Eigentlich sollte es ein spontaner, etwas hippiemäßiger Protest gegen die hochschießenden Mietpreise werden, die heute für arbeitende junge Menschen kaum mehr bezahlbar sind. Ohne klar abgesteckte politische Agenda, aber mit viel positiver Energie ausgestattet, vergrößerte sich der Protest innerhalb weniger Stunden und breitete sich schnell auch auf andere Städte aus. Ein allgemeines Gefühl der Empörung und Frustration lockte immer mehr Menschen an. Bald war klar, dass sie keiner kleinen Minderheit angehörten, sondern wesentlich mehr Macht hatten, als sie von sich selbst vermutet hatten. Spätestens jetzt ist allen israelischen Politikern klar, dass sie diese Bewegung nicht länger ignorieren können.
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Alon spricht von der Mietpreiskrise und vom Geld; trotzdem ist spürbar, dass es hier noch um etwas anderes geht. Es gibt ein Gefühl der Entfremdung vom israelischen Parlament, der Knesset, die doch eigentlich für uns sprechen sollte. Man fühlt sich unverstanden von den Politikern, die Tag für Tag Gesetze verabschieden, die nur Siedler, Ultra-Orthodoxe und andere Lobby-Gruppen begünstigen. Für all jene, die sich nun entschlossen haben, die bestehenden Verhältnisse nicht länger zu dulden und auf die Straße zu gehen, hat die Regierung sich bisher nicht interessiert.
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Kurz bevor er in dem Gedränge wieder verschwindet, sagt Alon noch: »Die Armen kämpfen für Brot. Wir sind auch hungrig, aber nicht auf Brot.« »Wonach hungert ihr?«, frage ich. »Auf ein Land, das etwas weniger herzlos ist«, sagt er und gibt dem Baby ein Fläschchen. »Ein Land, das nicht nur eine Kultur von Gewalt und Macht fördert, sondern auch eine des Mitgefühls schätzt. Jüdisch zu sein heißt nicht nur, Siedler zu sein, wissen Sie; jüdisch zu sein bedeutet auch, mit anderen mitzufühlen. Ich kann das bezeugen. Sie glauben mir nicht? Dann gehen Sie nach Hause und googeln es.«
Aus dem Englischen von Julia Ley. Der Text erscheint auch in dem jüdischen Online-Magazin Tablet.
http://www.zeit.de/2011/32/Israel-Proteste