Viele besorgte Bürger:innen forderten, dass Timmy palliative Pflege erhalten und während seines Sterbeprozesses begleitet werden solle. Zu den Vorschlägen gehörte, ihm feuchte Tücher aufzulegen und Einsatzkräfte in Schichten an seine Seite zu stellen, um ihm Gesellschaft zu leisten und Trost zu spenden. Wie stehst Du dazu?
Lauren: Man darf nicht vergessen, dass es sich bei Walen um Wildtiere handelt und dass die Anwesenheit von Menschen für sie daher ein zusätzlicher Stressfaktor ist, kein Trost. Das sehen wir jedes Mal, wenn wir zu einem gestrandeten Meeressäuger ausrücken – wenn Einsatzkräfte sich nähern, sind wir darauf geschult, dies auf eine bestimmte Art und Weise zu tun, um Stress möglichst zu reduzieren. Doch selbst wenn dies korrekt durchgeführt wird, zeigen alle gestrandeten Meeressäuger Anzeichen von Angst, wenn man sich ihnen nähert – bei Robben zeigt sich das durch Gähnen und das Schlagen mit den Vorderflossen, bei Delfinen durch eine erhöhte Atemfrequenz und manchmal das Aufschlagen des Körpers oder schnelle Schwanzschläge. Wale erleben ähnlichen Stress, auch wenn es oft nicht so offensichtlich ist − dazu können eine erhöhte Herzfrequenz, Atemfrequenz und andere physiologische Stresssymptome gehören. Wir raten immer dazu, so viel Abstand wie möglich zu halten, und würden nicht empfehlen, dass Menschen zur Gesellschaft oder zum Trost bleiben – auch wenn dies gut gemeint ist, kann es den Wal zusätzlich belasten.
Was die palliative Pflege angeht, so verlängert dies zu diesem Zeitpunkt lediglich den Sterbeprozess. Zudem ist es wichtig zu bedenken, dass Wale ihre Körpertemperatur anders regulieren als Menschen und überschüssige Wärme über ihre Rückenflossen und Schwanzflossen abgeben können. Das Auflegen von Handtüchern und Decken mag zwar gut gemeint sein, kann jedoch eine physiologische Reaktion bei einem Wal auslösen, dessen Körper versucht, Temperatur und Blutfluss selbstständig zu regulieren.