Gnosis - Irenäus von Lyon - Kirche

Schon spannend, denn dieser Irenäus von Lyon (135 - 202 n. Chr.) war ein entschiedener Gegner der gnostischen Lehren ... genauso wie die heutige Kirche ... und eben diese Lehren werden aufgegriffen in der Dissertation von Markus Wasserfuhr (2005): In Geduld reifen. Ein interdisziplinärer Beitrag zur Bestimmung der Aktualität der Anthropologie des Irenäus von Lyon. LIT Verlag, Münster.

Um es vorweg zu nehmen. Diese Lehren sind einfach der Hammer :-) Wieso? Ich hab es ja schon einmal geschrieben: Die Gnostiker (auch wenn es hier definitiv keine einheitliche Strömung und viele Widersprüche gegeben haben mag) sind für mich die wahren Christen, die zu einem Großteil an den ursprünglichen Lehren festgehalten haben ... aber vermutlich schon vor der Zeit Jesus Zugang zur Praxis der Gotterfahrung ... also dem Übersteigen des Körperbewusstseins hatten. Anders kann ich es mir nicht vorstellen, wie sie sonst in den Besitz dieses Wissens gekommen sind.

S.24 steht, dass nicht nur zwischen einem ethischen Dualismus, also "Gut" und "Böse" auf dieser Welt unterschieden wurde ... sondern auch einem kosmischen Dualismus.

Wasserfuhr 2005 schrieb:
Die Transzendenz Gottes ist stark betont. Gott ist "antikosmisch". Er kann Licht, Leben, Geist, Vater, der Gute genannt werden, nicht aber Schöpfer, Herrscher, Richter.
Das Gleiche erfahren wir bei vielen Heiligen. Gott ist nicht-materiell, also rein spirituell und mit dem Verstand nicht erfassbar. Um uns aber irgendwie ein Bild zu machen betrachten wir Ihn als "Licht, Leben Geist, Vater, das Gute, ..."

Das mit der äußeren Schöpfung ist nicht einfach zu verstehen, denn Gott hat hier einen Gehilfen. Natürlich geht alles auf Gott zurück. Er ist die ursprüngliche Kraft hinter allem ... aber ohne die "erhaltende, nach außen führende Kraft" (= Demiurg, Kal) gäbe es diese Welt nicht! Und es ist diese Kraft die in göttlichem Auftrag, wie ein Verwalter regiert. Wie ein Oberbefehlshaber hat er gewisse Kompetenzen und einen Handlungsspielraum, den er zu seinen Gunsten ausnutzt. Er ist der Herrscher und Richter dieser Bereiche und wacht über die Einhaltung der karmischen Gesetze (Aug und Aug, Zahn um Zahn). Gott alleine kennt nur die Vergebung, Barmherzigkeit und Liebe ... aber Kal fordert von uns den Ausgleich der karmischen Rechnung ein (Richter), weswegen die Seelen immer und immer wieder inkarnieren müssen. Kal ist seeeehr gerecht ... aber genau das ist problematisch, weil die Seelen sich fortwährend über Gedanken, Worte und Taten verstricken ... und das ist ziemlich heimtückisch, weil die Seelen nicht mehr zu ihrem Ursprung zurückkehren können. Kal (der Demiurg) möchte nicht, dass sein Reich entvölkert wird. Er spielt sehr gerne den Herrscher.

Gott liebt Kal und lässt ihn gewähren ... aber unter der Herrschaft Kals ist es einer Seele beinahe unmöglich diesem Spiel zu entkommen. Deswegen sendet das Göttliche zu allen Zeitaltern seine Emanationen, also große Seelen ... Gottmenschen ... mit dem einzigen Auftrag jene Seelen zurück auf den Weg zu Gott zu stellen, die ein Verlangen danach haben. Alle die das Treiben der Welt lieben und sich vorwiegend Rang & Name, Essen & Genusssucht, Sex & Partner, Besitztum usw. hingeben ... bleiben im Kreislauf gefangen, während alle Seelen, die ein wahres Verlangen nach Liebe und Heimkehr verspüren vom Gottmenschen auf den Weg gestellt werden.

