Aus dem Artikel:
ZEIT: Was haben die westlichen Staaten falsch gemacht?
Morris: Ich drücke hier keine persönliche Meinung aus, aber wenn die europäischen Staaten es ernst meinten, müssten sie die Ukraine viel entschlossener ökonomisch, militärisch und diplomatisch unterstützen. Das würde wiederum die russische Regierung zwingen, selbst mehr Ressourcen und Soldaten für den Krieg zu mobilisieren und das brächte für das Regime die Gefahr einer Destabilisierung. Eine erneute Mobilmachung wäre nur schwer durchzusetzen. Stattdessen beschäftigen sich die Europäer damit, russischen Zivilisten, die nichts mit der Führung des Krieges zu tun haben, die Einreise in den Schengenraum zu erschweren. Es wurde derart viel politische Energie auf diese Visa-Beschränkungen verwendet, dass man nicht zynisch sein muss, um zur Schlussfolgerung zu kommen, dass es den Europäern darum geht, von ihrer Untätigkeit in anderen Bereichen abzulenken. Putin irrt bei vielem, aber auf eins verlässt er sich zurecht: Die Europäer meinen es mit ihrem Widerstand gegen den Krieg nicht wirklich ernst."
(...)
"ZEIT: Die Regierung schafft es also nicht, ausreichende Teile der Bevölkerung mit ideologischer Propaganda zu bewegen?
Morris: So gut wir gar nicht, und das ist interessant. Man hätte ja denken können, der Krieg böte dem Regime die Gelegenheit für die Botschaft: Wir kämpfen alle zusammen für eine bessere Zukunft unseres Landes. Aber so etwas gibt es nicht mal rhetorisch. Das zeigt auch, wie zynisch die Herrschenden in Russland auf die eigene Bevölkerung blicken: Sie begreifen sie als passive Herde, die nur durch materielle Anreize motivierbar ist. Selbst dem harten Kern der Kriegsunterstützer fällt es deshalb im vierten Jahr des Krieges oft schwer, zu sagen, warum er eigentlich geführt wird. Die Folge dieses ideologischen Vakuums ist: Selbst viele, die sagen, dass sie den Krieg unterstützen, setzen sich für ihn nicht aktiv ein, spenden also kein Geld oder Ähnliches."
Selten so einen guten, sachlichen Artikel über die Lage in Russland gelesen.