Aus der Suchtforschung

GreenTara

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Da diverse Threads zum Thema Sucht oder suchtähnlichem Verhalten gestartet wurden, hier ein kurzer "Input" aus Sicht der Forschung:

[...]„Sucht“ leitet sich sprachlich von „Siechen“ ab, nicht etwa von „Suchen“. Doch ein Blick ins Wörterbuch zeigt, dass wir es mit der sprachlichen Herkunft nicht allzu genau nehmen: Als „Süchte“ findet man dort etwa die Begriffe Sehnsucht, Eifersucht, Heroinsucht – also das als positiv bewertete Sehnen nach einer Person, Situation oder nach einem bestimmten Flecken Erde, ebenso wie das ambivalent beurteilte Verhalten (von der „gesunden Portion“ Eifersucht bis zur krankhaft gesteigerten) gegenüber dem Partner und schließlich die zerstörerische Abhängigkeit von einer Droge.

Selbst als medizinischer Begriff findet die Sucht breite Anwendung; da ist von Ess-Brech-Sucht die Rede, von der Spiel- oder Sexsucht, ja sogar von Fernseh- oder Computersucht sprechen manche. Das Etikett Sucht muss für praktisch jede Form eines Substanzkonsums, einer Tätigkeit oder eines Verhaltens herhalten, die der Umwelt als exzessiv anmutet.

Der freizügige Gebrauch des Begriffs erschwert es, sich ein klares Bild vom Phänomen der Sucht zu machen. Und zwar in zwei Richtungen: Ein Faible für Schokolade als Sucht zu bezeichnen, bedeutet, die Schwere einer Alkohol- oder Kokainsucht unverantwortlich zu bagatellisieren. Stundenlangen Fernsehkonsum oder den starken Wunsch nach Sex begrifflich in die Nähe einer Nikotin- oder Medikamentensucht zu rücken, heißt wiederum, jede ausgeprägte Neigung zur Krankheit zu erklären. Der Sinngehalt des Begriffs droht zwischen Unter- wie Übertreibung zerrieben zu werden. [...]

[...]In dem Krankheitsinventar der ICD-10 ist auch festgelegt, ab wann man von einer Abhängigkeit sprechen muss, nämlich dann, „wenn der Konsum einer Substanz oder Substanzklasse für die betroffene Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die von ihr früher höher bewertet wurden“. Dabei enthält die Liste 8 Kriterien, von denen auf die Person während des letzten Jahres drei zutreffen müssen, um von Abhängigkeit sprechen zu können. Hierzu gehören etwa die verminderte Kontrollfähigkeit, das Auftreten von Entzugserscheinungen, die Tendenz zur Dosissteigerung und ein fortgesetzter Konsum selbst bei bereits eingetretenen schädlichen Folgen.

Süchtiges Verhalten läßt sich als nicht an der Menge oder der Häufigkeit des Drogenkonsums festmachen, sondern am Auftreten einer Abhängigkeit, mithin am Freiheitsverlust beziehungsweise Freiheitsverzicht der Person.[...]


Quelle: Suchtforschung auf neuen Wegen, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Reihe BMBF PUBLIK, 2004
 
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Da diverse Threads zum Thema Sucht oder suchtähnlichem Verhalten gestartet wurden, hier ein kurzer "Input" aus Sicht der Forschung:




Quelle: Suchtforschung auf neuen Wegen, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Reihe BMBF PUBLIK, 2004

Dein Beitrag ist ja schon relativ alt, aber falls noch Interesse an dem Thema besteht können wir uns gern darüber austauschen.

LG
 
Hallo Manouche :)
Dein Beitrag ist ja schon relativ alt, aber falls noch Interesse an dem Thema besteht können wir uns gern darüber austauschen.

Das Feld ist groß, worüber genau möchtest du dich denn austauschen? Über den Begriff Sucht an sich, seine inflationäre Verwendung,die Diskriminierung, die damit einher geht, wenn eine Person als süchtig bezeichnet wird, wie ein Süchtiger mit seiner Sucht umgeht, etc.?

Schöne Grüße
Rita
 
Über den Begriff ansich, und über mögliche Therapieverfahren.
Da ich selbst, und einige in meinem Umfeld „Betroffene“ sind, kann ich aus Erfahrung sagen, dass die üblichen Therapieformen, wenn überhaupt nur kurzfristig wirklich helfen.
Eine der Gründe mag mitunter der sein, dass die Sucht als eine für sich "alleinstehende und unheilbare Krankheit" betrachtet und dem entsprechend behandelt wird, anstatt als Symptom.
Nach Aussagen von Therapeuten,Beratern und Ärzten heißt es ja auch; Betroffene bleiben ein Leben lang süchtig.

Meiner Meinung nach ist jede Form der Sucht eine Kompensation.
Der Konsum/ die Zwangshandlung dient dazu das innere Gleichgewicht wieder her zu stellen.
Dort wo im inneren ein Mangel herrscht, etwas fehlt, entsteht (meist unbewusst) der Wunsch danach.
Deshalb denke ich, dass das Wort Sucht nicht der Oberbegriff aller Abhängigkeitsformen ist, sondern das Wort Sehnsucht.
Sprachwissenschaftlich betrachtet ist das Wort -Sehnsucht-, ein "zusammen fügen' der beiden Wörter -Sehn- und -Sucht-.
-Sehn-, kann entweder eine Ableitung des Substantivs die Sehne sein, welches ein Bindeglied beschreibt. Oder des Verbs sehnen das Ausdruck eines starken Wunsches ist.
Ebenso verkörpert -Sucht- zweierlei. Nämlich das Nomen -die Sucht-, im Sinne von Abhängigkeit. Oder das Indikativ des Verbs suchen.

