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ADVENTGESCHICHTE : Engerl mit Vanillekipferl

Dieses Thema im Forum "Allgemeine Diskussionen" wurde erstellt von carota, 30. November 2004.

  1. carota

    carota Mitglied

    Registriert seit:
    27. Juni 2004
    Beiträge:
    101
    Ort:
    Wien
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    Engerl mit Vanillekipferl
    Sie hatte es sich so großartig vorgestellt.
    "Kinder," hatte sie zu ihren Kindern gesagt, "Kinder, heuer spenden wir zu Weihnachten nicht für die Dunklen, wer weiß ob das ankommt. Auch nicht für die Mission in Afrika. Die kennen eh kein Weihnachten, wozu also gerade jetzt spenden? Heuer zeige ich euch, dass unsere Spende lebt."
    Ihre beiden Söhne hatten sie verständnislos angesehen, aber dann genickt. Wenn es danach zum Shopping ging?
    Sie war froh, dass die beiden den erzieherischen Aspekt ihrer Idee nicht witterten. Aber in Anbetracht der Wunschlisten, die sie ihr schon im Oktober an die Pinnwand geheftet hatten, fand sie ihren Gedanken ausgezeichnet.
    Ein neues Handy, eine neue Schiausrüstung, viele Spiele für den PC und ausreichend Kohle für den Kleinen; ein neues Handy, eine neue Schiausrüstung, ein Auto - zwar gebraucht, aber nicht älter als 3 Jahre und natürlich Marke Golf. Das waren die Wünsche des Großen. Und täglich kamen neue Wünsche hinzu. Sie hätten es sich zwar leisten können, - das schon - , aber ein bisschen Bescheidenheit war doch angesagt...?
    Sie hatte beschlossen einem der Obdachlosen, die in den U-Bahnstationen anzutreffen waren, eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Aber womit konnte man einem dieser abgehalfterten Individuen eine Freude machen? Alkohol, Zigaretten oder Bargeld, mit denen sie einem Sandler sicher die meiste Freude gemacht hätte, lehnte sie ab. Schon aus erzieherischen Gründen. Aber was konnte man jemandem schenken, der höchstens in der Nacht ein Dach über dem Kopf hatte und seine Habseligkeiten mit sich tragen musste?
    Schließlich hatte sie eine Idee: Einen Rucksack wollte sie schnüren, voll gepackt mit Köstlichkeiten und nützlichen Dingen, die ein Sandlerherz erfreuen würden. Eine Thermoskanne mit Tee, ein Häferl. Dauerwurst, Streichwurst und Brot, dazu ein kleines Messer. Ein halbes Kilo Äpfel und ein halbes Kilo Mandarinen. Eine Mütze, Socken und Handschuhe. Und selbstgebackene Vanillekipferl in einer Frischhaltedose. Welcher Sandler würde schon zu Weihnachten mit Selbstgebackenem verwöhnt?
    Während sie alles im Rucksack verstaute, dachte sie an den noch ahnungslosen Glücklichen, den sie allein auswählen würde. Sie stellte sich seine Überraschung und Dankbarkeit vor, wenn sie ihm mit ihrem persönlichen Geschenk gegenüberstehen würde. Und sie spürte die Spitzen von Flügeln aus ihren Schulterblättern sprießen.
    "Kinder", sagte sie am 23. Dezember zu ihren Kindern, "Kinder, heute fahren wir in die Stadt und überbringen unsere Spende". Das altmodische Wort "Almosen" kam ihr nicht über die Lippen, und außerdem wäre es für die beiden sowieso ein Fremdwort gewesen.
    Es machte ihr nichts aus, dass sie jemanden beim Ziehen der Fahrkarten um Hilfe bitten musste und bei einer anderen Station als geplant ausstiegen. Schließlich fuhr sie nie mit der U-Bahn. Sie war froh, als sie endlich den Wagon verlassen konnten. Die drückende Schwüle darin, der Gestank, die Menschen mit ihren griesgrämigen Gesichtern... Hätten alle diese Missmutigen eine ebenso ehrenhafte Aufgabe wie ich, dann würden sie auch lächeln, dachte sie. Als sie auf dem Bahnsteig stand, die Kinder hinter sich, spürte sie Druck in der Magengegend. Der Sog der hastenden Menschen rundum zog sie beinahe mit.
