Transzendenz

Die klassische Dreiteilung des Menschen ist ja Körper-Geist-Seele. Körper und Geist sind offensichtlich, über die verborgene Seele gibt es verschiedene Ansichten. Etwa dass sie ewig, also ohne Anfang und Ende ist, oder dass sie einen Anfang hat, von Gott geschaffen, aber kein Ende. Dass sie eine Person ist, Bewohner eines ewig glückseligen Himmelreichs, aus dem sie in diese Welt gefallen ist, oder dass sie eins mit allem und die Trennung in Subjekt-Objekt nur eine Illusion ist. Oder dass das alles nur Wunschvorstellungen sind und die Seele einfach etwas Geistiges ist, das vom Gehirn erzeugt wird.

Nach der letzteren Version hätte der Mensch keine höhere Bestimmung, zufällig entstanden in einem zufällig entstandenen Weltall, könnte er dem Dasein einen beliebigen Sinn geben. Alle Kulturen seit Anbeginn der Menschheit, die auf etwas Überweltliches oder Jenseitiges hinweisen, wären nur naive Träumereien gewesen und nun wäre der Mensch endlich erwacht und zu einem aufrechten Materialisten geworden.

Mir ist ja die naivste Religiosität noch lieber als der intelligenteste Materialismus. Da wurde immerhin die grundsätzliche Entscheidung getroffen, dass es etwas Transzendentes gibt. Dadurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier, das keine Fragen über das Dasein stellen kann: Wer oder was bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich? Warum bin ich Unzulänglichkeit und Leiden ausgesetzt, kann ich dem entkommen? Wer nicht intuitiv fühlt, dass es das Transzendente, alles Übersteigende gibt, sieht sich hilflos einem eiskalten Weltall ausgeliefert und nur die Vorstellung, dass nach dem Tod alles für immer vorbei ist, vermag ihn zu trösten. Während er versucht sein Dasein glücklich zu gestalten, fühlt er insgeheim, dass alles stets gefährdet, unsicher und vergänglich ist. Er hat auf das falsche Pferd gesetzt und verdient Mitgefühl.

Der Buddha hat nichts Genaues über die Seele ausgesagt, weil das die Grenze des Erklärbaren überschreitet:
"So weit die sechs Grundlagen des Sinneneindrucks reichen, so weit eben reicht die erklärbare Welt der Vielfalt." (Aṅguttara Nikaya IV.174)
Er hat aber den Weg beschrieben, der zur "Stätte höchsten Friedens" führt:
"Wahrlich, wenn die Dinge dem Eifrigen sich entschleiern, schwinden alle seine Zweifel hinweg, da er den Prozess der bedingten Entstehung erkannt hat." (Udāna 1.1)

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vimutti
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