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Zum Abschied

Dieses Thema im Forum "Aufgeschrieben" wurde erstellt von Pelisa, 8. April 2006.

  1. Pelisa

    Pelisa Guest

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    Zum Abschied​



    Dies ist dein Grab, dein Grabstein, dein Name in Gold.

    Ein Grabstein ist nicht so schmerzhaft wie der mit Blumen bedeckte Erdhügel ist nicht so schmerzhaft wie ein offenes Grab.

    Es kann nicht mehr schlimmer werden, dachte ich, als ich die Partezetteln verteilte, als ich die Leichenhalle betrat, als ich deinen toten Körper sah, als die Glocken nicht aufhören wollten zu läuten, als wir Totenwache hielten in der Leichenhalle, im Jänner, und das Fenster war kaputt, als mir all die Gleichgültigen Beileid wünschten, als der Chor „Lasst mich ziehen“ sang und mich zum Weinen brachte, als ich zitternd am Grab stand und nicht wusste, ob die Kälte vom Schnee kam oder aus mir selbst, als ich schließlich Erde auf dich warf, es kann nicht schlimmer werden.
    Oh doch, es kann. Jedes Mal.

    Ich weine noch immer um dich.
    Dieser Grabstein… Ich habe dir Herbstlaub gebracht, wie im Frühling Blüten und im Sommer Wiesenblumen. Die, die dir rote Rosen bringen, werden mich auslachen. Aber du warst doch Bauer, ein Leben lang, und Rosen haben dich nie interessiert. Was ich dir aufs Grab lege, wurde nicht irgendwo gezüchtet, sondern wuchs aus der Erde, die dir gehört hat und eines Tages mein sein wird. Ein Band zwischen den Generationen.

    Ich erinnere mich noch an den Tag, als du meinem Vater die Grenzsteine gezeigt hast. Du wusstest jeden auswendig.
    Ich erinnere mich an deine Pferd und den Tag, als du zu alt geworden warst, die Zügel zu halten. Von da an blieb der Pferdestall leer. War das der Tag, an dem du dein Arbeitsgewand abgelegt hast? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass von da an nichts mehr stimmte. Du trugst ein Hemd, einen Pullover, eine schwarze Hose, nicht mehr die blaue Arbeitsbluse und dein Fiata. Und wann hast du aufgehört, Malzzuckerl zu naschen? Ich habe es gar nicht richtig bemerkt, ich war schon zu groß, um mir Süßigkeiten zu erbetteln…
    Deine Zuckerl. Ein blaues Sackerl, und du hast die Ecke so genau abgeschnitten, dass man ein Zuckerl gerade noch herausdrücken konnte. Keine Chance für gierige Kinderhände.

    Nein, ich werde nicht sentimental. Ich habe die Kätzchen nicht vergessen, die du heimlich ertränkt hast. Oder meinen Zorn, als du von unseren Kletterbäumen die unteren Äste abgesägt hast, sodass wir dort nicht mehr herumturnen konnten. Obwohl ich heute deine Besorgnis verstehe.

    Mein erstes Taschengeld bekam ich von dir. Wann immer du ein Kälbchen verkauft hattest, bekamen meine Schwester und ich unseren Anteil. Du hast dazu Leika gesagt, oder war es Leikaf? Ich habe vergessen zu fragen was das bedeutet.

    Es muss dein Rasierzeug gewesen sein, mit dem ich mir in die Wange schnitt als ich dich nachahmte.

    Und meine Verwirrung, las ich neben dir saß und du dem Versicherungsagenten sagtest, dein Beruf sei Landwirt. Du warst doch Bauer! Kein Gastwirt! Und was ist ein Landwirt anderes als ein Gastwirt auf dem Land?
    Du, der Bauer. Sommer war, wenn du den Leiterwagen zusammengebaut hast. Ich sehe dich, wie du Brot bäckst und die Feuerflecken für uns Kinder nicht vergisst. Ich sehe dich beim Sauabstechen, beim Kühetränken, beim Säen, beim Mähen, und, viel später, wie du den Truthahn Hansi nennst.

    Dann warst du kein Bauer mehr sondern im Ruhestand. Deine Spaziergänge wurden immer kürzer, bis du kaum noch aus dem Haus gingst. Wenn du den Fernsehapparat eingeschaltet hattest, hörte man es noch im Garten. Dem Hund hast du auch die Augen gestreichelt.
    Aber meine Semester hast du immer richtig gezählt und nichts vergessen was man dir erzählte.

    Warst du ein guter Mensch?
    Nein, nicht nach dem, was ich heute von dir weiß. Aber das interessiert mich nicht. Du bist mein Großvater und ich habe dich lieb. So etwas stirbt nicht. Hörst du? Ich habe dich lieb! Habe ich dir das jemals gesagt? Vielleicht als kleines Mädchen. Hoffentlich.

    Und jetzt, da es zu spät ist, da mir beim Schreiben die Tränen die Sicht nehmen, ein letztes Mal, und du wirst es nicht lesen, zum Abschied: ich habe dich lieb.
     
  2. east of the sun

    east of the sun Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    27. Januar 2005
    Beiträge:
    15.740
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    wo die Sonne aufgeht bin ich zuhause.
    Schöner kann man es nicht sagen! :umarmen: Ich verstehe das sehr gut.
     
  3. Pelisa

    Pelisa Guest

    Danke :liebe1:
    Ich dachte, ich muss mal was anderes posten bevor mich alle für ein Monster, das nur Statistiken liest, halten ;)
     
  4. east of the sun

    east of the sun Sehr aktives Mitglied

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    wo die Sonne aufgeht bin ich zuhause.
    Ich habe bisher nur im Masern.thread von dir gelesen und da kamst du mir etwas bedrückt vor. Schön dich kennenzulernen.:)
    Schreibst du öfter Gechichten oder Texte? Ich finde es liest sich sehr gut. War richtig gerührt.(bin ich immer noch.)
     
  5. Pelisa

    Pelisa Guest

    Nein, nein, mir gehts gut.

    Schreiben ist mein Hobby, gelegentlich veröffentliche ich auch. Aber mit Emotionen so an die Öffentlichkeit zu gehen ist nicht immer einfach...Seelenstriptease.
     
  6. east of the sun

    east of the sun Sehr aktives Mitglied

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    wo die Sonne aufgeht bin ich zuhause.
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    Nuer wenn man sich öffnet kann man empfangen. Ich danke dir jedenfalls für den Text. Ich habe einen ganz lieben Opa verloren und empfand genauso.
    Schönen Abend bzw. Nacht dir!
     
  7. Pelisa

    Pelisa Guest

    Ich habe diese Geschichte schon öfters vorgelesen, ich bin immer wieder erstaunt, wie meine ganz persönliche Trauer ganz plötzlich etwas Allgemeingültiges zum Vorschein bringt....
    auch dir alles Liebe
     
  8. Kinnaree

    Kinnaree Guest

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    Richtig. :liebe1: War er dir ein guter Großvater - dann war er dir ein guter Mensch. Fehler machen wir alle, und es stellt sich oft erst hinterher heraus, wie groß sie waren und wie schwer... Mit meinem Großvater mußte ich auch erst einige Jahre nach seinem Tod ein klärendes Gespräch führen, um das zu begreifen...
     

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