Zitat von Bulldackel
Absolut kein Problem. Was die Leute in ihren Schlafzimmern (oder sonstwo) veranstalten, geht mich nichts an. Aber Thompson produziert ja gewissermaßen für die Öffentlichkeit. Und daher nehme ich mir natürlich das Recht, meinen Senf dazuzugeben. Selbst wenn wir den (wie ich finde unwahrscheinlichen) Fall annehmen, dass eine Frau es anregend findet, sich von wildfremden Kerlen vollpissen zu lassen, bleibt der Umstand, dass der Film letzten Endes verkauft wird an ein Publikum, das sich an der Erniedrigung dieser Frau ergötzt.
Es kam ja die Frage, wo man eigentlich die Grenze ziehen will. Die Frage finde ich gut. Wo zieht man denn die Grenze? Ist tatsächlich alles erlaubt, was vordergründig freiwillig geschieht? Es gibt zahlreiche Experimente, die beweisen, wie leicht es ist, einen Menschen "freiwillig" etwas tun zu lassen, was er eigentlich gar nicht will. Die Securitate hat diese "Kunst" soweit perfektioniert, dass ihre Häftlinge einander folterten und ermordeten.
Straßenkinder in Osteuropa. Die prostituieren sich vollkommen freiwillig. Sie fangen mit 5 oder 6 Jahren an und verrecken mit 15 oder 16 an AIDS. Selbst schuld?
Wer kennt denn nicht das Gefühl, sich einfach mal mit den falschen Leuten eingelassen zu haben oder sich schlicht in einer wichtigen Entscheidung vertan zu haben, weil man in seinem jugendlichen Leichtsinn nicht die ganze Situation überblicken konnte. Ich hatte durchaus schon desöfteren Schwierigkeiten damit, mich von Menschen loszusagen, mit denen ich eigentlich nichts zu tun haben wollte, und die mir irgendwie dennoch ständig auf die Pelle gerückt sind. Man entscheidet da nicht immer rational und sagt: lass mich in Ruhe, das ist nicht was ich will. Man fühlt sich verpflichtet, man will nicht verletzen, man fragt sich, ob man sich vielleicht wieder irrt. Es sind weniger als ein Prozent der Menschen, die mit einem IQ >= 130 zur Welt kommen, und denen man vielleicht ausreichende Weitsicht unterstellen kann. Alle anderen haben diese Weitsicht im Allgemeinen nicht. Jedenfalls nicht in jeder Lebenslage.
Die Depression ist der schlagendste Beweis, dass es Menschen gibt, die nicht "so können, wie sie wollen", obwohl sie dem äußeren Anschein nach vollkommen in Ordnung zu sein scheinen. Man kann dieses Phänomen also nicht einfach als unbegründet abtun. Wer kennt denn nicht den typischen "Klassen-Trottel", der förmlich darum bettelt, gedemütigt und manchmal sogar verdroschen zu werden. Soll man wirklich davon ausgehen, dass das völlig normal ist? In was für ein Gesellschaft würden wir denn leben, wenn wir, anstatt dem Klassen-Trottel zu helfen, seine tagtägliche Erniedrigung als amüsante Anekdote in einer kunterbunten Welt abhaken? Wie fühlt sich eine Mutter, deren Kind sich in der Schule "freiwillig" zur Sau machen lässt? Was soll man ihr sagen? Shit happens?
In was für einer Gesellschaft will man denn leben? In einer Gesellschaft, die jede erdenkliche Perversität hinnimmt, ohne auch nur eine Sekunde zu hinterfragen und alles und jedes mit der wohlfeilen "Freiwilligkeit" zu banalisieren? Genau in einer solchen Gesellschaft wollten die ersten Menschenrechtler eben nicht leben. In einer solchen Gesellschaft wollten auch die französischen Revolutionäre nicht leben. Deshalb beschränkt sich der Begriff der Menschenwürde eben nicht, wie hier fälschlich immer angeführt, auf die unumschränkte Verfügungsgewalt über den eigenen Körper, sondern nimmt immer auch bezug auf einen, zugegeben etwas metaphysischen, Wert des Menschen an sich. Es sollte nicht zuletzt ein Mechanismus geschaffen werden, der verhindert, dass eine aufgeklärte (und daher potenziell säkulare) Menschheit in die völlige Borniertheit und Stumpfheit abrutscht.