Hi
Das sind interessanten Fragen und ich hab oft drüber nachgedacht, daraus entstanden verschiedene Lebensstile bei mir. Letztlich aber, nach vielen Veränderungen, wurde mir klar, dass ich mich genau dann am wohlsten fühle, wenn ich alles habe, was ich brauche und darüber hinaus noch etwas, was ich geben kann - mehr brauche ich nicht. So fühle ich mich und fühlte mich auch in den "allerärmsten Zeiten" (in denen ich unfreiwillig abspeckte) als ein reicher Mensch.
Von den Worten her:
Ich sehe "reich" und "arm" zunächst nur als Eigenschaftsworte an, die anzeigen, dass "von etwas" entweder viel vorhanden ist oder wenig. Es ist eine Mengenangabe und die Spezifizierung der Bedeutung kommt vom Kontext.
Ist etwas "zuckerarm" oder "fettarm" zubereitet oder eben "fettreich", dann gibt es nur die Menge dessen an, was bezeichnet wird.
Eine subjektive Bewertung in gut oder schlecht kommt hinzu, wenn es eine Beziehung zwischen dem gibt, was bezeichnet wird und dem Menschen, der dasjenige vor sich hat, und es kommt auf den Werterahmen an, in dem der Urteilende steckt. Der Werterahmen wiederum wird zur Hälfte vom Inneren Wesen des Menschen bestimmt und zur anderen Hälfte von den Erfahrungen, mit denen der Mensch aufwuchs. "Geschmack" kann man nicht kaufen, so in etwa. Werte auch nicht.
Ich wuchs teilweise auf bei meiner Oma, die den Krieg erlebt hatte und für die "fettreich" gut war. Dann wurde "fettreich" verteufelt. "Fettes Essen" in Spanien, wo ich lebte, war "rico", reich und lecker in einem Wort. Also gut.
Mit der Formulierung "ärmliche Verhältnisse" in Fernsehproduktionen der Medien westlicher Länder ist meiner Erfahrung nach oft vermutlich gemeint, was für rein finanzielle Verhältnisse vorliegen. Genauso oft aber kenne ich den Ausdruck "ärmliche Verhältnisse" als Bezeichnung für gefühlsarme oder kulturell ärmliche Verhältnisse, damit befindet man sich jedoch auf einem anderen Themengebiet.
Das ist jedoch auch eine subjektive Perspektive und nein, ganz "wertfrei" ist das Ganze nicht, es ist jedoch relativ:
Was ist denn die jeweilige Werteskala, mit der etwas betrachtet wird - exakt dieselbe Situation kann je nach Werteskala als "arm" und als "reich" bezeichnet werden.
Wenn ich "ärmliche Verhältnisse" höre, dann denke ich mehrere solcher Skalen dazu und versetze mich auch in die Situation derjenigen, die das aussagen und die da bezeichnet werden.
Bei solchen Aussagen also, wenn ich genau zuhöre, erfahre ich, welchen Werterahmen die Personen haben, die das sagen.
Schau ich auf mich selbst, sehe ich mich - aus der Perspektive anderer betrachtet - als beides: arm und reich zugleich - für mich ist es "genau richtig". Von dem, wovon ich viel brauche und will, ist viel da, von dem, was ich nicht brauche, ist bald nichts mehr da. Dadurch entsteht ein Gefühl der Freiheit bei mir und auch eine Freiheit von dem, was andere als ihren Rahmen definiert haben. Den kann ich teilen oder nicht. Ist meine Sache und deren Urteil deren Sache.
Kennst Du den Spruch: Man arbeitet in einem Job, den man hasst, um Geld zu verdienen, was man nicht braucht, um Leute zu beeindrucken, die man nicht leiden kann?
Da kann ich als Kontrapunkt setzen:
Ich mache das, was ich liebe, denn wenn man das macht, was man liebt, ist man gut darin und macht es gut. Dafür bekomme ich einen Lohn im Außen und Innen und bin unabhängig davon was andere dazu sagen. Es kommen dann Situationen und Menschen zu mir, die das teilen, was ich mache und die Leute, die mit mir nichts zu tun haben, die interessieren sich nicht für mich - und es tut allen gut. Diese Variante steht jedem Menschen offen, keiner muss sich quälen.
Es gibt Menschen, die haben - in den Augen anderer - sehr viel, unermesslich viel - sagen wir mal Geld. Und doch sind dieselben Menschen gleichzeitig in den Augen anderer "arm dran". Es gibt auch solche, die haben Geld und haben darüberhinaus alles, was sie sich wünschen und sind eben nicht "arm dran". Das Gleiche gilt auch für Menschen, die in den Augen anderer "ärmlich" sein mögen, und sich doch reich fühlen.
Worauf also kommt es an?
Was macht denn Reichtum für einen selbst aus, was ist einem selbst "viel wert" und was ist es, was einem selbst nichts bedeutet?
Ich glaube, dass dies die Kernfrage ist, die sich jeder stellen kann, um zu erfahren, womit man sich erfüllt und reich fühlen kann und es dann tatsächlich auch ist.
Als mir vor Jahren mein Geldmangel auf den Nerv ging, setzte ich mich auf die Hinterbeine und lernte was Neues und ackerte. Das brachte mir genau das ein, was ich brauche, und ein kleines bisschen mehr, was ich geben kann. Ich wollte es auch auf diese Weise erreichen, nicht auf eine andere Weise.
Denn mir sind nicht-monetäre Werte und Authentizität wichtiger noch als wirtschaftliche Verhältnisse.
Ein Weg zum Geld, bei dem ich meine nicht-monetären Werte verraten müsste, kommt für mich nicht infrage.
Das ist jedoch, wie so Vieles im Leben, eines jeden Entscheidung.
Gerade heute kam mir wieder ein Lied in den Sinn, das ich mit Schulkameraden früher hörte, ich setze es unten ein. Ich fragte mich neulich, welche Wahl die Menschen, die ich zu Schulzeiten kannte, in den letzten Jahren getroffen haben und erfuhr von einem Menschen aus jener Zeit, dass diese sich - so ganz entgegen ihren inneren Werten -
für einen Werterahmen entschieden hatte, in den sie eigentlich niemals hineinwollte.
Gut oder schlecht? Ich glaube, in Wahrheit ist es niemals so ODER so. Sondern beides.
Hier ist das Lied, Hermann van Veen ...
liebe Grüße
eva