Kommentare

und es geht weiter:

... ein weiteres Merkmal des Gnostizismus: (b) die Wesensgleichheit zwischen Mensch und Gott. Das innerste Wesen des Menschen, sein pneuma, ist mit Gott identisch.

Die Existenz des göttlichen pneumas in Leib und Seele wird als Exil und Entfremdung bedeutet. Leib und Seele sind der Grund dafür, dass der Mensch seine göttliche Herkunft vergessen hat oder sie sind das Mittel der niederen Mächte, den Menschen in der "Unwissenheit" zu halten.
Toll, genau! :D

Hier ist aber irgendwo ein Übersetzungsfehler aufgetreten. Hier werden "Leib und Seele" als Ursache des Gottvergessens betrachtet. Auch im Englischen gibt es den Begriff "mind" der oft mit "Geistlich-Spirituell" und "seelisch" verwechselt wird. In Wirklichkeit geht es aber um das Geistig-Intellektuelle (Gemüt). Körper und Gemüt sind die Ursachen der Trennung.

Die Sache ist halt die, dass der Mensch aus 3 Bestandteilen besteht;

1. Körper
2. Gemüt (Intellekt, Verstand, Geist, Ego, ...)
3. Seele

Nur die ersten beiden sorgen dafür, dass wir vergessen, dass wir in Wirklichkeit Seele sind, also ein Tropfen der Allbewusstheit ... ein Teil des Göttlichen. Die Seele (Atman) ist ein Teil des Göttlichen und völlig bewusst. Sie ist aber von verschiedenen Hüllen (koshas) umgeben ... wie bei einer Lampe, wodurch ihr Licht nicht mehr erkennbar ist.

Der Weg der Selbsterkenntnis ist deswegen das höchste Ziel ... mit der Befreiung und Entfernung der äußeren Schichten. Es geht darum, das Körperbewusstsein zu übersteigen ... aber auch im Verlauf des Lebens die "ethischen Tugenden" zu verwirklichen und alle Selbstsucht abzulegen ... insbesondere: Lust, Ärger, Gier, Verhaftung und Ego.
 
Das Gemüt (2.) ist ein Teil von Kal und insofern ist Kal nicht nur eine äußere Bewusstheit, sondern er ist direkt ein Teil unseres eigenen Wesens, der kein Interesse daran hat die äußere Welt aufzugeben. Stattdessen sendet uns das Gemüt fortwährend weltliche Wünsche, die wir erfüllt haben wollen. Somit verhält es sich so, dass der Diener (2.) die Herrschaft über die Seele (3.) übernommen hat ... die nichts sehnlicher Wünscht, als zu ihrer wahren Heimat zurück zu kehren. Aber sie als eigentlicher Herr wird von Diener an der Nase mitgeschliffen ... und kann nicht zu ihrem Vater entkommen.

weiter heißt es:

"Erlösung ist nicht Handeln Gottes, sondern Erkennen des Menschen. Erlösung ist Selbsterlösung. Der Gnostizismus kennt keine Schuld und keine Verwantwortung des Menschen für seine Erlösungsbedürftigkeit. Der Mensch ist das Opfer einer Störung in der göttlichen Sphäre. Schuldig sind allenfalls der Demiurg oder die anderen Mächte. Der Sündenfall geschah vor der Schöpfung und nicht in ihr."
Herr Wasserfuhr fährt volles Programm ... sehr konzentriert das Ganze aber leider missverstanden. In den Nag Hammadi Schriften wird es genauer erklärt wie das funktioniert, nämlich in der Exegese der Seele.

Ohne die göttliche Gnade ist der Mensch völlig hilflos, denn die Erlösung gelingt nur über seine Gnade und Liebe. Aber sich einfach zurück-lehnen is nicht. Und es reicht nicht aus vielleicht einmal die Woche den Gottesdienst zu besuchen :-) Auch der Mensch muss sich richtig anstrengen und sich "schön machen" und vorbereiten. Der Mensch bestreitet folglich mit Seiner Hilfe den Weg der Selbsterkenntnis ... das ist der höchste Weg.

