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Der Himmel ueber Rio

Dieses Thema im Forum "Aufgeschrieben" wurde erstellt von Seal144, 3. August 2019.

  1. Seal144

    Seal144 Sehr aktives Mitglied

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    Was wird mir das Leben noch bringen?, dachte er, während er die wenigen Schritte vor zum Strand ging.
    Es war früh am Morgen. Drauβen auf dem Meer die Inseln schimmerten leicht, wie über den Wassern schwebend. Das Wasser war ruhig, man sah am Horizont das erste Licht der aufgehenden Sonne.
    Um diese Zeit war der Strand noch menschenleer, aber bald würden die ersten Yogaanbeter kommen und die Gymnastikadepten, um zusammen mit den Lebensrettern Frühsport zu machen.
    Der Sand war noch kalt. Er setzte sich, nahm eine Hand voll und lieβ ihn durch seine Finger rieseln. Man hörte das sanfte Rauschen der Brandung, der ewig wiederkehrende Rhythmus der Wellen, wenn sie vorne am Sand auslaufen. Vor und wieder zurück.
    Das ist beruhigend für mein Herz, dachte er, mein Herz mit so vielen Fragen in mir drinnen vergraben.

    Drauβen auf dem Meer zogen zwei größere Seevögel lautlos über das Wasser, es war irgendwie so selbstverständlich fand er.
    Und wo sind die Antworten auf all dies? Ich wage ja nicht einmal die Fragen zu stellen, aber ich muss es tun.
    Ich lebe in Rio de Janeiro, in einer Traumstadt und heute werde ich dreißig, aber ich sehe, wie verdammt schnell die Zeit vergangen ist. Alles bereits Vergangenheit. Das stimmt mich traurig, ich frage mich bange was die Zukunft mir bringen wird? Ich will mehr und bin nicht glücklich mit meinem Leben. Meine Träume sind von einem unstillbarem Verlangen nach Leben, intensiv und ohne Einschränkungen... und die Liebe? Ich liebe meine Frau, aber auch sie habe ich Anfangs mehr geliebt. Ja, wir haben gerade unser erstes Kind bekommen und ich fühle eine große Liebe zu meiner kleinen Tochter, aber warum die vielen Pflichten? Die starren Muster, in die man mich pressen möchte und in die ich nicht hinein will? Dieses endlose Labyrinth sich wiederholender Handlungen, bedeutungslos und sinnlos.
    Das, was ich habe, verliert bald seinen Reiz und das was ich nicht habe, reizt mich. Warum nur, fragte er sich, warum bin ich so? Diese Unruhe in mir, die mich treibt. Weiter und weiter, aber ich finde keinen Frieden, mal für kurze Zeit und schon drängt es mich weiter.
    Ganz in seinen Gedanken begann er eine Burg zu bauen. Die Sonne war bereits höher gestiegen, noch verborgen hinter einem Dunstschleier am Horizont, der sich langsam begann golden zu färben. Einige Menschen waren gekommen und bevölkerten den Strand. Seine Burg hatte Form angenommen, mit einem Turm, einem Graben drum herum und mit einer Brücke.
    Wir müssen das, was wir aufbauen und besitzen, auch gleich wieder verteidigen, überlegte er. Überall sehe ich Kampf: in meiner Firma, auf der Strasse im Verkehr und dann geht es zu Hause weiter, wer Recht hat...
    „Das ist eine schöne Burg, die du gebaut hast“, hörte er eine melodiöse Frauenstimme neben sich. Als er aufsah, stand vor ihm ein junges Mädchen in weißen Bermudashorts und geblümten T-Shirt. Sie konnte nicht älter als achtzehn sein. Ihre Haut war gebräunt und sie hatte lange schwarze Haare. Wie selbstverständlich setzte sie sich neben ihn und lächelte ihm zu. Ein Lächeln, so schwerelos wie schwebende Blütenblätter, fast wie im Traum, dachte er. Aber das hier war kein Traum, oh nein, das war wirklich. Ihre Augen waren dunkelbraun, sie besaß eine fein geformte Nase und einen ausdrucksvollen Mund. Alles an ihr war von anmutiger Schönheit und ihr Blick besaß eine unbeschreibliche Wärme.
    Ich kann es einfach nicht fassen, wie schön sie ist, musste er feststellen.
    „Wollen wir ein wenig zusammen gehen“, fragte sie. Er nickte stumm und stand mit ihr auf.
     
