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Einheit in der Vielfalt

Dieses Thema im Forum "Religion & Spiritualität" wurde erstellt von wolfgangwallner, 18. Juni 2005.

  1. wolfgangwallner

    wolfgangwallner Neues Mitglied

    Registriert seit:
    2. Oktober 2004
    Beiträge:
    6
    Ort:
    Wien/Österreich
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    Zu Thema der "Einheit in der Vielfalt" möchte ich einen Ausschnitt aus meinem Buch "Elihu; Hinterlassene Aufzeichnungen aus der Ewigkeit" beisteuern und hoffe, dass sie Anlaß zu Überlegungen gibt.
    Liebe Grüße
    Wolfgang Wallner-F.
    PS.: Bitte beachtet das Copyright, wenn Ihr die Geschichte aber eventuell verwenden wollt, könnt Ihr mir ja schreiben, was ich auch sonst hoffe.
    Also los gehts:

    Rechts und links vom Gelben Fluss

    Der Gelbe Fluss hatte seine Quelle an dem Platz, an dem die Sonne aufging und er erreichte das Meer in Richtung Sonnenuntergang. Am linken Ufer des Gelben Flusses lebte das Denken, am rechten wohnte das Fühlen.

    Mit der Mittagssonne im Rücken sah Denken über den Gelben Fluss. Dort erkannte es erstmals im Gras einen dunklen, wunderschönen, aber unförmigen Schatten, der sich scheinbar wohlig am Ufer entlang ausbreitete. Denken wollte unbedingt wissen, was dort war. Noch nie hatte es etwas gesehen, das ihn in ähnlicher Weise interessierte. Denken war sehr gescheit und wusste natürlich alles über die Naturgesetze und so vermutete es zunächst, dass dieser Schatten vom ihm selbst erzeugt wurde. Diese Vermutung erwies sich auch als richtig, denn wenn es sich bewegte, bewegte sich der Schatten. Seltsam war allerdings, dass es bei Bewegungen des Schattens eine Unruhe in sich feststellte, die nur durch einen Reflex zu beenden war. Denken musste unbedingt erfahren, was es mit diesem Schatten auf sich hatte und es rief über den Fluss: „Guten Tag, schöner Schatten. Wer bist Du?“ Doch es kam keine Antwort.


    Der Gelbe Fluss hörte diese Frage. Er, der schon ewig dort sein Bett hatte, schon viel länger, als es Denken und Fühlen gab, hatte schon lange auf diesen Kontaktversuch gewartet. Es konnte einfach nicht richtig sein, dass auf seiner linken Seite sich etwas derart Helles befand, das durch ihn gehindert wurde, sich mit dem Dunklen auf seiner rechten Seite zu verbinden. Früher war er sich keines seiner beiden Ufer bewusst gewesen. Es war eigentlich so gewesen, dass er überhaupt keine Ufer besessen hatte. Erst als Denken und Fühlen auftauchten, musste er ein Bett benützen. Er ahnte, dass Denken und Fühlen Ablagerungen seiner Selbst und nur durch seine Anwesenheit entstanden waren:
    „Fühlen kann nicht sprechen“, raunte er Denken zu.

    „Was ist Fühlen?“ fragte Denken.

    „Fühlen ist etwas, das nicht denken kann. Wenn es denken könnte, bestünde die Gefahr, das es vernichtet wird.“

    „Wie kann etwas existieren, das nicht denken kann?“ wollte Denken wissen.

    „Ich habe dir schon gesagt, dass Fühlen, so wie es ist, nur ohne denken sein kann. Es ist ganz einfach da, eigentlich genau so, wie du da bist“, antwortete der Gelbe Fluss.

    „Es ist doch nicht möglich, dass ich ganz einfach nur da bin. Ich muss doch einen Anfang gehabt haben. Wie lange bist du schon da?“ wollte Denken wissen.

    „Ich habe keine Ahnung. Erst seit du und Fühlen hier seid, kann ich die Zeit messen. Je mehr ihr beide zunehmt, umso mehr Zeit ist vergangen. Ich war auch vorher da, nur kann ich darüber keine Aussage machen. Ihr beide seid eigentlich nur meine Ausscheidungen, aber ohne euch hätte ich keine Ufer und niemand, auch du nicht, könnte mich wahrnehmen. Genau genommen existiere also auch ich nur deswegen, da es euch gibt.“

    „Ich muss unbedingt Fühlen kennen lernen. Alle Erscheinungen an deinen Ufern muss ich ergründen. Wenn ich nicht wissen kann, bin ich tot.“

    „Ich kann dir nur sagen, dass der Schatten unstillbare Sehnsucht nach dir hat. Liebevoll sendet er mir täglich diese Nachricht und ich verstehe nicht, dass du Fühlen erst jetzt entdeckt hast. Alle Naturgesetze sind ohne Urgrund, wenn es dir am Fühlen mangelt. Die Sonne, die mit dir leuchtet, verbrennt alles ohne den Schatten“, sagte der Fluss.