Das mit der "fehlenden Erlösungsbedürftigkeit" des Menschen ist leider ein schlimmer Verständnisfehler der gnostischen Schriften! (siehe Schriftenfunde: Exegese der Seele)
 
Charakteristisch für die Theologie des Gnostizismus ist demnach ein gefallener Gott, für seine Kosmologie ein unwissender Schöpfer und eine heillose Schöpfung, für seine Anthropologie ein sich fremder und in der Welt gefangener Mensch, für seine Eschatologie die Selbsterlösung.

*Hihi*

Ja, "heillose Schöpfung" das stimmt, weil niemand wird in dieser Welt dauerhafte Glückseligkeit finden. Alles ist ein Auf und Ab ... von Freud und Leid. Buddha sagte, dass Leben immer Leiden bedeutet ... und wenn wir schon in der glücklichen Lage sind dies weniger zu erfahren so gibt es seeeehr viel Wesen denen das widerfährt. Diese Welt basiert auf Leiden ... es beginnt schon beim Essen. Wir müssen essen um unseren Körper zu ernähren und dabei anderes Leben zerstören. Sogar wenn wir uns vegetarisch ernähren müssen wir pflanzliches Leben zerstören ... auch wenn das nicht so hoch entwickelt ist wie unseres ... aber die Heiligen sagen, dass sie mit diesem Bewusstsein hier nicht glücklich werden können ... wenn auch nur einem Lebewesen Schaden zugefügt wird. Deswegen ist es unsere Aufgabe das wahre Glück zu finden, indem wir nach innen gehen ... denn die äußere Schöpfung ist wirklich "heillos".
 
Aber was falsch ist ... nicht der "Mensch" ist in der Welt gefangen, weil der Mensch mit seinem physischen Körper ist ja Teil der äußeren Welt. Die Seele ist der wahre Gefangene. Sie muss alles ertragen und mitmachen. Der Körper gehört zur Erde und das Gemüt gehört zu den höheren Ebenen. BEIDES muss der Mensch ablegen, um Gott erfahren zu können. Für die reinen Theoretiker und Intellektuellen aber eine schwierige Sache ... sie haben meist ein sehr starkes Gemüt (2.) und die Seele kann es nicht so einfach abschütteln.

Die reine Selbsterlösung ist sowieso Unfug ... ohne Ihn geht nichts ... aber es bedarf auch einer Anstrengung und einem Bemühen unsererseits. Viele verstehen es nicht, aber es heißt auch, dass Gott denen hilft, die sich selbst helfen. Es ist aber eh nicht leicht zu begreifen, denn ein zu starker Wille mag in der Meditation schon wieder kontraproduktiv sein. Man spricht deswegen auch von einer "anstrengungslosen Anstrengung", derer es bedarf. Sein Wille geschehe.
 
Bitte, wen wundert es, dass die Gnostiker den rachesüchtigen Gott des alten Testamentes nicht anerkannt haben? Ich kenne viele Christen die dasselbe denken. Es ist unerhört, diese niederen menschlichen Eigenschaften (die aus dem Gemüt kommen) Gott zuzuschreiben ... der ja rein spirituell ist und mit dem menschlichen Zorn absolut nichts am Hut hat:

Jonas zitiert nach Wasserfuhr schrieb:
Die Herabwürdigung des alttestamentlichen Gottes zu dem untergeordneten, beschränkten und abstoßenden Demiurgen [...] - in der Geschichte der Religionen eine wahrhaft einzigartige Degradierung, die mit beträchtlicher Gehässigkeit und offenkundigem Genuss vorgenommen wird.
Ich bin jetzt keiner der alten Gnostiker sondern nur EIN Wahrheitssucher ... aber die Kirche würdigt offenbar lieber Gott selbst herab, als diese befremdliche Aneinanderreihung von Buchstaben, namens Altes Testament?
 
