Der Fötenspieler
Das Einfachste war ihr das Liebste. Sie mochte Komplikationen nicht. Sie freute sich über Sonne und Regen. Sie fand Nebel ebenso schön wie welkes Laub. Sie liebte Schnee, Stürme und einen weichen Sandstrand.
Sie lebte in einem kleinen Häuschen, hatte immer etwas zu essen, und warm genug war es auch. Sie war eine glückliche Frau – bis Hiran kam, der kleine verschmuddelte Junge aus dem Norden.
Sie lebten weitestgehend getrennt, die aus dem Norden und die Südländer. Nur selten überquerte jemand die Grenze, es gab einfach keinen Grund dazu. Sie waren sehr verschieden.
Die Nordländer liebten die Wissenschaften, sie studierten Jahre lang, hatten grosse Bibliotheken, die Universitäten waren gut besucht, von Frauen wie von Männern.
Die Südländer waren einfache Leute, im Vergleich zu den Nordländern sogar arm, aber ihnen kam das nicht so vor. Sie waren Menschen voll stiller Freude, und verschlossen, wenn möglich, die Augen vor allem, was ausserhalb ihrer Grenzen geschah.
Hiran stand eines Tages einfach vor ihrer Tür, ein etwa 11-jähriger Knabe, voller blutender Wunden, verlaust und verdreckt. Nachdem sie ihn erstaunt angesehen hatte, fragte sie nicht lange – sie packte seine Hand, fast unfreundlich, und zog ihn zum Fluss. Trotz seiner Wunden schrubbte sie ihn, bis sie sehen konnte, wer er eigentlich ausser Blut, Schmutz und Läusen noch war: zart und doch voller Spannkraft, von eigenartiger Schönheit. Seine Augen waren zu ernst für die eines Kindes.
Er weinte – das Wasser war eiskalt, sein ganzer Körper tat ihm weh und die fremde Frau war grob zu ihm. Sie redete kein einziges Wort und er fühlte sich sehr verloren.
Nachdem er sauber war, verband sie seine Wunden geschickt, es hatte schlimmer ausgesehen, als es war, aber die medizinische Behandlung war trotzdem nötig. Ausserdem schor sie seine Haare, ein anderes Mittel gegen Läuse wusste sie nicht, und verbrannte sie im Ofen. Danach setzte sie ihm Brot und Käse vor und einen kleinen Becher mit Wein. Sein Blick war immer noch misstrauisch, aber er stürzte sich über das Essen her, als habe er seit Tagen nichts mehr bekommen. Er war sehr mager, und sie wusste, er würde jetzt erst einmal furchtbare Bauchschmerzen bekommen. Seufzend pürierte sie einige Kräuter und zwang ihn, diesen bitteren Brei zu essen – damit die Schmerzen nicht allzu schlimm würden, wie sie hoffte.
Noch am Tisch sitzend schlief er ein – ein kleiner Junger, leise schnarchend, den Mund halb geöffnet. Jetzt erst bemerkte sie, wie jung und verloren er wirkte. Sie hob ihn auf und legte ihn auf die Matratze, die sie unter ihrem Bett hervorgezogen hatte, deckte ihn zu und ging hinaus. Es war dunkel geworden. Sie liebte es, im Mondlicht spazieren zu gehen. Die Nächte waren ihr vertrauter als die sonnigen Tage. Die kühlen Mondstrahlen streichelten ihren Kopf. Die Sterne leuchteten wie freundliche Augen vom Himmel zu ihr hinunter. Nächte waren für sie lebendige Freunde, in deren Gegenwart sie sich entspannen konnte. Tatsächlich kannte sie nichts anderes als Freunde – wenn man darunter Bäume versteht und Gras, Käfer und Blumen, die Feuchtigkeit des Taus und die Feinheit von vergehendem Laub. Ja, sie empfand auch den Tod, wenn sie ihn einmal erblickte, als ein Freund. Wie friedlich alles aussah, worauf er seine stillen Hände gelegt hatte…..Sie liebte ihn, zärtlich und rückhaltlos. Der Tod war für sie ein Wesen, das unter seinem Mantel alles barg, so, wie der Nachthimmel auch alles birgt, worüber er sich ausbreitet.
Als sie Stunden später wieder nach Hause kam, schlief der Knabe fest. Sie legte sich in ihr Bett, kuschelte sich in Kissen und Decken, bedankte sich beim Tod noch, dass er so gut war und schlief ein.
