Die Eremitin (Geschichte)

  • Autor Autor LalDed
  • Erstellungsdatum Erstellungsdatum
  • Lesezeit Lesezeit 6 Min. Lesezeit
Vor ihr breiteten sich die Berge aus, weit, weiss und erhaben.
Es war Winter – hier war immer Winter. Es war bitter kalt, sie war warm eingepackt in ihre Pelze, ihre Augen funkelten, ihr Herz glühte.
Wie wunderschön alles war……...endlich…..
Die Luft war klar und rein, ihre Schneeschuhe verhinderten, dass sie bis zu den Waden einsank in das kalte Nass.

Sie hatte dieses vorbereitet, ein Traum seit uralter Zeit, wie ihr schien.
Freundschaften hatte sie vorsichtig gelöst, ihren Kindern das Erbe vorzeitig ausbezahlt – sie war froh, gegangen zu sein, bevor ihr erster Enkel geboren wurde, wer weiss, ob sie sich sonst hätte lösen können.

Wohlhabend war sie gewesen, eine behütete Kindheit und ausgezeichnete Ausbildungen hatte ihr zu Kontakten verholfen, sie war eine gute Ärztin geworden und hatte Freude daran gehabt. Später war sie in die Forschungsabteilung gewechselt und damit war eine Leidenschaft von ihr wahr geworden.
Sie konnte beobachten, wie sich was wann unter welchen Umständen verhielt und entwickelte, der Direktor der Abteilung hatte sich ihretwegen scheiden lassen, sie hatten eine Familie gegründet., Kinder bekommen, schaffte es, die Kinder grosszuziehen und weiterhin zu arbeiten. Sie war so glücklich gewesen……

Und doch hatte irgendetwas in ihr genagt, heimlich, leise, stetig. Es war der Schmerz dieses Nagens, dass sie befähigt hatte, all das zu schaffen. Hier war der Antrieb gewesen, das Menschenunmögliche zu leisten: Karriere, Kinder, sie schrieb und publizierte wissenschaftliche Arbeiten, hielt Vorträge im In- und Ausland, hielt Vorlesungen und leistete auch immer wieder in Krisengebieten ihren Beitrag. Wie sollte jemand, der nicht in der Not Erfahrungen sammelte, am Mikroskop wissen, worauf zu achten war?

Woher sie die Zeit nahm für ihre Kinder wusste sie selber nicht. Es war wenig Zeit – aber sie war immer im Augenblick zu Hause. Das bedeutete, wenn sie mit ihren Kindern zusammen war, war sie es ganz. Sie war immer, was sie war, ganz und gar, vergass stets alles andere darüber.

Dann hatten die Träume begonnen. Anfangs hatte sie gedacht, sie sei überarbeitet und könnte deshalb nicht mehr schlafen. Aber das war nicht der Grund. Es waren immer dieselben Träume: sie ging durch eine Schneelandschaft, es war kalt und sie war vollkommen alleine. Nie war etwas anderes. Immer nur Kälte, Einsamkeit, Berge und Schnee. Jahrelang. Und Augen – sie sah auch manchmal ein Gesicht, blaue, durchdringende Augen mit einem kleinen Lächeln darin, sie fühlte Vertrautheit.
Es war wie ein Sog über Jahre hinweg gewesen, es hatte gelockt, gedrängt, gefragt, es hatte sich wie Sehnsucht angefühlt. Etwas oder jemand sehnte sich nach ihr.
Und irgendwann gab sie nach.

Die Kinder waren erwachsen geworden, Ihr Mann tot, ihre Forschungen waren legendär, sie hatte keine neuen Projekte mehr begonnen, für die Krisengebiete hatte sie sich irgendwann zu alt gefühlt. Ihr war die Welt zu gross, zu unsicher, zu gefährlich geworden.
Eines Tages hatte sie in einem Reiseprospekt ein Bild gesehen, eine Landschaft, die derjenigen ähnelte, die sie in ihren Träumen immer sah: eine Hochebene in den Bergen des Himalaya – dort, wo nur noch Yaks und einige tibetische Familien sich aufhalten können, geübt im Klettern, kräftig im Tragen von Lasten, und begnügsam. Ein kleiner, verkümmerter Baum trotzte Wind und Schnee.
So war sie einfach gegangen, hatte einen warmen Schlafsack, ein kleines von der Sonne beheizbares Zelt mitgenommen, einige Bücher eingepackt. Sie hatte einen Brief an ihre Familie gut sichtbar auf den Tisch gelegt und sich auf den weiten Weg gemacht.
Führer hatten sie bis hierher gebracht – sie hatte sie fortgeschickt, als der Morgen zu grauen begonnen und die Sonne den Schnee rosa zu färben begonnen hatte.
Sie hatte Nahrung für drei Tage bei sich, freundliche Menschen hatten ihr die Richtung gezeigt, in der mit viel Glück nach zweieinhalb Tagen ein kleines Kloster zu finden war. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass kein Schneesturm ihr Weiterkommen boykottieren würde.