  2. Seal144

    Seal144 Sehr aktives Mitglied

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    Sie gingen eine ganze Weile am Strand entlang.
    „Wie heißt du?“, fragte er.
    „Urú”, antwortete sie. „Das ist ein indianischer Name, mein Großvater war Indianer.
    „Und was machst du sonst so, Urú?“
    „Ich studiere Philosophie, aber heute habe frei. Wir könnten den Tag zusammen verbringen, wenn du Lust hast?“
    Ich würde mit ihr bis an das Ende der Welt gehen, durchfuhr es ihn.
    „Das ist ein gute Idee“, antwortete er daher gleich.
    Sie gingen Hand in Hand den langen Strand von Ipanema entlang, bis zum Kanal und dann nach Leblonn. Weiter den Berg hinauf, die Avenida Oscar Niemayer bis nach Vidigal.
    „Was machen wir in der Favela?“, fragte er verwundert. „Die Elendsviertel sind gefährlich.“
    „Ich wohne hier“, sagte sie. „Wir gehen zu meinem Haus, es wird dir gefallen.“
    “Ich habe Angst, Urú.“
    „Mit mir brauchst du keine Angst zu haben“, beruhigte sie ihn.
    Die asphaltierte Straße hatten sie längs hinter sich gelassen. Urú ging mit raschen Schritten voraus. Der Weg begann anzusteigen und er betrachtete fasziniert Urús wiegende Hüften, ihren anmutigen Gang.
    Der schmale Trampelpfad wurde steiler, führte an Holzhütten vorbei, die man, wie es eben ging, zusammengezimmert hatte. Sie stiegen höher und höher den Berg hinauf. Sie hatte es vermocht ihn zu beruhigen.
    Und wirklich! Alle, denen sie begegneten, lächelten und grüßten Urú wie eine alte Freundin. Unterwegs trafen sie auf einen Schwarm Kinder. Urú, riefen sie laut und kamen angerannt. Sie griff in ihre Tasche und schenkte ihnen Bonbons, worauf sie glücklich davonrannten.
    Die Vegetation war von sattem Grün und Überfluss. Es duftete nach allen möglichen Pflanzen und Blüten. Links die glatte Felswand, die im Morgenlicht schimmerte und rechts, tief unten gewahrte man das Meer.
    „Da sind wir!“ , verkündete sie. „Das ist mein Haus.“ Urú deutete auf eine kleine Holzhütte, sie war die am höchsten gelegene, ganz oben auf dem Berg. Es gab eine Veranda mit einer Hängematte.
    „Wohnst du hier alleine?“, wollte er wissen.
    „Ich lebe hier zusammen mit meinem älteren Bruder. João ist bei den Eltern zu Besuch in Belém, er kommt nächste Woche zurück.
    Er folgte ihr ins Haus. Da war eine kleine Küche und zwei winzige Zimmer. Alles von anrührender Einfachheit.
    „Du wirst durstig sein, nach dem ungewohnten Aufstieg,“ meinte sie besorgt. „Ich habe kalten Matetee.“ Sie schaute ihn fragend an und da war wieder dieses Lächeln. Er fühlte sich wie herausgehoben durch diesen Blick, mit den dunklen Augen. Ja, allein der Umstand, hier mit ihr zu sein, war so ungewöhnlich...
    „Danke.“ Er nickte und ging mit ihr in die Küche. Der Tee war eiskalt. Erstaunt fragte er, ob sie Elektrizität hätten.
    „Ja, aber wir haben erst vor kurzem Strom bekommen“; erzählte sie. „Das Wasser müssen wir ganz unten von der Strasse holen. Komm, wir wollen uns ein wenig ausruhen und in die Hängematte setzen.
     
