Tatsächlich sind die Angriffe der ultraorthodoxen Extremisten von Beit Shemesh kein lokales Problem. Seit ein paar Jahren nimmt der Einfluss der Strengreligiösen in der israelischen Gesellschaft zu, und mit ihm die radikalen Forderungen nach mehr "Gottgefälligkeit". Längst sind die mittelalterlichen Lebens- und Wertevorstellungen nicht mehr auf das ultraorthodoxe Viertel Mea Shearim in Jerusalem begrenzt. Tanya Rosenblit bekam das kürzlich zu spüren, als sie sich arglos neben einen Mann in einen Überlandbus setzte. Sie solle sich gefälligst nach hinten scheren, blaffte ein Ultraorthodoxer die Studentin an. Andere wollen gar getrennte Busse für Männer und Frauen, Fußwege, deren Benutzung nur Gleichgeschlechtlichen erlaubt ist, Synagogen, in denen sich keine Frauen mehr aufhalten dürfen.
Kleidungsvorschriften, die knöchellange weite Röcke fordern und die Bestrafungen für Frauen vorsehen, die nicht mit einem züchtigen Kopftuch auf die Straße gehen, gehören ebenso dazu, wie die Überzeugung, dass ein ehrbarer Mann sein Leben der heiligen Tora widmen und nicht mit Arbeit verschwenden soll. Der geistige Führer der mitregierenden Shaspartei, Rabbi Ovadia Yosef, habe, laut "Haaretz", in dieser Woche empfohlen, dass jüdische Ärzte keine Nichtjuden mehr behandeln.
Obwohl sie nur rund zehn Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, wächst die Macht der Ultraorthodoxen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Regierung die Extremisten mit Samthandschuhen anfasse, glauben viele Israelis. Seit Jahren gelten die Ultraorthodoxen der Politik als Mehrheitenbeschaffer. Teile der Orthodoxie sind zuverlässige Unterstützer der illegalen Siedlungspolitik und in der Auseinandersetzung mit den palästinensischen Nachbarn.