    „Ich will Fühlen aber nicht töten. Du sagtest doch, dass durch denken das Fühlen sterben kann. Wenn ich Fühlen tötete, hättest du auf einer Seite kein Ufer und würdest dich so lange dorthin ausbreiten, bis auch ich kein Ufer mehr wäre. Dann gäbe es auch mich nicht mehr. Andererseits bin ich so begierig, Fühlen zu kennen. Seit dem ich weiß, dass es Fühlen gibt, denke ich, ohne Fühlen kann ich nie mehr wissen. Selbst auf die Gefahr hin, Fühlen zu töten, muss ich wissen“, antwortete Denken, „kannst du uns nicht helfen, zusammen zu kommen?“

    „Ich werde es versuchen. Doch bedenke immer, dass auch du durch das Fühlen sterben kannst“, gab der Fluss zu denken und trat aus seinen Ufern.

    Er schwemmte die Helligkeit des Denkens und die Dunkelheit des Fühlens mit sich. Einige Zeit und einige Wegstrecke war in der Mitte des Flusses eine scharfe Begrenzung der beiden Lichtzustände zu sehen, doch die Grenze verwischte sich immer mehr, bis beide in der Farbe des Gelben Flusses verschmolzen. Denken bemerkte das Fühlen und Fühlen konnte erstmals etwas über sich mitteilen. Beide achteten einander, fühlten und wussten, dass sie ohne den anderen nicht auskommen könnten, doch ahnten auch, dass keiner von beiden Macht über den anderen ausüben sollte. Nur im Gleichgewicht, mit gleicher Bedeutung, war ein Zusammensein möglich. Wenn Denken versucht hätte, seine Macht zu zeigen, würde Fühlen immer stärker und bald Denken überfluten. Umgekehrt hütete sich Fühlen, zu stark zu werden, um Denken nicht herauszufordern, seine Kraft zu zeigen. Nur wenn sich beide in Wissen und Liebe umschmeichelten, war ihre Existenz sicher. Und nur dann hatte der Gelbe Fluss die Kraft, sämtliche Hindernisse zu überwinden.

    Als Fühlen und Denken nunmehr ganz in dem Gelben Fluss aufgingen und es eigentlich nur mehr den Fluss gab, erreichten sie den Sonnenuntergang und das Meer nahm sie erwartungsvoll und liebevoll auf.

    Der Gelbe Fluss wusste, dass es eigentlich immer so gewesen war.

    Freue mich auf (positive?) Reaktionen
    Wolfgang Wallner-F.
    :danke:
     
  2. Inti

    Inti Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    8. Juli 2004
    Beiträge:
    12.235
    Ort:
    Nordhessen
    danke wolfgang
    es fällt mir leicht, positiv zu reagieren - diese gleichwertige Darstellung von Fühlen und Denken und vor allem die Verbindung beider gefällt mir sehr - nur wo liegt der Wille? In der Mitte beim Ich?

    Liebe Grüße Inti
     
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  3. intrabilis

    intrabilis Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    22. Februar 2005
    Beiträge:
    1.541
    Ort:
    ungefähr da
    @ Wolfgang

    Ich finde diesen Auszug großartig. Man könnte ihn sogar in Schulen in den allgemeinen Unterricht übernehmen (in punkto Sprache und Verständlichkeit).
    Bin jedenfalls begeistert (und es ist schön, es gleich am Morgen zu lesen).

    lg
     
  4. intrabilis

    intrabilis Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    22. Februar 2005
    Beiträge:
    1.541
    Ort:
    ungefähr da
    Hallo Inti,
    Der Wille könnte das "über die Ufer" treten des Flusses sein.
    lg
     
  5. blue dolphin

    blue dolphin Mitglied

    Registriert seit:
    6. Februar 2005
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    355
    Ort:
    in der Mitte meines Herzens
    Ich kann mich da nur anschließen, finde die "Geschichte" auch sehr schön! Wenn man davon ausgeht, daß der Wille, mal mehr vom Denken, mal mehr vom Gefühl ausgeht, kann er nur in der Mitte liegen und im Idealfall, wenn Denken und Fühlen ganz im gelben Fluß aufgegangen sind, fließt man in seiner Mitte ruhend, dem Sonnenuntergang entgegen......ein schönes Bild, das du in dieser Geschichte mit Worten gemalt hast.

    Liebe Grüße
    blue dolphin
     
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  6. Himmelblau

    Himmelblau Sehr aktives Mitglied

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    4. Januar 2005
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    Niederösterreich
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    :danke: Wolfgang Wallner für diese schöne, lehrreiche Geschichte.

    Bei meiner Suche nach dem Willen fand ich ihn in der Verschmelzung des Denkens und des Fühlens im Fluß.

    LG

    Olga
     
  7. wolfgangwallner

    wolfgangwallner Neues Mitglied

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    2. Oktober 2004
    Beiträge:
    6
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    Wien/Österreich
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    Ein liebes Danke für Eure freundlichen Worte.
    Viel Freude weiterhin
    Wolfgang Wallner-F.
    :escape:
     
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