In unserer Wissenschaftlich anerkannten Schulmedizin kann damit wenig angefangen werden. Anders dagegen sieht es in der Alternativmedizin aus.
Dort geht man in vielen Behandlungsmethoden davon aus, dass der Natürliche/Gesunde Zustand des Menschen bedingt ist an die ausgewogenheit der beiden polaren Kräfte Yin&Yang (männlich/aktiv und weiblich/passiv)
und die Trinität des Menschen im Sinne der Ganzheitlichkeit Körper,Seele und Geist.
In der Spirituellen Psychotherapie wird seit einigen Jahren mit dem Konzept der Inneren Familie (innerer Vater/Mann, innere Mutter/Frau und das innere Kind) gearbeitet. Kennen wir ja zum Teil auch aus der Astrologie.
Ich denke jede Art von Sucht ist die äusserliche Manifestation der inneren Suche nach einer fehlenden Yin oder Yang (anima&animus) Qualität und/oder Verbindung der beiden, die widerum ihren Ursprung in einem „gestörten“ Verhältnis der eigenen inneren Familie hat.

Durch das Statement „Betroffene bleiben ein Leben lang süchtig“, wird ja klar dass „Betroffene ein leben lang suchende bleiben“
Was völlig OK ist, solange die Suche des jeweiligen seine Funktion im System nicht beeinträchtigt und behindert.

Lg
Manouche
 
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Hallo Manouche :)

Über den Begriff ansich, und über mögliche Therapieverfahren.
Da ich selbst, und einige in meinem Umfeld „Betroffene“ sind, kann ich aus Erfahrung sagen, dass die üblichen Therapieformen, wenn überhaupt nur kurzfristig wirklich helfen.

Ich kann aus Erfahrung sagen, dass übliche Therapieverfahren durchaus helfen können, und zwar sehr langfristig.

Eine der Gründe mag mitunter der sein, dass die Sucht als eine für sich "alleinstehende und unheilbare Krankheit" betrachtet und dem entsprechend behandelt wird, anstatt als Symptom.

Abhängigkeit wird auch in "üblichen Therapien" (welche sind gemeint?) als Symptom betrachtet bzw. als missglückter Versuch, ein gravierendes Problem zu lösen. Tatsächlich sind bestimmte Formen von Abhängigkeit tatsächlich "unheilbar" in dem Sinne, dass der Körper durch Veränderungen (bestimmte Rezeptoren) bei Zufuhr des Suchtmittels wieder reagiert und es deshalb sinnvoll ist, abstinent zu bleiben. Es ist einfach weniger kräfteraubend als zum Beispiel "kontrolliert" zu trinken. Bei anderen Formen der Abhängigkeit fährt man gut mit einem niedrig dosierten Ersatzmittel.

Meiner Meinung nach ist jede Form der Sucht eine Kompensation.

Wie gesagt: Ein Versuch, ein Problem zu lösen, wobei die Lösung zum Problem wird.

In der Spirituellen Psychotherapie wird seit einigen Jahren mit dem Konzept der Inneren Familie (innerer Vater/Mann, innere Mutter/Frau und das innere Kind) gearbeitet.

Das ist nicht auf die "spirituelle Psychotherapie" - was ist das überhaupt? - beschränkt, sondern wird auch in der "herkömmlichen Therapie" seit Jahrzehnten eingesetzt.

Kennen wir ja zum Teil auch aus der Astrologie.
Das ist aber nichts Astrologiespezifisches, sondern eher als Angebot im Rahmen einer Beratung bzw. eines Coachings auf der Basis des Horoskops zu verstehen und teilweise Auswuchs der sogenannten "psychologischen Astrologie" oder "astrologischen Psychologie". Leider.

Was völlig OK ist, solange die Suche des jeweiligen seine Funktion im System nicht beeinträchtigt und behindert.

Genau das ist ganz häufig das Problem, das gelöst werden soll (mit einem untauglichen Mittel): Man versucht, in einem völlig absurden System (Wirtschaft, Gesellschaft, Herkunftsfamilie etc.) zu funktionieren bzw. seine Funktion zu erfüllen. Menschen sind aber keine Rädchen im Getriebe. Funktionieren wollen halte ich für kein geeignetes Therapieziel, im Gegenteil.

Die Frage ist - wie bei jeder Therapie - was will derjenige, der dort Hilfe sucht: Will er/sie Symptomfreiheit oder will er gesunden? Wenn jemand gesunden will, ist es meistens recht wurscht, welche Therapie es denn nun genau ist, die zum Einsatz kommt - entscheidend ist die Motivation, leben zu wollen. In der Therapie gilt es, seinen "Werkzeugkoffer" für das Leben ohne Suchtmittel gut zu füllen und während und auch nach der Therapie zu lernen, je nach Situation und Umständen das entsprechende Werkzeug (eingeübte Verhaltensweisen im weitesten Sinne) vorzuholen.

Schöne Grüße
Rita
 
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