Danach versucht der Autor verzweifelt einen Zusammenhang zwischen "New Age" und Gnostik herzustellen ... oje :D

Alles was da beschrieben wird hat nichts mit Gnostik zu tun, sondern da geht es vorwiegend um Persönlichkeitsentwicklung und emotionalen Ausgleich ... aber wenig um die Seele. Sicherlich ist Gott in uns ... das sollte doch der Kirche bekannt sein, wo es ja auch in der Bibel steht ... freilich wird es oft falsch übersetzt. Gott ist uns also seeehr nahe, aber wir können es einfach nicht erfassen, weil Körper und Gemüt uns davon abtrennen.

Logisch, Wochenendseminare reichen wohl kaum aus, diese Selbst-erfahrung herbeizuführen ... und vieles im Bereich New-Age ist natürlich reine Geschäftemacherei und Unfug :) Ich will auch die Gnostik hier nicht mit allen Mitteln verteidigen, aber was soll ich machen, wenn sie an die ursprüngliche Wahrheit noch am ehesten anzuschließen scheint?

Die Kirche musste leider im Verlauf der Zeitalter viel zu viele Kompromisse mit den Machthabern eingehen und ihre eigenen Prinzipien verleugnen. Aber auch in der Kirche selbst gab es Machtkämpfe verschiedener Strömungen und so kam es zur Auslöschung fundamentaler Grundprinzipien, wie der Metempsychose (Seelenwanderung, Wiedergeburt) ... Oder nehmen wir nur das Grundprinzip der Gewaltlosigkeit: "Du sollst nicht töten!" Das waren damals schon harte Zeiten bis ins Mittelalter. Aber heute ist es noch immer so. Wieviele Christen verstoßen dagegen indem sie Tiere töten bzw. töten lassen, um sie zu essen. Gewalt und sei sie auch "nur" gegen Tiere gerichtet ist in jeder Form abzulehnen.
 
Kein Wunder also, dass man heute von vielen Aposteln weiß, dass sie sich vegetarisch ernährt haben ... und bei vielen lässt es sich eben heute nicht mehr wirklich beweisen. Aber wenn man bedenkt, dass es z.B. in Deutschland 2 % Vegetarier geben soll ... also 2 von 100 Leuten. Dann ist es doch außergewöhnlich, wenn man bei den Aposteln einen 10 mal so hohe Quote aufwärts entdeckt, oder nicht? Das ist schon signifikant.

Viele Hinweise über die vegetarische Lebensweise der Apostel sollen sich bei Hieronymus finden, der maßgeblich an der Übersetzung der heutigen Bibeltexte beteiligt war. Er scheibt:

Adversus Jovinianum schrieb:
And so I too say to you: If you wish to be perfect, it is good not to drink wine, and
eat flesh. If you wish to be perfect, it is better to enrich the mind than to stuff the body.

Soll heißen:

"Und so sage auch ich: Möchtest du vollkommen sein, dann tust du gut daran weder Wein zu trinken noch Fleisch zu essen. Wenn du vollkommen sein möchtest, dann ist es besser deine Seele zu nähren anstatt deines Körpers."

Für die weltlichen Herrscher war der Vegetarismus ein Frevel und No-Go! Eine Einschränkung dieser Sinnesfreuden kam für sie niemals in Frage. Der Urkirche blieb fortan nichts anderes übrig, als dieses Prinzip zu opfern. Dazu zählt auch das Trinken von Alkohol das sich kein Herrscher verbieten lassen wollte. Deswegen trinken die Priester heute Wein in der Messe ... eigentlich eine Beleidigung Gottes, die aus der Übereinkunft mit den sinnesfreuden-verhafteten Machthabern hervorgegangen ist. Hieronymus war sich dessen bewusst.
 
Sodann macht sich der Kleriker ein wenig über "New-Age" lustig:
Konsequenzen dieser "Spiritualität" seien, erstens: die spezifische Ethik des New Age, die P. Heelas "Selbst-Ethik" nennt. Urteile, Entscheidungen und Handeln sollten sich an dem orientieren, was man "in sich selbst spürt", an der eigenen Intuition oder der "inneren Stimme". "Das Hören auf die innere Stimme zeigt uns, was wir wirklich wollen, im Gegensatz zu dem, von dem man uns überzeugt hat". Der Wert schlechthin in dieser Ethik heiße Autonomie und Freiheit.
Das widerspiegelt hier genau die Ängste der Kirche. Sie hat offenbar ein gegenteiliges Interesse und möchte dem Menschen keine Autonomie und keine Freiheit eingestehen. Sie sucht krankhaft nach einem existentiellen Seinsgrund und möchte die tonangebende Autorität spielen. Aber gerade wenn sie das versucht, wird sie alles verlieren.

