Ich verstehe, was Du meinst. Es ist eine Art Beißreflex, der in solchen polarisierten Themen einsetzt, dass man auch in moderaten oder vorsichtigen Äußerungen schon Radikalismus wittert. Die Gegenposition wird dann nicht mehr differenziert betrachtet, sondern nur noch als eine radikale Masse.
Was vor allem dann ärgerlich wird, wenn die Doppelmoral deutlich zu Tage tritt. Beispiel: Schwere Attentate haben aktuell zumeist entweder ein rechtsextremes oder ein islamistisches Motiv. Die Reaktionen darauf seitens der öffentlichen Meinung unterscheiden sich gravierend.
Im einen Fall wird zuallererst dazu aufgerufen, abzuwarten und keine Vorverurteilungen zu treffen. Bekennt sich der Täter zur Terrorgruppe oder die Terrorgruppe zum Täter, wird das nicht als Beweis gewertet, sondern als unbelegte Behauptung. Zudem wird eindringlich davor gewarnt, die Tat zu instrumentalisieren, um Organisationen und Personen zu kritisieren, die eine ähnliche Ideologie vertreten, aber selbst nicht gewalttätig sind. Distanzieren sie sich, gilt ihre Unschuld als erwiesen und jeder weitere Angriff in ihre Richtung ist Populismus. Tenor: "Einzelfall, hat nichts mit der Ideologie zu tun, lässt sich nie ganz vermeiden, kommt vor, keine Bange, es ist eh viel wahrscheinlicher, an einer Fischgräte zu ersticken."
Im anderen Fall wird sofort von einem Terrorakt ausgegangen. Ob sich der Täter bekennt oder nicht, ist unerheblich; stattdessen gilt jeder Hinweis auf eine entsprechende Gesinnung als Beweis dafür, dass er ein Terrorist ist und nicht etwa ein verwirrter Einzeltäter. Sämtliche Organisationen und Personen, die auch nur mittelbar in Kontakt mit dem Milieu stehen, in dem sich der Täter aufhielt, gelten als mitverantwortlich, wenn nicht -schuldig; außerdem titeln "Spiegel" und Co. von dunklen Verschwörungen, die das ganze Establishment durchseuchen. Wer sich distanziert, ohne allem abzuschwören, was er bis dato vertrat, gilt als Lügner, und jeder Aufruf zur Mäßigung ist Populismus. Tenor: "Verschwörung, die Ideologie ist das Problem, alle Bürger müssen sich bekennen und dagegen aufstehen, denn jeder Tote ist einer zu viel."
Die Reaktion ist also in beiden Fällen extrem, und zwar auf genau entgegengesetzte Weise.
Und so läuft das überall, auch im Harmlosen.
Der Sprechort ist alles.
Gleichzeitig verwischen die politischen Lager. Links ist nicht mehr links, rechts ist nicht mehr rechts. Links, das ist das Gute, wandelbar im Inhalt und vertreten von der Öffentlichen Meinung, und rechts, das ist alles, was ihr nicht folgt - angefangen bei Sahra Wagenknecht.
Was ist der Fehler der Wagenknecht-Linken? Sie weiß, dass eine totale Grenzöffnung unter den gegebenen Umständen nur in eine dystopische Gesellschaft führen kann. Sie weiß, dass das neoliberale Establishment liebend gerne so viele ungelernte Männer wie möglich ins Land lässt, aber nicht im Traum daran denkt, das soziale Netz zu verstärken oder irgendetwas für die Unterschicht zu tun. Sie weiß, dass der Hass zwischen Farbigen und Weißen, Zuwanderern und Einheimischen, der zur Zeit im Namen des Antirassismus geschürt wird wie seit Jahrzehnten nicht mehr, letzendlich nur dazu dient, das Proletariat in verfeindete Parteien zu spalten, um ihm den Fangschuss zu verpassen, und sie weiß, dass, wer sich vorrangig um die Gefühlswelt privilegierter Akademiker kümmert, kein Linker ist, sondern ein Aristokrat.
Allein die Wählerschaft weiß es nicht mehr, denn wir drehen uns in einem Strudel aus Hysterie und absurden Narrativen. Eine Apokalypse nach der anderen wird beschworen. Jeder heiße Sommertag ist - ebenso wie jeder kühle und jeder verregnete - ein Beleg dafür, dass der Klimawandel den schlimmstmöglichen Verlauf nehmen und die Menschheit auslöschen wird, und jeder öffentliche Auftritt eines AfD-(oder CSU-)Politikers kündet vom nahenden Vierten Reich. Wir werden in konstanter Panik gehalten und dies ist m.E. die größte Gefahr, die aktuell besteht.
Treppenwitz: Die AfD will dasselbe, nur mit vertauschten Rollen.