  3. Seal144

    Seal144 Sehr aktives Mitglied

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    Der Ausblick war so schön, dass es in ihm ganz still wurde. So saßen sie lange Zeit.
    „Ich fühle mich hier oben dem Himmel näher“, sagte sie leise.“ Und da unten ist die Welt.
    „Mir geht es genau wie dir.“ Er schaukelte ein wenig mit der Hängematte. „Auch diese einfache Hütte imponiert mir irgendwie. Bist du glücklich Urú?”
    „Ob ich glücklich bin?“ Sie sah ihn nachdenklich an. Schließlich meinte sie: „Ich bin in diesem Augenblick glücklich. Man kann solche Augenblicke ausdehnen, aber niemals festhalten. Sie verflüchtigen sich wie der Duft einer Blume.“
    „Gerade das macht mich so traurig“, antwortete er. „Ich habe heute Geburtstag. Heute werde ich dreißig und du bist für mich das schönste Geschenk, das ich mir vorstellen kann. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, denn ich bin verheiratet und meine Frau und meine kleine Tochter werden mich vermissen.“ Sie gab ihren Zeigefinger auf seine Lippen und bedeutete ihm zu schweigen.
    „Denke an das Hier und jetzt, bei Zeit geht es nicht um Quantität,“ sie sah ihn an. „Es geht vor allem um Qualität.“
    „Du bist noch so jung und machst dir solch tiefe Gedanken. Lernt ihr das auf der Universität?“
    „Gewissermaßen ja.“
    „Das sind wertvolle Gedanken. Verrate mir, ob du das Leben ernst findest?“
    „Ich glaube nicht, dass das Leben ernst ist, wenn du es leicht nimmst und zufrieden bist.“
    „Was verstehst du unter zufrieden Urú?”, wollte er wissen.
    Sie lachte und meinte dann: „Wenn du nicht zufrieden bist, hast du keinen Frieden und wirst unglücklich werden.“
    „Du bist noch so jung Urú und hast kaum Lebenserfahrung. Woher weißt du das?
    „Ich dachte immer schon viel über das Leben nach. Darum bekam ich das Stipendium für die Universität.
    „Was möchtest du später einmal machen?“
    „Mein Wissen an andere weitergeben und mithelfen, unsere Welt lebenswerter zu machen.
    „Willst du ins Lehrfach gehen?“ Er sah sie fragend an. „Oder vielleicht sogar Bücher schreiben? Damit könntest du besonders viele Menschen erreichen.“
    „Würdest du so ein Buch lesen?“
    „Ich glaube nicht“, er schüttelte den Kopf. „Es gibt so viele Selbsthilfe Bücher mit Anleitungen zum Glücklichsein und ich bezweifle, ob sie bei mir funktionieren.“
    „Es gibt Menschen, die erst durch die Erfahrungen gehen müssen, bis sie begreifen, dass sie zufrieden sein sollen und so glücklich werden. Manchmal nur für eine Sekunde.“ Sie streichelte ihn sanft. Er war in ihrem Bann, zog sie zu sich und küsste sie leidenschaftlich. Ihr Atem war süß und er wollte, dass dieser Kuss nie enden sollte. Sachte entzog sie sich ihm.
    „Ich werde uns etwas zum Essen vorbereiten und anschließend wollen wir auf den Gávea Stein hochsteigen.”
    „Was?“ Erschrocken riss er die Augen auf. „Ich will nicht abstürzen und möchte noch viele Jahre leben. Das ist viel zu gefährlich.“
    „Hab Vertrauen“, sie zwinkerte ihm zu. „Ich habe gute Klettererfahrung und war viele Male oben. Du wirst mit einem unvergesslichen Blick über Rio de Janeiro belohnt.“


    Es gab herrliches frisch duftendes Weißbrot und Milchkaffee. Dann brachen sie auf.


