Gefühl und gemeinsamer Staat sind zweierlei Begriffe. (...)
Du hast mit drei Dingen recht:
1) Gefühl und Staat sind zwei paar Schuhe.
2) Es gab im Reich viele nationale Minderheiten.
3) Es gab viele Deutsche außerhalb des Reichs.
Zu diesen drei Dingen muss ich wiederum das sagen:
1) Die damaligen Deutschen empfanden das Reich als ihren Staat,
der unabhängig von irgendeiner Dynastie, einem Erbfall oder sonstigen Fällen besteht. (Die deutschen Gliedstaaten waren, wie Du sagst, dynastisch definiert. Das Reich selbst war das aber nicht. Es existierte unabhängig von irgendeiner Dynastie, wurde nicht durch einen Erbfall verändert und konnte nicht an einen anderen Staat fallen.)
Manche kritisierten den starken Föderalismus und sagten, Deutschland verliere dadurch viel an Staatlichkeit (insbesondere Samuel von Pufendorf vertrat diese Meinung), während andere damit völlig zufrieden waren und zum besten gaben: "Teutschland wird auf teutsch regiert, und zwar so, daß sich kein Schulwort oder wenige Worte oder die Regierungsart anderer Staaten dazu schicken, unsere Regierungsart begreiflich zu machen." (Johann Jakob Moser)
Auch eine Möglichkeit, unbequemen Fragen zum Staatsaufbau aus dem Weg zu gehen.
2) Es gibt auch in Russland unzählige nationale Minderheiten. In der Bundesrepublik gibt es auch insgesamt 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, von denen acht Millionen deutsche Staatsbürger sind und daher vergleichbar mit den vielen Italienern, Böhmen, Franzosen, Slowenen usw. sind, die auch alle dem Reich angehörten.
Das Reich war kein Nationalstaat, sondern nach (damaligen) Begriffen ein Nationalitäten-/Vielvölkerstaat, der aber, und das ist besonders, von Deutschen geführt wurde.
Das ist wirklich interessant: Schon im Mittelalter gab es bestimmte Bestimmungen, die sagten, dass nur Deutsche zu Reichsämtern zugelassen werden dürfen, z. B. im Schwabenspiegel, wo es heißt, dass die vier weltlichen Kurfürsten "tusche man von vater und von muoter" sein müssen. Und auch später musste jeder Kaiser bei seiner Wahl in der sogenannten Wahlkapitulation festlegen, dass er alle Reichsämter nur mit (natürlich adeligen) Deutschen besetzen wird.
3) Auch heute noch sind Völker in verschiedene Staaten zerrissen. Ein Teil der Iren lebt im Vereinigten Königreich, viele Österreicher in Italien, so mancher Däne lebt außerhalb Dänemarks in Deutschland. Einige Niederländer (Flandern) und Franzosen (Wallonen) haben sogar zusammen einen eigenen Staat, gehören aber nicht zu den Niederlanden oder Frankreich.
Trotzdem sind Irland, Österreich, Dänemark, die Niederlande und Frankreich Staaten, oder?