Als sie erwachte, war es schon früher Mittag. Am gegenüberliegenden Ende des kleinen Raumes stand weiss, starr und nackt, der Junge. Seine Augen waren fest auf sie gerichtet, er musste sie schon länger beobachten, er konnte sich kaum auf den Beinen mehr halten. Wie lange er schon so stand? Ihr Lächeln schwand. Es war schön gewesen, ohne ihn – was sollte sie jetzt mit ihm machen? Warum war er überhaupt hier? Sie durchforstete ihr Gehirn nach Neuigkeiten, die sie gehört, aber wieder vergessen hatte. War da nicht etwas gewesen von einem Tumult unter den Nordländern? Verflixt – wie war das noch gewesen? Eine Invasion von Wemauchimmer war über die Nordländer hereingebrochen und hatte die Bibliotheken verwüstet. Sie unterdrückte ein kurzes Auflachen – was war schon Papier. Wie konnte man sich darüber so aufregen. Aber ein Blick auf den Jungen sagte ihr, dass es ernst stehen musste – nicht umsonst bettelte ein kleiner, einsamer und offenbar auf Abwehr gebürsteter Nordländer bei ihr um Schutz.
Als sie aufstand setzte er an, aus der Tür zu rennen.
„Nur ruhig,“ sagte sie mit ihrer langsamen, ein wenig schleppenden Stimme. „Willst Du ohne Frühstück fort?“ Er beobachtete, wie sie den Tisch deckte, ein Gedeck, zwei kleine Brote und Käse, dazu Kakao. Sie schaute ihn nicht an, er schien ihr gleichgültig zu sein. Sie packte sich selber ein paar Brote ein, Käse und heissen Kaffee und ging zum Fluss. Sie ging davon aus, dass er Zeit brauchen würde. Sie setzte sich unter die tiefhängenden Zweige des Uraltbaumes. Hier, zwischen seinen mächtigen Wurzeln war sie beschützt. Sie fühlte sich, an seinen Stamm gelegt, stark und frei.
Sie kaute langsam, mit Genuss, den Kaffee nahm sie fast in zögerlichen Schlucken.
„Was wirst Du mit ihm machen?“ Sie sah sich nach der Stimme um, die gefragt hatte, ihre Augen leuchteten auf vor Freude. Wie schön er war, wie gross, wie fein seine Gestalt – und wie liebevoll die Augen. Der Mantel schien aus schwerem, sehr fein gearbeitetem Samt zu sein. Er schimmerte im Sonnenlicht in allen Farben. „Ich weiss es noch nicht,“ antwortete sie lachend. „Hast Du eine Idee?“ Er schaute sie amüsiert an. „Nein, habe ich nicht. Deshalb fragte ich ja.“ Sie lauschte dem Klang seiner Stimme nach. Seine Worte hatte sie wohl verstanden. Aber es war ein Ton in seiner Stimme, der sie an etwas erinnerte – wie ein ferner Glockenschlag. An was nur? Sie sah in seine Augen. Das Lächeln, dass sie darin fand, besänftige ein wenig ihre Ratlosigkeit. Es war voller Güte. Er verstand sie. Aber – worauf wollte er sie hinweisen? „Erinnere Dich“, sagte er noch, bevor er verschwand. Noch eine ganze Weile fühlte sie seinen Mantel um ihre Schultern.
Erinnern? Woran? Sie seufzte. Jetzt war es soweit – sie hatte Probleme bekommen, wie es schien. Sie stand auf und ging zurück zum Haus. Der Kleine sass auf der Bank und hielt offenbar schon nach ihr Ausschau. In einiger Entfernung von ihm setzte sie sich auf den Boden. Sie sah leuchtende, wenn auch vor Schreck geweitete grüne Augen, sie hatten die Farbe von Smaragden. Seine Rippen konnte man zählen, seine Haut war schneeweiss – er musste unbedingt in die Sonne. Auffallend waren seine Finger und Zehen – lang, geschmeidig sahen sie aus, so, als gehörten sie gar nicht zu ihm, sondern seien eigenständige lebendige Wesen. Sie kramte in ihren Taschen, fand die Flöte und warf sie ihm zu. Er fing sie so geschickt wie ein Zirkusakrobat. Ihm würde, da war sie sicher, niemals etwas herunterfallen, er fing schneller auf, als sie zwinkern konnte. Seine Augen leuchteten auf, als er sich das Instrument besah. Er hatte nicht erwartet, hier etwas anderes zu finden als grösstmögliche Primitivität. Aber diese Flöte war auf das Feinste gearbeitet, das Holz härter, als er je eines gesehen hatte und meisterhaft verziert mit Silber und Ebenholz. Nach einigen Versuchen hatte er heraus, wie er greifen und blasen musste, damit Töne kamen. Tief und voll umwirbelten sie ihn, es war tatsächlich ein grossartiges Instrument.
