Thießen: In der Tat. Die Notfallpläne lagen in der Schublade, alle sechs Monate mahnte die
WHO: »Es ist keine Frage,
ob, sondern nur
wann die nächste Pandemie kommt.« Dennoch wähnten wir uns aus drei Gründen in trügerischer Sicherheit: Erstens leben wir im Zeitalter der Immunität. Dank Antibiotika, dank systematischer Hilfsprogramme halten wir
Infektionskrankheiten nicht mehr für eine Bedrohung. Noch unsere Eltern wussten: Infektionskrankheiten gehören zum Leben dazu und können tödlich sein. Das Sicherheitsgefühl hat uns ein Stück weit blind gemacht für unsere eigene Verwundbarkeit. Diese Selbstsicherheit müssen wir aufgeben! Zweitens war die
Schweinegrippe der Jahre 2009/10 ein großes Problem.
SPIEGEL: Wieso?
Thießen: Weil sie so glimpflich ausging. Anfangs war die Sorge enorm, in Schlagzeilen war von 40.000 möglichen Toten die Rede. Doch dann stand binnen kürzester Zeit ein Impfstoff bereit, was unser Immunitäts-Sicherheitsgefühl abermals verstärkte. Zudem erwies sich das Schweinegrippe-Virus als relativ harmlos, die gigantischen Impfstoffreserven waren also überflüssig. Es hagelte Kritik an der Hysterie und Panikmache. Die Schweinegrippe ist in unser kollektives Bewusstsein eingegangen als abschreckendes Beispiel für blinden Aktionismus.