Die Kirche kann offenbar nicht eingestehen, dass die Seele im Menschen ein Teil von Gott ist, weil sie damit um ihre Daseinsberechtigung fürchtet, aber damit geht sie selbst dem Gemüt (Ego) auf den Leim. Die Wahrheit lässt sich auf Dauer nicht manipulieren und so macht sich der Mensch in neue Gebiete auf, eben ohne die Kirche ... die ihn einschränkt und sagt, wie alles zu sein hätte.

In sich selbst hören ... die eigene Stimme ... das ist soooo wichtig, weil das heisst ins eigene Wesen der Seele zu tauchen ... in das Herz ... und dort ist nichts anderes als Gott. Sicherlich ist das kein einfaches Unterfangen, wenn materielle Wünsche des Gemüts sich dazu mischen ... aber dieses Hineinspüren abzuwerten kann Gott nicht glücklich stimmen. Er ist Liebe und diese Liebe ist ebenso in uns. Und der Mensch braucht auch Führung, sie zur Entfaltung zu bringen ... am besten von jemandem, der diesen Prozess selbst schon abgeschlossen hat ... also von einem Praktiker (keinem reinen Theoretiker oder Schriftgelehrten) ... sondern einem verwirklichten Gottmenschen. Eine anspruchsvolle Sache.
 
Wasserfuhr schrieb:
Ein entscheidendes Motiv für die Faszination der Gnosis scheint also zu sein, dass sie Sicherheit bietet: in der Spätantike das Wissen um einen göttlichen Kern im Menschen, den pneumatischen Funken, der die eigene Erlösung garantiert; im hohen Mittelalter das Wissen um den Sinn der Geschichte; im New Age die Sakralisierung des Selbst.
Schon wieder dasselbe ...

Ja, und die automatische "Erlösung" ist natürlich ein Hirngespinst und wieder mal ein Missverständnis. Es scheint schwierig für einen Katholiken, der so tief in seine Überzeugungswelt eingetaucht ist, die Welt des Gnostikers zu verstehen. Im gnostischen Evangelium des Philippus steht ganz deutlich:

Spruch 21 schrieb:
... Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben ...

Hier steht auch, dass es ein Irrtum ist zu glauben, der Mensch würde zuerst sterben und dann auferstehen ... also die gängige Meinung des Christentums, sie würden automatisch "gerettet". Den Gnostikern nach müssen wir die "Befreiung" schon während des Lebens erlangen. Nach dem physischen Tod haben wir diese große Chance vertan ... und wir gehen wieder in den Kreislauf der Geburten und Tode ein.
 
Ja ... das Buch von Wasserfuhr liefert interessante Einsichten und Anregungen zur Auseinandersetzung mit der christlichen Lehre ... und wenn ich wieder Zeit habe, schreib ich hier (S. 57) weiter.
 
Irenäus zit. nach Wasserfuhr schrieb:
Wachsen und Reifen, Entwicklung und "Fortschreiten (proficere) wird es auch nach der Auferstehung von den Toten weiter geben. Es ist das Stadium, in dem sich Gott als Vater zeigt und eine "ganz allmähliche Gewöhnung" an die Gemeinschaft mit dem Vater gehört ebenso zur "Ordnung im Fortschritt (ordo promotionis) der Gerechten" und ist für Irenäus offensichtlich ebenso nötig, wie die Gewöhnung an die Gemeinschaft mit dem Sohn in den vorigen Stadien. Ohne eine solche eigene Zeit der "allmählichen Gewöhnung" könnte der Mensch das Ziel seiner Existenz, den Vater zu "schauen (videre)", nicht ertragen.

