Charaktere über einen Kamm hinweg massakrieren?? Wasn das????
Und was bedeutet „in einer Weise pulverisieren, wie es auch heute noch „nachträglich“ Sinn ergibt“?
Ich lese gerne und ausgiebig (eine Angewohnheit, die sich schon früh in meinem Leben abgezeichnet hat und die ich bis heute nicht ablegen konnte). Glücklicherweise traf ich immer wieder auf Menschen, die mein Interesse unterstützten und mir nicht nur wertvolle Gespräche, sondern auch ebensolche Buchtipps bescherten.
Daneben hatte ich das große Privileg an Gesprächen mit Zeitzeugen teilzunehmen – sowohl von NS-Opfern, als auch von Tätern (z.B. im Rahmen der „Wehrmachts-Ausstellung“).
Ich erlebte und erlebe nach wie vor den latenten Antisemitismus und evidenten Rassismus in meiner Heimat, die starke Neigung zur Verharmlosung in weiten Teilen der Bevölkerung (wir haben nicht ohne Grund einen erschreckend hohen Anteil an FPÖ Wählern) und diese leicht wehleidige „jetzt muss es aber mal reichen“ Haltung – und dass, obwohl Österreich bis in die 1980er Jahre konsequent an der Opferrolle festhielt, namhafte Alt-Nazis jahrzehntelang unbehelligt hohe Posten bekleideten und Ehrenbürgerschaften erhielten und unter Aufarbeitung der Geschichte maximal das Vernichten belastender Akten verstanden wurde.
Alles das hat mein Wissen vertieft und mein Bild geprägt und hat mit „wie ich es mir wünsche“ rein gar nix zu tun.
Als Österreicherin gehört dieses Geschehen eben auch zu meiner Geschichte und ich sehe es als Teil meiner Bürgerpflicht, mich mit dem Entstehen und den Auswirkungen zu beschäftigen - nicht aus irgendwelchen Schuldgefühlen heraus, sondern aus Respekt für die unzähligen Opfer und aus Verantwortung für mein Tun im Hier und Jetzt.
An einem Ausschnitt meiner Literaturliste lasse ich Dich gerne teilhaben:
Ein packender (und nebenbei literarisch exzellenter) Bericht über die Zeit vom WK1 bis zur Machtübernahme Hitlers 1933 stammt von Sebastian Haffner – „
Geschichte eines Deutschen“. Obwohl er das Buch schon 1939 im englischen Exil geschrieben hatte, erschien es erst im Jahr 2000.
Am Beispiel seiner eigenen Person analysiert er die Kriegsbegeisterung in den Anfangsjahren des 1.Weltkriegs, das Trauma der Rezension in den 20er Jahren und die Folgen. Die Anfänge der NSDAP und deren „faszinierenden“ Einfluss auf die Bevölkerung – die Überläuferei, das willige Andienen an dieses perfide System, das nahezu widerstandslose Erliegen gegenüber der nationalsozialistischen Versuchung, der freiwillige Verzicht auf individuelle Freiheit - skizziert er anhand seiner Erlebnisse am Berliner Kammergericht.
Er beschreibt auch ganz klar die evidenten, offen liegenden Intentionen der Nationalsozialisten gegenüber der jüdischen Bevölkerung, den, wie er es nennt „Blut- u. Ludergeruch“ der NSDAP und das Bestreben, die Mordlust in der breiten Bevölkerung zu wecken.
Für Interessierte eine kurze Leseprobe:
http://www.randomhouse.de/leseprobe...glaender-maskiert/leseprobe_9783421042347.pdf
Ebenso scharfsinnig, noch wortgewaltiger und in der Analyse schärfer ist Haffners 1978 erschienenes Essay „
Anmerkungen zu Hitler“!
Aleksander Tisma, „
Der Gebrauch des Menschen“
http://www.zeit.de/2012/33/Aleksandar-Tisma-Der-Gebrauch-des-Menschen
Der Autor beschreibt in einer z.T. sehr beklemmenden, brutalen Sprache das Scheitern von Individuen im und nach dem zweiten Weltkrieg. So erzählt er zum Beispiel von Vera, die ins KZ verschleppt, zwangssterilisiert und als KZ-Hure missbraucht wurde, überlebte und an diesem Überleben beinahe strauchelt.
„
Herzfleischentartung“ , über das Lager in St. Pantaleon im oberösterreichischen Innviertel von Ludwig Laher.
Laher stützt sich in seinem Bericht faktentreu und gut recherchiert auf Akten des Linzer Landesgerichts. Dabei setzt er auch die absolut zynischen Nazi-Diktion der Akten in seinem Text ein. Das Buch ist keine leichte Kost, aber EXTREM empfehlenswert!
Hier eine Rezension von faz.net (
http://www.faz.net/aktuell/feuillet...belletristik-pruegeln-bis-zum-tod-133157.html)
„Gestützt auf Tausende Seiten von Akten, erzählt Ludwig Laher die Geschichte und Nachgeschichte eines 1940 eingerichteten "Arbeits-Erziehungslagers" und dann "Zigeuneranhaltelagers" im Ort St. Pantaleon in Oberösterreich. Obwohl die Häftlinge wichtige Arbeiten bei der Entwässerung einer Moorlandschaft leisteten, wird das Lager in der Jahrzehnte später erschienenen Chronik des Ortes mit keiner Silbe erwähnt. Schandflecke stellte man nicht aus. Der Autor des Buches lebt heute in St. Pantaleon. Man wird ihm wohl, obgleich es mittlerweile im Ort eine Mahnstätte gibt, kein Denkmal setzen.“ …..
„
Abschied von Sidonie“, von Erich Hackl
„Das Mädchenorchester in Auschwitz“, von Fania Fenelon
http://www.dtv.de/buecher/das_maedchenorchester_in_auschwitz_13291.html
Mit der Frage nach dem WARUM bzw. damit WIE solche brutalen Systeme entstehen beschäftigte sich Hannah Arendt in ihrem Werk „
Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“.
Ihre Analyse der historischen Entstehung, vor allem im Sinne der vorangegangenen Ideengeschichte, die politischen Merkmale und Charakteristika (auch die Abgrenzung zu anderen diktatorischen Regimen), die „Handwerkszeuge“ uvm. kann ich aus tiefstem Herzen als Lektüre empfehlen.
Sie zeigt dabei auch auf, dass tendenzielle keine Ideologie vor der Übernahme durch totalitäre Bewegungen gefeit ist.
„
Masse und Macht“, Elias Canetti
Er findet zwar, im Gegensatz zu Arendt, keinen Erklärungsansatz was Menschen zu „Führerhörigkeit", zu Antisemitisumus oder Massenvernichtung motiviert bzw. wie diese Ideen sich entwickeln und fortpflanzen, aber die Vorgänge, die zur Aufgabe der Indivualität bzw. der individuellen Freiheit zugunsten der Masse führen und deren Auswirkungen, schildert er eindrucksvoll.
Es gäbe noch so viel lohnenswerten Lesestoff und so wenig Zeit… seufz