    Der Aufstieg war beschwerlich. Nach zwei Stunden erreichten sie endlich das große Felsplateau. Der Ausblick war gewaltig. Unter ihnen die Stadt im Dunst, klein und unbedeutend. Urú hatte sich dicht an ihn geschmiegt.
    „Und?“, fragte sie.
    „Ich bin glücklich“ , antwortete er leise. Nur, wie wird es weitergehen in meinem Leben?“ Er wurde traurig. Sie hatte ihren Arm um ihn gelegt.
    „Das war ja jene Frage, die du heute Morgen gestellt hast. Darum sitzen wir hier oben. Damit du eine Antwort darauf findest und eine höhere Sichtweise bekommst.“
    Und er sah sein zukünftiges Leben zeitgerafft vor sich abrollen. Das ist wie im Kino, dachte er. Der Himmel über Rio als riesige Kinoleinwand, dazu der Klang von ihrer melodiösen Stimme.
    „Du hast ein reiches und erfülltes Leben und wirst es zusammen mit deiner Frau verbringen“, hörte er sie. Und er sah zwei weitere Kinder auf die Welt kommen, es waren seine.
    Oh ja, ein reiches und erfülltes Leben, dachte er glücklich, aber dann sah er sich älter werden. Die Menschen die er kannte, wurden alt, ihre Gesichter bekamen Falten, ihre Körper gebeugt, verwandelten sich zu Greisen.
    „Viele Menschen erreichen nicht einmal dieses Alter“ hörte er ihre tröstende Stimme. „Sie sterben vorher.“
    Er musste weinen.
    „Warum weinst du?“
    „Weil alles vergänglich und dem Tod geweiht ist.“
    „Ich hoffe“, sprach sie, „du kannst ein wenig von dieser Traurigkeit, diesem Bedauern, mit hinübernehmen, in eure Welt. So hättest du die Chance, aus dieser Erfahrung zu lernen. Deine Zeit auf der Erde ist begrenzt und du könntest sie besser nutzen. Du hast alles in dir selbst“, fuhr sie fort. „Du brauchst es nirgendwo zu suchen, aber es ist schön sich ab und zu mal zu erquicken...“
    Und er sah sich an vielen Plätzen in der Welt, er sah sich in Delphi an der Orakelstätte in Griechenland und musste lächeln. Wir Menschen wollen immer unsere Zukunft wissen.
    „Du selbst machst dir deine Zukunft“, hörte er sie erklärend. „Das was du sähst, wirst du ernten, manchmal dauert es ein paar tausend Jahre.“
    „Was? In welchen Dimensionen soll ich noch denken?“, seine Stimme wurde skeptisch.
    „In grenzenlosen Dimensionen, sie erweitern sich mit dir.“
    Da sah er sich zusammen mit seiner Frau, auf einem Schiff auf dem Nil und er liebte seine Frau. Die Reise führte an Tempeln und Pyramiden vorbei... aber dann war er plötzlich im alten Ägypten, fuhr einen Streitwagen im Kampf gegen die Hyksos.
    „Das war in der vierzehnten Dynastie, vor viertausend Jahren“, erläuterte sie die Bilder, die er schaute.
    „Dafür gibt es keine Beweise“, meinte er lahm. Und er sah sich Prozac nehmen und erblickte sein Elend. Er wollte nicht mehr leben, es war alles sinnlos. Kein Anfang, kein Ende, kein Ziel und die Evolution reiner Zufall.
    „Wenn du das willst, wirst du es erhalten“, sagte sie düster.

    Er sah den Himmel mit den Engeln, projektiert auf dem Himmel über Rio, aber die Engel weinten.
    „Warum weinen sie Urú?”
    „Sie haben umsonst für etwas gearbeitet, was sich nicht erfüllen wird. Es ist so ähnlich, wie wenn man ein großes Fest vorbereitet und niemand kommt. Die Menschen glauben, man will sie irre führen.“ Ihre Stimme war traurig.
    „Sei bitte nicht traurig. Wie geht es weiter?“, wollte er wissen.
    „Es geht darum, wie weit du gehst. Zeit spielt keine Rolle, aber nütze deine dir gegebene Zeit und sei dankbar für so viel Schönheit.“


    Schweigend standen sie auf und begaben sich auf den Rückweg. Urú führte ihn sicher hinunter. Es dämmerte bereits, als sie auf die Avenida Niemayer kamen. Hupende Autos und der Berufsverkehr der Millionenstadt mit seinen stinkenden Auspuffgasen empfing ihn, und er dachte daran, wie schön es da oben war. Er wäre eigentlich lieber dort geblieben.
    Sie aber schritt entschlossen voran und bald waren sie am Kanal, gingen den Ipanema Strand entlang, bis zu jenem Platz, wo sie heute Morgen saßen. Sie gab ihm einen zärtlichen Kuss zum Abschied.
    „Wann sehen wir uns wieder?“, fragte er.
    „Ich bin immer in deiner Nähe“, meinte sie lächelnd. „Richtig sehen wirst du mich erst wieder, wenn ich dich holen komme, auf unsere Reise durch die Sternenwelten. Die Ägypter wussten dies. In ihren Grabkammern wurden die Decken mit dem Himmelsgewölbe und der Göttin Nut ausgemalt.“ Und weg war sie. Er meinte noch ihren Duft wahrzunehmen, aber auch er verflüchtigte sich.
    Als er zum Himmel sah, bemerkte er, dass es nicht abends sein konnte. Es war frühmorgens und begann heller und heller zu werden. Dann ging die Sonne strahlend auf.
    Er erhob sich und machte sich auf den Weg nach Hause. Ich fühle mich glücklich, dachte er. Ein reiches und erfülltes Leben, so wird es sein.

    2003
     
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