Jenseits von Hoffnung und Furcht
Allzuviel Aufhebens um unsere Beziehungen ist tödlich - wie wenn man eine Zwiebel schneidet und dabei mehr auf den Schneidenden als auf das Schneiden selbst achtet; wie schnell geht da der Schnitt in den Finger. Wenn uns das klarzuwerden beginnt, sind wir zunächst wie erschlagen vom ganzen Ausmaß unserer Hilflosigkeit. Ansichten nützen hier gar nichts sie sind nur leere Schale. Der naive theistische Ewigkeitsglaube und die humanistische Idee des guten Benehmens und der Würde sind beide nur Teil unseres Gesellschaftsspiels, das mit der tatsächlichen Lage wenig zu tun hat. Ihre Maximen, etwa »Geduld ist eine Tugend« oder »lieber tot als ehrlos« sind nichts als pure Konvention.
Es wird Zeit, dass die Idee der Beziehung in die Brüche geht. Wenn wir erkennen, dass Leben Ausdruck des Todes und Tod Ausdruck des Lebens ist, dass Kontinuität nicht ohne Diskontinuität sein kann, gibt es keinen Grund mehr, sich an das eine zu klammern und das andere zu fürchten. Da ist kein Terrain mehr für den Tapferen und den Feigen. Beziehung ist dann das Fehlen von jedem Bezugspunkt.
Man mag nun denken, dass solche Beziehungen nur etwas für spirituell hochentwickelte Menschen sind, aber eigentlich sind sie etwas ganz Normales. Jeder noch so gut durchdachte Bezugspunkt wird irgendwann destruktiv. Uns kommt der Verdacht, dass die Beziehung gar nicht mehr existiert. Aber keine Sorge: Diese Nichtexistenz bleibt als fruchtbarer Boden für weitere Beziehungen bestehen. Solche Vorsicht ist immer noch ein Standpunkt, der im Unterschied zum Haften an der Ewigkeit Überraschungen zulässt. Im Unterschied zum prinzipiellen Misstrauen, das keine Beziehung einfach in aller Unschuld aufblühen lassen kann. Vertrauen, das durch einen Pakt gesichert ist, führt zu Misstrauen, aber vorsichtiges, behutsames Vertrauen kann sehr echte und innige Beziehungen schaffen.