Haha, der Irenäus ... schon sensationell wie er diese Lehren auf den Punkt bringt! Wie konnte diese Grundsäule der Lehren im "christlichen Mainstream" nur verloren gehen? Die Christen glauben in einer schier unglaublichen Dummheit (= Unwissenheit), sie müssten nichts tun ... und bräuchten nicht das Geringste zu ihrem Seelenheil beizutragen. Vielleicht ein wöchtenlicher Besuch des Gottesdienstes? Wachsen und Reifen, wie wir bei Irenäus erfahren ist ein Grundprinzip das den gesamten Kosmos durchdringt und sich auch auf den inneren Ebenen fortsetzt. Der Tod allein bringt nicht das höchste Bewusstsein. Das ist eine Irrlehre der negativen Kräfte, die nicht wollen, dass der Mensch aus ihrem Machtbereich entschwindet und zum Göttlichen zurückkehrt.
 
Und es ist doch völlig logisch, dass der in seine materiellen Wünsche verstrickte Mensch ... mit all seiner Oberflächlichkeit nicht die höheren Schwingungen der Göttlichkeit ertragen kann. Er würde nicht "erlischen" aber es würde seine Persönlichkeit zerreißen ... also nicht die unsterbliche Seele, sondern das was ich schon als "Gemüt" oder "Geist, Intellekt" bezeichnet habe. Da wo Gott ist kann es nämlich kein Gemüt geben ... beide schließen sich aus. Aber der Mensch hat sein Gemüt über diese Welt gebreitet und wie ein seidenes und wie Tuch über eine Dornenhecke gelegt. Was passiert nun, wenn man das Tuch zu schnell zurückzieht?

Die Gemeinschaft mit dem Gottmenschen ist die Vorbereitung auf die Vereinigung mit Gott ... es gibt verschiedene Stufen der spirituellen Verwirklichung. Wie traurig kann es sein, wenn eine Hauptreligion, wie das Christentum nichts mehr davon versteht? Re-ligion von re-liare (lat.) sich "zurückverbinden" mit dem Göttlichen. Was haben wir nicht alles vergessen in unserer Dummheit? Wir wissen, wie man ein Flugzeug oder Computer baut, ja ... aber die wirklich wichtigen Sachen haben wir alle vergessen ... und Religion ist zu einem reinen Glaubensgebäude und zu Lippenbekenntnissen geworden. Wir haben Institutionen geschaffen aber keine Ahnung von Re-ligion mehr.

Fana-Fil-Shayk, wie die Sufi-Heiligen es ausdrückten, ist die Auslöschung des Selbst im Meister. Erst danach kommt:
Fana-Fil-Allah

Aber weil ich davon genauso wenig verstehe kann ich nicht mehr dazu sagen ... Irenäus scheint aber davon gewusst zu haben ...
 
Den Gnostikern fehlt deshalb die Haltung des fides und subiectio. In ihrer Überheblichkeit und mit ihrer Erfindung vermitteln sie sich das Gefühl, schonüber ihren mit ihrer Geschöpflichkeit verbundenen Grenzen zu stehen. Die Gnostiker verleugnen damit die Erfahrungen in der Welt der Grenzen.

fides ... Glaube
subiectio ... Gehorsam

Also, wie ich die Gnostiker einschätze werden sie hier völlig missverstanden. Eher würden sie es so wie ein Sufi-Dichter halten (Gehorsam):

Sufi Dichter schrieb:
Oh Herz, wenn du den Geliebten mit dir glücklich wissen möchtest, dann musst du tun und sagen, was Er befiehlt. Wenn Er sagt, weine Blut!, frage nicht warum?, wenn Er sagt, stirb! frage nicht, wie soll das gehen?"
 
Ja, über Google-Books sind natürlich viele Seiten unzugänglich ... und da ist es kaum mehr möglich sich auf etwas zu beziehen. Spannend sind natürlich viele der Fragestellungen, die schon in der Antike (Griechenland) aufgeworfen wurden:

Ist der Mensch von Natur aus gut?
Ist der Mensch verantwortlich für das Böse?
Oder kann er nichts dafür, weil ja das Böse in ihm wirkt?
Wie kann er dann Erlösung erreichen?

