist des Menschen.
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So waren es die Wälder, wo unsere Kultur geboren wurde, und diese Geburtsstätte und ihre Umgebung gab ihr ihr bestimmtes Gepräge. Sie war umgeben von dem weiten und mannigfachen Leben der Natur. Wurde von ihr genährt und gekleidet und war mit allen ihren wechselnden Erscheinungen aufs innigste vertraut und verbunden.
Man könnte glauben das solch Leben die Wirkung hätte, den menschlichen Geist abzustumpfen und jeden Antrieb zum Fortschritt verkümmern zu lassen, indem es den Menschen auf tieferer Stufe festhält.
Aber beim alten Indien sehen wir, daß die primitiven Verhältnisse des Waldlebens, den menschlichen Geist nicht in seiner Entwicklung hemmten, noch den Strom seiner Tatkraft schwächten, sondern ihm nur eine bestimmte Richtung gaben.
Da er mit dem lebendigen Wachstum der Natur in beständiger Berührung war, konnte in ihm nicht der Wunsch entstehen, seine Herrschaft dadurch auszudehnen, daß er das Erworbene mit Mauern gegen sie abgrenzt.
Er wollte letzten Endes nicht erwerben, sondern sich innerlich zu eigen machen, sein Bewusstsein erweitern,
indem er mit seiner Umgebung wuchs und in sie hineinwuchs.
Er fühlte, daß die Wahrheit allumfassend ist, das es soetwas wie gänzliche Absonderung in der Welt nicht gibt
und daß der einzige Weg, zur Wahrheit zu gelangen, die wechselseitige Durchdringung unseres Wesens mit allen Dingen ist. Diese große Harmonie zwischen dem Geist des Menschen und dem Geist der Welt zu verwirklichen ,
war das Bestrebungen der Waldweisen im alten Indien.
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Das Abendland scheint stolz darauf zu sein, daß es sich die Natur unterwirft; als ob wir in einer feindlichen Welt lebten, wo wir alles, was wir brauchen, einer fremden und widerwilligen Ordnung der Dinge gewaltsam entreißen müssten. Dies Gefühl ist Wirkung der Gewöhnung und Bildung unsres Geistes durch die Stadtmauern. Den bei dem Leben in der Stadt richtet der Mensch ganz unwillkürlich sein ungeteiltes Augenmerk auf sein eigenes Leben und Schaffen, und dies bewirkt eine künstliche Entfremdung zwischen ihm und der All-Natur, in deren Schoß er liegt.
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Diese fundamentale Einheit der Schöpfung war in Indien nicht bloß eine theoretische Philosophie, es betrachtete es als die Aufgabe seines Lebens, diese große Harmonie im Fühlen und im Handeln zu verwirklichen.
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Indien fühlte unmittelbar die tiefe Bedeutung, die diese Allverbundenheit für unser Leben hat.
Wir müssen ihrer immer eingedenk sein und im Bewusstsein alles auf sie beziehen--nicht bloß aus reiner wissenschaftlicher Neugier oder Sucht nach materiellem Vorteil, sondern im Geiste der allumfassenden Liebe,
mit einem weiten Gefühl von Freude und Frieden.
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Rabindranath Tagore, Auszug aus: Shadana. Der Weg zur Vollendung