Die Meute (Ein Drama)

Die Meute

Ein Drama
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Synyster: Also, pass‘ mal auf, du machst jetzt folgendes...

Nelly: Geritzt, Onkel (will los)

Synyster (verdreht die Augen): Warte, habe dir doch noch gar nicht gesagt, was!

Nelly: Ach ja.

Synyster: Und das ist der Plan: Wir warten jetzt noch auf Cloudy und Stechmücke, dann gehen wir die Texte durch. Lalla kommt später dazu, zum Applaudieren. Und Heiser als krönender Abschluss zum Rumbrüllen. Damit bringen wir ihn garantiert hoch.

Nelly: Du bist sooo klug, Onkel.

Synyster: Ja, schon gut, schon gut. Wer mich kennt, der liebt mich.

Nelly: Und wann bringen wir ihn um?

Synyster: Vorläufig noch gar nicht. Beute, mit der man spielen kann, bringt man nicht um. Lass dir das von deinem beuteerfahrenen Onkel sagen.

Nelly: Ja, Onkel.

Synyster: Allerdings ist die Meute heute nicht so gut in Form, scheint mir. Cloudy und Stechmücke haben Wortfindungsprobleme, Heiser hat Hunger und ist deshalb übellaunig, Selbstfisch fährt unpräzise Angriffe, und du und Lalla, naja,ihr seid wie immer.

Nelly: Und, ist das gut, wenn wir so wie immer sind, Onkel?

Synyster (verdreht die Augen): Naja, wie man’s nimmt. Ich hoffe aber, dass heute der Doc mit von der Partie ist. Das erleichtert die Sache ungemein.

Stechmücke (betritt die Szene, etwas außer Atem): Entschuldigt meine Verspätung. War gerade in der Innenstadt- shoppen.

Cloudy, Lalla (kommen von rechts ins Bild): Servus. Schon was passiert?

Synyster: Er wird jetzt sicher gleich rauskommen, dann passiert was.

Parker (kommt aus der Tür): Einkaufen.

Synyster: Soso. Einkaufen. Ich würde mal eher sagen: In der Gegend rumlaufen und Leute beleidigen.

Nelly: So wie immer. Hier rumheulen, weil sein armseliges Geschreibsel gefloppt ist.

Synyster: Nicht zu vergessen sein Fahrstuhlgejammer, das er euphemistich „Musik“ nennt.

Stechmücke: Parker, was immer du jetzt auch tust: bitte nenne dein Geschreibsel nie wieder „Literatur“.

Lalla: Bitte nie wieder.

Cloudy: Ja, nervt. Ein pathologischer Fall.

Stechmücke: Das glaube ich auch.

Lalla: (applaudiert)

Stechmücke: Und denkt ihr etwa, ich werde wertgeschätzt im Rudel? Nichts, null. Niente. Dunkeltuten. Was meint ihr wohl, warum ich so oft shoppen bin? Meint ihr etwa, das macht mir Spaß?

Selbstfisch: Wir lieben dich alle, Stechmücke.

Stechmücke: Davon merke ich aber reichlich wenig.

Synyster: Wer gegen die Stechmücke polemisiert, kriegt’s mit mir zu tun.

Selbstfisch (ist mit Doc Johannis hinzu gekommen): Lauter beleidigte Egos. Rumgejammer, nur weil es zuweilen was auf die Glocke gibt. Los, zeigen wir ihm, wo der Hammer hängt.

Heiser (kommt von links ins Bild): Da ist ja schon wieder dieser Choleriker. Was macht denn der hier?

Stechmücke: Der läuft provozierend durch die Straßen, in der Hoffnung auf Gegenwind. Damit er den Gemobbten spielen kann.

Spielverderber: Ich mache hier nicht mit. Das ist widerlich. Ohne mich.

Doc Johannis: Mobbing ist ein ernster Vorgang, durchaus. Ich rate aber dringend davon ab, bei jeder Unpässlichkeit gleich "Mobbing" zu schreien.

Lalla: Sehr richtig.

Selbstfisch: Perfekt formuliert.

Heiser: Los, zeigen wir es ihm.

Spielverderber: Aber, Doc, haben Sie Tomaten auf den Augen? Die Meute bringt ihn gerade um.

Doc Johannis: Meinungsverschiedenheiten gibt es immer und überall. Ich sehe keine Jagd. Und ich sehe keine Meute. Das sind schwere Anschuldigungen, mit denen man sehr, sehr vorsichtig umgehen sollte.