Das sind alles sehr zentrale Fragen, die ich aber mangels fehlender Seiten nicht aufgreifen kann ... und dazu käme dann noch die Einarbeitung in eine spezifische Fachsprache. Wie auch immer, wenn ein Pythagoreer zitiert wird, dann ist es fast immer gut zuzuhören:

Philolaus schrieb:
Es bezeugen aber auch die alten Philosophen und Seher, dass die Seele (psyche) gewissermaßen zur Strafe mit dem Körper (soma) verbunden und in ihm wie in einem Grab (sema) bestattet ist.

Ein treffender Vergleich ... und jetzt möchte man meinen, dass die Pythagoreer den Körper völlig abgelehnt und gering geschätzt haben. Aber dem war bestimmt nicht so, denn einerseits mag der menschliche Körper ein Grab und Gefängnis sein, aber andererseits ist der die Krone der Schöpfung und die einzige Möglichkeit das Rätsel des Lebens zu lösen. Die menschliche Geburt ist damit eine gewaltige Chance. Auch wenn die Seele mit dem Körper in die niedersten Welten absteigen muss, so bietet er nämlich den einzigen Exit aus dem Rad der Wiedergeburten und selbst die Gottheiten müssen diesen Weg gehen, wollen sie dem Spiel entkommen. Und das ist natürlich eine besondere Herausforderung.
 
Nach Platon nennt Sokrates das soma [Anm.: Körper] auch den Kerker der psyche [Anm.: Seele]
Die damalige Kirche und natürlich auch Irenäus vertrauten die folgende haarsträubende Ansicht:

Völligen Unsinn reden erst diejenigen (vani autem omnimodo), die für den gesamten Heilsplan (dispositio) Gottes nur Verachtung übrig haben und bestreiten, dass das Fleisch am Heil teil hat (salus carnis), und seine Wiedergeburt (regeneratio) verächtlich finden. Sie sagen, es [das Fleisch] tauge nicht für die Unvergänglichkeit (non capax esse incorruptibilitatis).

Die sarx (das Fleischliche) kann aber nicht gerettet werden, wie wir von den Gnostikern wissen und deswegen sagen sie abwertend, dass er einem Gefängnis oder Grab gleichkommt. Irenäus kann diese Ansicht nicht gelten lassen, weil er seine Erlösung in der Reaktivierung des physischen Körpers sieht.
 
Die Schöpfung zeigt, dass Gott aus Staub den Menschen erschaffen kann. Hinsichtlich der Auferstehung der sarx verwendet dann Irenäus die folgende Argumentation: Wer das Schwierige kann, kann erst recht das Leichte. Schwieriger aber sei es, aus dem Nichts einen lebenden Menschen zu erschaffen, als einen gestorbenen Menschen auf zu erwecken. Wenn Gott also aus dem Nichts den Menschen schaffen konnte, dann kann er erst recht der sarx ewiges Leben schenken.
Es ist eben sehr schwierig für den Menschen, der in völliger materieller Verstrickung lebt, sich etwas SPIRITUELLES vorzustellen. Wir stellen uns vor den Spiegel und denken: "Ja, das bin ich!" Wir haben ein völlig körperzentriertes Weltbild. Und wenn wir schon gelegentlich erkennen können, nicht der Körper zu sein ... so halten wir uns doch für die Persönlichkeit. Das ist aber alles Illusion! Die dahinterstehende Kraft der Seele können wir nicht erkennen ...

Seele ist immateriell ... spirituell. Und wie z.B. Meister Eckehardt sagt: Seele ist das wo niemals ein Bildnis hinkommt. Unter Bildnis versteht er alles Materielle. Die Beiden können also gar nicht miteinander ... es gibt nur ein Entweder-oder.

Wir hängen sehr stark am Körper und am Materiellen, aber was bringt es uns wirklich ein? Sie sind dem Prozess des Werdens und Vergehens unterworfen. Freilich KÖNNTE Gott uns wieder einen physischen Körper geben. Aber warum sollte er das tun und uns wieder in dieses Grab stecken? Die physische Begrenzung ist dem spirituellen Erfahren hinderlich.