    Ein Fluchtgefühl wollte sie in Richtung Rolltreppe, hinauf in die Welt der Oberirdischen tragen. Aber sie widerstand dem Gefühl und ließ ihren Blick über den fast leeren Bahnsteig wandern. Im 7-Minuten-Takt strömten wieder Menschen nach unten, ein ständiges Kommen und Gehen in Hast.
    Aber der Gesuchte war nicht unter ihnen. Sie wandte sich in Richtung Rolltreppe, die Kinder im Schlepptau. Ja, in den Zwischenetagen würde sie ihn antreffen, zwischen Zeitungsständen und WC-Anlagen. Dort wo die Menschen das Kleingeld locker sitzen hatten und die Chance größer war, dass etwas für ihn abfiel.
    Suchend sah sie sich wieder um.
    Da entdeckte sie ihn: in einer Gruppe anderer Obdachloser, die abseits standen und miteinander redeten. Noch konnte sie zurück, sie war in einem sicheren, weil anonymen Abstand zu ihm. Es fiel ihr schwer, die Schritte in seine Richtung zu lenken und sie umklammerte den Griff des Rucksacks. Ihr Herz klopfte laut. Als sie vor ihm stehen blieb, ignorierte sie die seltsamen Blicke der vorbeihastenden Menschen, sie nahm auch nicht wahr, dass ihre Söhne stehen geblieben waren. Der Schweiß lief ihr den Rücken hinunter, als sie ihm den Rucksack entgegen hielt und mit unsicherer Stimme sagte: "Entschuldigen Sie bitte, ich habe da ein Geschenk für Sie!" Sie blickte in zwei freundliche, überraschte Augen, in ein offenes Gesicht. Plötzlich schämte sie sich.
    Für den Rücksack. Zwei Jahre lang war er im Keller gelegen. Ein Geschenk der Bausparkasse. Auf dieses Label hatten ihre Söhne keinen Wert gelegt.
    Für die Thermoskanne und das Häferl. Gekauft im Ein-Euro-Shop.
    Für die Dauerwurst, die Streichwurst und das Brot. Alles in Plastik verschweißt. Für ihre Familie kamen nur Lebensmitteln mit biologischer Herkunftsgarantie auf den Tisch.
    Für die Äpfel und Mandarinen. Wäre ein Kilo davon nicht angemessen gewesen?
    Für die Mütze, die Socken und die Handschuhe. Hastig und wahllos aus dem Wühltisch der Sonderangebote gefischt. Bei der Kasse hatte sie sich dafür geniert.
    Ach ja: und die selbstgebackenen Vanillekipferl!? Für die schämte sie sich besonders.
    Sie war noch nie eine gute Köchin gewesen, Weihnachtskekse waren Sache der Haushälterin. Das erste Blech war ihr angebrannt, weil sie die Zeit über einem Tratsch mit der Freundin vergessen hatte. Über das zweite Blech, das gelungen war, hatten sich sofort ihre Kinder hergemacht. Die angebrannten Vanillekipferl hätte sie sonst nicht einmal dem Hund verfüttert. Nun lagen sie - kaschiert von etwas Staubzucker - in der Frischhaltedose.
    Kurz spürte sie seine Hände auf ihren.
    "Se san ja a Engerl!" sagte der Mann fröhlich, "i werd´s mit die Kolleg´n teilen!" Der Sandler umarmte sie herzlich mitsamt dem Rucksack. Und sie spürte das erste Mal seit langem ein Gefühl von Zufriedenheit.
    So großartig hatte sie es sich vorgestellt.

    (Geschichte ist von Brigitta Mathes)
    Schöne Adventzeit wünscht euch
    carota
     
  2. Tarraco

    Tarraco Mitglied

    Registriert seit:
    7. Dezember 2004
    Beiträge:
    80
    Danke für die tolle Geschichte! Ich hab mich wirklich sehr darüber gefreut!
    Tarraco
     

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