Lalla: So ist es.

Stechmücke: Sehe ich ganz genauso.

Heiser: Stimmt auffallend

Selbstfisch: Messerscharf analysiert.

Synyster: Besser hätte ich es nicht sagen können.

Nelly: Bringen wir ihn jetzt endlich um?

Synyster: Allmählich müssen wir uns mal überlegen, wer hier eigentlich der Mobber ist. Und ob es nicht eher so ist, dass Parker über die Leute herfällt, die sich hier friedlich versammelt haben.

Nelly: Du bist sooo klug, Onkel.

Der Gesandte (kommt dazu): Was ist denn hier los... Ah, ich sehe schon, eine Jagd.

Parker (spuckt zwei Zähne aus)

Der Gesandte: Ich rate zur Gelassenheit. Und dazu, es mit Humor zu nehmen.

Synyster: Jemanden kollektiv jagen und zur Strecke bringen, ist für mich ein sexueller Vorgang.

Heiser: Für wen nicht.

Nelly: Nur der wird geschätzt, der im Rudel hetzt.

Parker (spuckt noch einen Zahn aus)

Der Gesandte: Seht her. Mir macht es es nichts aus, gejagt zu werden.

Stechmücke: Ja, mit dem Gesandten macht es keinen Spaß. Der wehrt sich nicht.

Der Gesandte: Im Gegenteil. Ich finde es sogar gut. Hilft mir dabei, mir ein dickes Fell wachsen zu lassen.

Synyster (gallig): Den kriegen wir auch noch.

Stechmücke: Das ist ja gerade die Krux. Unsere Gesellschaft ist extremst verweichlicht. Es fehlt die Härte in der Erziehung. Es fehlt die Erziehung zum Gemobbtwerden, ohne gleich loszuheulen.

Chor: Wir sind die Vorboten einer neuen Welt.

Spielverderber: Einer neuen Welt? Mir deucht, die gab's schon mal.

Synyster: Wie, die gab's das schon mal...?

Spielverderber: Die Pogrome. Alle sahen zu, keiner griff ein. Im Gegenteil: Viele machten sogar mit. Ist Faschismus nicht so etwas wie Mobbing im Großformat? Zuerst sind sie verbal angegangen worden, dann wurden ihnen die Fensterscheiben eingeschlagen - unter dem Gejohle der Zuschauer. Dann wurden sie physisch angegangen, gejagt, deportiert und zu Tode gebracht.

Synyster: Kann es sein, dass du uns gerade mit Faschisten verglichen hast?

Spielverderber: Ihr seid Abschaum, mehr habe ich nicht zu sagen.

Synyster: Und du bist des Todes, mehr haben wir nicht zu sagen.

Lalla: (klatscht)

Nelly: Du bist sooo klug, Onkel.

Spielverderber: Nein, ich mache da nicht mit.

Synyster: Dann achte darauf, dass nicht einmal irgendwann ein Grüppchen, das es gut mit dir meint, vor deinem Haus steht und dich befragt.

Doc Johannis: Wir müssen hier aufs Allerschärfste differenzieren. Wie ich bereits sagte: Dümmliche Schnellschüsse aus der Hüfte sind tunlichst zu unterlassen! Es hilft nicht dabei, die Debatte zu versachlichen! Und bei jeder Unpässlichkeit „Mobbing“ zu rufen, ist dümmlich. Und selbst Mobbing.

Lalla (klatscht)

Stechmücke: Sehe ich ganz genauso.

Heiser: Brillant.

Selbstfisch: Dieses Opfer-Geschrei von Parker nimmt langsam bizarre Züge an.

Synyster: Ich hätte es nicht besser sagen können.

Nelly: Wir werden alle unwissend geboren, aber man muss hart arbeiten, um dumm zu bleiben.

Synyster (verdreht die Augen): Was soll denn das jetzt?

Nelly: Das hat Benjamin Franklin gesagt. Ich wollte es nur auch mal gesagt haben.

Spielverderber: Ja, und manche sind wirklich so dumm, dass es scheppert.

Nelly: Bringen wir ihn jetzt endlich um?

Spielverderber: Am schlimmsten sind die Mitläufer, die Zuschauer und die Intellektuellen, die alles zerschwafeln.

Chor: Wir sind die Vorboten einer neuen Welt.

Meute (hält sich an den Händen, bricht in Wolfsgeheul aus, Abblende. Vorhang)
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Tommy
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