Ned aufregen bitte

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Man sagt: Die anderen sind auch nicht besser.
Als wäre das ein Satz, der etwas erklärt, statt etwas zu verdecken.
Als wäre Schuld teilbar wie Brot, als würde sie leichter, wenn man sie verteilt.
Man zeigt nach rechts, nach links, nach irgendwohin, nur nicht nach innen.
Die anderen sind auch nicht besser, sagt man, und meint: Ich möchte nichts wissen.
Denn Wissen verpflichtet.
Und Verpflichtung ist unerquicklich, sie passt nicht in die Komfortzone der Empörung.
Die Rechten, die Konservativen, die Progressiven, die Moralischen, die Unmoralischen –
sie stehen sich gegenüber wie Spiegel, die einander reflektieren,
bis niemand mehr weiß, wer angefangen hat und wer nur zurückschlägt.
Whataboutism ist keine Argumentation, sondern eine Bewegung.
Eine Fluchtbewegung.
Man läuft von der Frage weg, die man beantworten müsste,
und läuft direkt in eine andere hinein, die man nicht beantworten muss.
So wird Kritik zur Geräuschkulisse, Wahrheit zur Meinung, Verantwortung zur Option.
Man sagt nicht: Das ist falsch.
Man sagt: Die anderen sind auch falsch.
Und glaubt, damit sei alles gesagt.
Aber falsch bleibt falsch.
Auch wenn es viele sind.
Vielleicht gerade dann.
So ist es. Wer aufgibt, hat schon verloren und wenn die linken Bewegungen in den aktuellen Zeiten Eines einen sollte, dann der Kampf gegen den Status Quo. Ich versteh nicht, wie man es sich in dieser Gesellschaft bequem machen kann und sie sogar noch verteidigt. Das System verteidigt, das am laufenden Band nur Krieg, nur Ausbeutung und Tod produziert.
 
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Und ich verstehe nicht, was und wen genau du da jetzt verantwortlich machen willst. Die LinkeN?
Niemand spezifisches und jeden. Das ist son Ding von Eigenverantwortlichkeit, was geschieht, wenn ich x oder y mache, und gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Ich kann nicht erwarten, dass andere meine Probleme lösen. Nur ist das Problem eines, dass alle fordert. Was ist denn also das Problem? Such dir eins aus.
 
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Die Zeit hat ihre Richtung verloren. Was früher eindeutig war, ist heute verhandelbar, und was gestern als „rechte Verschwörungstheorie“ galt, kann morgen als linke Erkenntnis wiederkehren – geschniegelt, moralisch abgesichert, anschlussfähig. Wahrheit wandert zwischen Lagern wie ein Flüchtling ohne Pass.
Die politischen Kategorien „links“ und „rechts“ funktionieren nicht mehr als Orientierung, sondern als Reflexe. Man reagiert auf Absender statt auf Argumente. Ein Gedanke wird nicht geprüft, sondern eingeordnet. Stimmt er, aber kommt von der falschen Seite, wird er verdächtig. Ist er falsch, aber moralisch erwünscht, wird er verteidigt. So entsteht eine paradoxe Situation: Nicht Wahrheit entscheidet über Zugehörigkeit, sondern Zugehörigkeit über Wahrheit.
Die Öffentlichkeit gleicht einem Tribunal, in dem Gewissheiten schneller wechseln als Fakten. Linke und rechte Narrative zerfallen, vermischen sich, tauschen ihre Plätze. Jede Seite wirft der anderen Irrationalität vor und bedient sich gleichzeitig ihrer Methoden. Empörung ersetzt Analyse, Haltung ersetzt Erkenntnis.
Vielleicht ist das die eigentliche Krise unserer Zeit: nicht dass wir zu wenig Wahrheit haben, sondern zu viele Wahrheiten, die um moralische Deutungshoheit kämpfen. In diesem Kampf wird Wahrheit zur Waffe – und Ideologie zur letzten Zuflucht vor dem Zweifel.
 

Wahrheit entsteht nicht dort, wo Politik spricht, sondern dort, wo sie sich widerspricht. Je lauter der Anspruch, desto dünner der Gehalt. Politik produziert Gewissheiten wie Industrieware, während Wirklichkeit sich weigert, normgerecht zu sein. Was nicht passt, wird moralisiert, etikettiert, aussortiert.
In diesem Prozess wird Wahrheit zur Störung. Sie gefährdet Zugehörigkeiten, entwertet Narrative, entlarvt Programme als Rituale. Also ersetzt man sie durch Haltung.
Vielleicht bleibt Wahrheit nur dort übrig, wo man aufhört, sie zu benutzen: in einer entmystifizierten Aufmerksamkeit, die nichts verspricht und nichts rechtfertigt. Kein Pathos, kein Lager, keine Erlösung – nur der nüchterne Moment, in dem etwas stimmt, ohne brauchbar zu sein.
 
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