Der Krieger und die Wand
von EdelwolfEs war einmal ein Mensch, der sich leise aus dem Lärm der Welt zurückgezogen hatte. Nicht aus Ablehnung und nicht aus Erschöpfung, sondern weil er spürte, dass das, was ihn innerlich bewegte, in den Antworten die er bekam keinen Platz hatte. Er lebte unauffällig, hörte genau hin, nicht auf das was gesagt wurde, sondern auf das was gemeint war. Er lernte, nicht sofort zu reagieren. Mit der Zeit begann er, sich zu erinnern. Nicht an Bilder oder Geschichten, sondern an Zustände. An Momente, in denen etwas stimmte, ohne dass er hätte sagen können warum.
Er übte, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Nicht um besser zu werden, sondern um weniger zu stören. Er lernte zu warten, ohne zu hoffen, zu handeln, ohne zu drängen, still zu werden, ohne sich zu verschließen. Jahre vergingen. Der Mensch wurde zu einem Krieger, nicht weil er kämpfte, sondern weil er blieb, wo andere auswichen. Er konnte mitten im Geschehen stehen, ohne sich darin zu verlieren. Er tat, was er tat, aus innerer Übereinstimmung.
Dann kam der Tag, an dem nichts mehr ging.
Er stand still, und mit ihm stand alles still. Es war keine sichtbare Grenze, keine Bedrohung, kein Hindernis, das man hätte benennen können. Und doch war da etwas, das ihn nicht weiterließ. Er tat, was er gelernt hatte. Er stellte sich der Situation. Er wartete. Er hielt die Stille aus. Nichts antwortete. Die innere Kraft, die ihn lange getragen hatte, zog sich zurück. Nicht als Strafe und nicht als Prüfung, sondern wie eine klare Grenze.
Er blieb. Einen Tag. Zwei Tage. Dann erkannte er, dass dies kein Ort war, an dem man etwas überwinden konnte. Am vierten Tag zerbrach etwas in ihm. Nicht laut, nicht dramatisch. Es war, als würde ein Wille erkennen, dass er sich selbst nicht mehr braucht. Er kniete nieder, nicht aus Schwäche, sondern aus Ehrlichkeit.
In ihm entstand ein Gedanke, der keiner war: Ich weiß nicht mehr, was ich bin. Ich weiß nur noch, dass ich da bin.
In diesem Moment trat der Andere hervor. Kein Feind, kein Schatten, kein fremdes Wesen. Er war ihm gleich und doch freier. Der Andere sagte nur einen Satz: Du brauchst mich nicht mehr. Da verstand der Krieger, dass dies kein Ende war. Es war der Punkt, an dem er sich nicht mehr festhalten musste.
Dann kam der Vogel. Kein Zeichen, kein Retter, kein Versprechen. Er war einfach da. Ein Flügelschlag, kein Aufstieg, kein Ziel. Der Krieger wurde hindurchgetragen. Nicht fort, nicht weg, sondern durch das, was sich nicht mehr wehrte.
Hinter der Wand war kein Licht, kein Ort, keine Antwort. Nur Raum. Der Raum, der entsteht, wenn nichts mehr festgehalten wird.
Er kehrte zurück. Oder vielleicht war er nie fort gewesen. Niemand erkannte ihn. Er sprach nicht von dem, was geschehen war. Er erklärte nichts. Er lehrte niemanden. Er ging durch die Welt wie jemand, der nichts mehr braucht.
Doch manchmal, wenn ein Mensch an den Rand seiner Kraft kommt, wenn er nicht mehr weiterweiß und nicht zerbricht, dann geschieht etwas. Etwas wird still. Und genau dort beginnt Bewegung. Nicht weil jemand eingreift, sondern weil einer aufgehört hat, es erzwingen zu wollen.
