Ach wie herrlich, ein kontroverses Thema....

Ich seh das so wie huibuhhuh und komme dabei wieder auf den nicht zu unterschätzenden Einfluss der literarischen Figur des Maldoror zurück, den Dali im Gegensatz zum späteren Breton als Säulenheiligen des Surrealismus beibehielt.
Die Figur des Maldoror ist irratonal bis anti-rational, vollkommen jenseits jeder Moral, er ist zutiefst grausam, ein Symbol wahnsinniger Raserei, ein Engel der Vernichtung, eine Feier der zivilisatorisch unzensierten (dunklen) Triebe der menschlichen Seele, der Zerstörung um nur der Zerstörung willen und schließlich der freudigen Selbstzerstörung. (Ohne Scheiß, das Buch is ziemliche starker Tobak)
Und genau diesen Archetypen hat Dali, soweit man ihm Glauben schenkt, nach eigener Aussage in Hitler gesehen. Ich nehm ihm das Apolitische hier sogar ab, da ich mir absolut vorstellen kann, dass es in den Sphären, in denen er dachte keine Rolle spielte.
In seiner Beziehung zu Franco wirds dann ein wenig uneindeutiger, wobei ich z.B. in seiner Gratulation zur Hinrichtung der ETA-Aktivisten und der Forderung nach mehr Exekutionen tatsächlich eine ironische Überspitzung und Provokation jenseits moralischer Parameter sehen kann, die sich wiederum aus dem Prototyp Maldoror ableiten lässt und natürlich auch in Beziehung zu dem frühen Zitat von Breton über den Akt des Amoklaufens gelesen werden kann.
Es gibt ja die Theorie, dass Dali sich opportunistisch bei Franco anbiederte, um in Ruhe arbeiten zu können und man kann tatsächlich Spuren finden, die in diese Richtung deuten. Zum einen war Dali Katalane, der einen starken Bezug zu seiner Heimatregion hatte, und wenn man die Rolle Kataloniens im spanischen Bürgerkrieg und die anschließende starke Unterdrückung dieser Region und ihrer Kultur seitens Francos betrachtet und dann in Erwägung zieht, dass sich Dali als Katalane verstand, könnte das ein Hinweis in diese Richtung sein, sich eine Art Sicherheitzzone zu schaffen. Geilerweise gehen die Meinungen hierüber wieder auseinander, manche Quellen bestätigen, dass sich Dali als Katalane sah, andere bestreiten das vehement. Von Dali selber kenn ich keine Aussagen zu dem Thema.
Eine andere Spur besteht in der Ermordung von Dalis engem Freund Garcia Lorca durch frankistische Milizen zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges, die ihn tief erschüttert haben soll. Wer weiß, welche Schlüsse er daraus zog.
Ich seh in Dali einen äußerst komplexen, ambivalenten Charakter, dessen Beurteilung stark von den eigenen moralischen Präferenzen abhängt. Inwieweit das jemandem, der sich als komplett amoralisch verstand gerecht werden kann sei mal dahingestellt.
Zum Abschluss noch zwei Zitate dazu, beim ersten hab ich dummerweise grade die Quelle verbaselt, das zweite stammt vom Kurator einer Ausstellung der Bilder Dalis mit Bezug zur jüdischen Kultur:
"Jeder andere wäre für eine solche Aktion sofort ins Gefängnis gesteckt worden", wundert sich Bokelberg noch heute. "Dalí aber genoss im erzkatholischen Franco-Spanien völlige Narrenfreiheit" - eine Freiheit, die sich der Künstler durch Liebesbeweise an das faschistische Regime erkauft. Den großen Barockmaler Diego Velazquez und Franco nennt er "die beiden Genies unseres Volkes", und als der Generalissimo 1975 fünf Terroristen zum Tode verurteilen lässt, schickt Dalí ihm ein Glückwunschtelegramm. Als Dank für die Ergebenheit wird die komplette Bucht um das Haus in Port Lligat unter Naturschutz gestellt.
What to make, then, of a man whose political leanings seem at odds with his artistic output? For Blumenthal, the contrast is not as harsh as it seems. I think that Dalí was not ideologically a racist, anti-Semite, communist, socialist, fascist or anything, he said. He was an artist. He absorbed everything from the environment, took it in, and then transformed it and sent it back out again. (For those who remain skeptical, it may be helpful to refer to George Orwell, who, in a 1944 review of Dalís autobiography, mused,
One ought to be able to hold in ones head simultaneously the two facts that Dalí is a good draughtsman and a disgusting human being.)
Quelle:
http://forward.com/articles/136676/dali-and-the-jews/
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So, als nächstes könnten wir uns jetzt eigentlich C.G.Jungs kurzzeitigem Flirt mit der faschistischen Ideologie oder der Frage nach proto-faschistischen Tendenzen im Werk Friedrich Nietzsches zuwenden, wenn wir schon mal beim Thema sind....
Erstmal schmeiß ich jetzt aber wieder ein wenig Musik in die Runde,
Laibach mal nicht martialisch.....