Um es vielleicht besser verstehen zu können ... ein Baby fragt seine Eltern, wie das Paradies einmal aussehen wird? Habe ich denn dort auch mein Gitterbett???? "Nein", sagen die Eltern ... es gibt nichts dergleichen dort. "Dann will ich da gar nicht hin!", sagt das Baby.
 
Und Irenäus fordert jetzt: Gott, es ist doch für dich eine Leichtigkeit: Also gib mir mein Gitterbett zurück! Was wird Gott antworten? Aber Irenäus, willst du nicht die Begrenzungen hinter dir zurück lassen? Warum einen physischen Körper annehmen? Willst du denn nicht die Unbegrenztheit mit mir teilen?

Die Eucharistie zeigt, dass geschaffene Materie, nämlich Brot und Wein, Christus aufnehmen und Leib Christi werden kann. Ebenso kann die geschaffene menschliche sarx das ewige Leben aufnehmen und ein Glied des Leibes [...]
Sicherlich kann das Spirituelle das Materielle durchdringen, aber das Materielle wird IMMER durch Begrenzung gekennzeichnet sein. Wenn das Baby etwas von der Realität erfahren will muss es das Gitterbett verlassen. Ich verstehe nicht ganz, wie man dermaßen am Körper verhaftet sein kann ... es ist eine äußerst materiell geprägte Anschauungsweise und dementsprechend problematisch, weil es den hohen Stellenwert von Körperlichkeit andeutet, mit all den Verlangen und damit eingeher gehenden Sinnesfreuden. Oder doch nicht? Wozu dann der Körper? Warum ihn nicht aufgeben und zurücklassen? Warum nicht über die Gitterstäbe des Bettes hinausklettern und die Weiten des Göttlichen Seins erfahren?
 
Philolaos schrieb:
Das Ewige und die Natur an sich hält er für unerkennbar. Alles Erkennbare ist begrenzt, anderenfalls könnte es nicht erkannt werden.

[...]

Da die Objekte der Erkenntnis also endliche Größen sind, sind sie mathematisch ausdrückbar. Nur durch die ihnen zugeordneten Zahlen erschließen sie sich menschlichem Verständnis.
Quelle: Wikipedia

yupyup :D Ok, und dass er den Mond für bewohnt hielt wollen wir ihm einmal nachsehen :)
 
Hahaha, das ist ja cool. Da zieht jemand über die Gnostiker her, weil sie an einen "Demiurgen" glauben, der die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt überwacht (karmischen Gesetze) ... aber dann diese Entdeckung. Neulich bin ich auf die Aussage eines Heiligen gestoßen der bemängelt hat, dass die Geistlichen ihre eigenen Schriften nicht richtig kennen ... und siehe da, über welche Passage ich in der Bibel gestopert bin, wo Jesus über die negative (erhaltende) Kraft spricht, also den Demiurgen, wie die Gnostiker sagen wurden. Es steht ganz deutlich in der Bibel! Ist das zu fassen???? :D

Johannes 14, 30f

Neue Genfer Übersetzung schrieb:
30 Viel werde ich nicht mehr mit euch reden können, denn der Herrscher dieser Welt hat sich bereits gegen mich aufgemacht. Er findet zwar nichts an mir, was ihm Macht über mich geben könnte,
31 aber die Welt soll erkennen, dass ich den Vater liebe und so handle, wie der Vater es mir aufgetragen hat. Steht auf, wir wollen gehen!«

Kal ist der Herrscher der niederen Ebene (Pind = Erde) und hat Anspruch auf jede Seele entsprechend ihrem Karma. Luther übersetzt ihm mit "Fürst dieser Welt." Er ist zwar sehr gerecht, aber kennt eben im Gegensatz zu Gott keine Barmherzigkeit und so fällt alles auf uns selbst zurück, was wir selbst angestellt haben. So verhält es sich mit einer "normalen" Seele. Kal fordert sie eben nach ihrem Tod ein ... und im Osten spricht man auch von Yama, dem Todesengel, den Kal in seinem Auftrag oft schickt, um die Seelen abzuholen ... das ist nichts Böses oder Aussergewöhnliches ... sondern quasi Standardprozedur.
 

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TopperHarley
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