Die Träume waren intensiver geworden – zu den leuchtenden blauen Augen war ein Mund gekommen, ein sanftes, starkes Lächeln und manchmal eine warme Stimme, sie vermochte nicht zu sagen, ob es eine weibliche oder eine männliche war. Sie verstand nicht, was die Stimme sagte – aber sie fühlte sich genährt, gekräftigt, und das Empfinden, das etwas auf die wartete, dessen Bedeutung weit über Lebenswichtige hinausging.
Dass das Gesicht in ihren Träumen deutlicher wurde, die Stimme hinzugekommen war, schien ihr zu zeigen, dass sie ihrem Ziel näher kam.
Wenn sie schlief, sprach diese Stimme zu ihr in einer Sprache, die sie nicht verstand. War sie wach, sprach sie selber, leise, in Gedanken, mit Bildern, zeigte, dass sie näher kam, fragte, wie sie fand, wonach sie suchte.
Jetzt stand sie hier, ihre vor Kälte rote Nase schnupperte in der klaren Winterluft. Sie konzentrierte sich auf de Landschaft, in der sie stand, vor allem eine Bergspitze in der Ferne schien ihr bedeutsam. Sie versuchte, dem Gesicht in ihren Träumen, diese Bilder zu übermitteln – und empfing, mit einer untrüglichen Sicherheit: „Geh den Farben der Sonne entgegen.“

Sie dachte nach. Es hatte nicht geheissen“Geh der Sonne entgegen“ - dann hätte sie immer nur weiterwandern müssen, das Gesicht der Sonnen zugewandt.
Es hatte geheissen „Geh den Farben der Sonne entgegen.“
Was waren die Farben der Sonne? Gold? Gelb? Orangerosaroter Himmel?
Nein – die fühlte, das etwa anderes gemeint war: die Farben, die die aufgehende Sonne in den Schnee malte, in den Schnee, nicht in den Himmel.
Wollte sie den richtigen Weg finden, durfte sie nicht in den Himmel schauen, sondern vor sich auf die schneebedeckten Fels zu ihren Füssen.
Das gefiel ihr.
Sie blieb, wo sie war, baute ihr kleines Zelt auf, mithilfe eines winzigen Ölöfchens machte sie sich Buttertee – er schmeckte sehr eigenartig, aber sie konnte sich kaum eine bessere Energiezufuhr vorstellen, als heissen Tee mit Tierfett. Der Nachmittag verging, sie sah es an der hinter den Gipfeln langsam verschwindende Sonne. Der Mond stieg auf, weissgolden und so gross, wie sie ihn noch nie gesehen hatte und mit ihm kamen Dunkelheit und Sterne.
Was für eine Weite dieser Nachthimmel hatte.
Sie kam sich vor, als hätte die Ewigkeit sie in ihre Arme genommen. Ihre Augen wurden nicht müde, dieses endlose Funkeln zu trinken.
Sie hatte Angst, zu lange zu schlafen und die Farben zu verpassen, die die schnell aufgehene Sonne in den Schnee malen würde.
Aber das war unnötig, denn es kam ein Sturm auf. Der Wind brauste zwei Tage lang über ihr kleines Zelt hinweg. Nur in den Nächten hatte sie einige Stunden Ruhe, dann machte sie ihr Öfchen an und genoss den Buttertee, mitten im sanften Fallen der leise fallenden Flocken. So vergingen zwei Tage und Nächte – am dritten Tag klarte es auf.
Sie schlief kurz und unruhig – und erwachte noch in der tiefen Dunkelheit.
Sie packte ihr Zelt zusammen, machte sich einen Buttertee, und lauschte auf die Stille, die Dunkelheit, den Schnee und die Sterne.
Langsam wurde es heller, am Horizont stieg der erste helle Schein der Sonne auf.

Sie stand auf und betrachte aufmerksam den Himmel über ihr und den Schnee vor sich, drehte sich immer wieder langsam um sich selber – bis sie einen orangegldenen Streifen sah. Er begann fast direkt vor ihren Füssen. Sie schulterte den Rucksack und eilte los. Je schnell sie jetzt war,um so weiter würde sie kommen, die schöne Schein würde bald verschwunden sein.
Zu ihrem Erstaunen endete er unter einem Baum, er ähnelte dem auf der Reiseabbildung – ein kleiner Nadelbaum, kaum höher als sie selber, karg und einsam lag er unter ihr, er schien aus einigen Felsvorsprüngen herauszuwachsen.
Es dauerte, bis sie dort angekommen war, sie hatte einiges an Kletterkünsten aufbringen müssen, um heil hier anzukommen. Es war weiter gewesen, als sie gedacht hatte.
War sie am frühen Morgen noch viele hundert Meter weiter auf den schneebedeckten Gipfeln gewesen, befand sie sich nun auf einem Felsvorsprung, grade gross genug für ihr Zelt und ihr Öfchen. Der gebogene Baum hatte den Winden getrotzt, es war einige Grad wärmer hier unten. Zu einem weiten Teil war der Fels schneefrei. Einige Meter vor sich sah sie eine kleine goldene Blume blühen, mitten aus einem kleinen Schneehaufen heraus. Sie ging hin, um sie näher zu betrachten. Und als sie sich niederkniete, erblickte sie eine kleine Öffnung zwischen den Felsen.
Ihre Finger berührten den Eingang, er fühlte sich an wie Samt. Dann verschwand sie im Dunkel.


Ihre Kinder hörten nie wieder von ihr. Aber sie sahen viele Jahre später auf dem Einband eines Buches ein Bild, dass ihnen vertraut vorkam – und sie kauften das Buch.
Es war darin von einer Eremitin in den einsamen Bergen des Himalaya die Rede, von Güte, Klarheit und den Wundern der Liebe.

Ihre Mutter war alt geworden, das Haar weiss – aber die blauen Augen schienen auf dem Bild noch intensiver zu leuchten. Und die feinen Lippen lächelten so zärtlich wie nie zuvor. Es war ein wundervolles Bild, ein Gesicht voll Liebe, Frieden und Glück.
Ihre Mutter hatte zu sich selber gefunden, endlich.

Das Buch blieb in der Familie – aber nie schaffte irgendjemand, es zu Ende zu lesen.
Jedes Wort, jeder Satz hätte für ein ganzes Leben gereicht.
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