Sie seufzte – ein Künstler, auch das noch. Sie kannte Künstler nur als eitlen Menschenschlag, immer darauf bedacht, Anerkennung zu finden.
Aber er spielte gut, das musste sie zugeben, genau, wie seine Hände es ihr verraten hatten.
Die Finger wirbelten auf den Tonlöchern herum, als gehörten sie nicht zu dem Jungen. Er schien gar nichts zu machen, er erlaubte seinen Fingern nur zu tanzen. Und wenn sie nicht alles täuschte, wären seine Beine und Füsse (und Zehen) furchtbar gern herum gesprungen im Takt der Töne, aber er verbot es ihnen. Sie schloss die Augen. Woran sollte sie sich erinnern? Was hatte der geliebte Freund gemeint? Die Flötentöne umgaben sie mal wie Wind, dann wieder wie Vogelgezwitscher, kurz darauf hörte sie einen Baum krachen und Laub fallen. Der Kleine war ein Meister. Ob er das wusste? „Mach weiter so – so ist es gut,“ hörte sie die geliebte Stimme. Er war immer da, nie war sie ohne ihn, auch, wenn sie ihn ab und zu nicht sehen konnte. Sie fühlte seine Anwesenheit, wie sie auch das Licht der Sterne fühlte oder das Wachsen und Vergehen des Grases. Sie gab sich hin.
Ihr war, als hätte sie schon einmal Klänge gehört, denen der Flöte ähnlich. Ein Instrument? Eine Stimme?Wann war das bloss gewesen? Und wo?
Als der Junge aufhörte zu spielen, kam sie langsam wieder zu sich. Er war jetzt entspannter, wenn auch noch sehr scheu. Aber die Steifheit der Muskeln war von ihm gewichen, das Gesicht war geschlossener, gesammelt.
„Ich danke Dir.“ Hatte ihre eigene Stimme das gesagt? Sie schüttelte den Kopf. Was war nur los?
„Komm, ich zeig Dir was,“ fuhr sie fort, stand auf und ging. Er folgte ihr in sicherem Abstand von ungefähr zehn Schritten. Aber ihm war schon klar, dass sie nicht gefährlich war, es war reine Vorsichtsmassnahme, das wusste sie.
Sie führte ihn in den Wald, bis an den Höhleneingang. Set Jahren hatte sie ihn nicht mehr betreten und würde das auch jetzt nicht tun. Dem Schrecken, dem sie damals nur knapp entronnen war, wollte sie nicht ein zweites Mal begegnen. Aber er, das fühlte sie, konnte es wagen: ein kleiner Junge, einsam, kampflustig und voller Musik war vielleicht genau das Rechte, um zu erlösen, was in dieser Höhle sein Dasein fristete. „Sei vorsichtig!“ warnte sie, und sah im dabei sehr ernst in die Augen. „Das ist kein Spiel.“ Er schürzte die Lippen und sie erkannte, dass er gar nicht wusste, was „Spiel“ war. So jung er war, war er doch nie Kind gewesen. Er nahm alles ernst, war in allem auf der Hut. Sie nickte zufrieden, und hockte sich an den Höhlenrand. Hier würde sie warten. Er würde wieder kommen.
Hiran fühlte sich klein und verloren. Ausser der Flöte hatte er nichts, woran er sich festhalten konnte. Er musste ganz alleine mutig sein. Nichts hatte sich geändert. Auch die Frau liess ihn alleine, wie alle. Er packte die Flöte, wie ein Wanderer bei einem steilen Aufstieg seinen Stab zur Hilfe nehmen mag, und ging einen Schritt in die Höhle hinein. Es war nur ein einziger Schritt – und schon hatte ihn die Schwärze verschlungen. Er wusste nicht, was ihn erwartete, noch, warum sie ihn her gebracht hatte. Er nahm an, er könne jetzt sterben oder auch nicht. Er hatte keine Angst, weder vor dem einen noch vor dem Anderen. Zum Leben, soviel wusste er schon, braucht es Mut – zum Sterben auch. Es gab also nicht so sehr viel Unterschied. Bewähren musste man sich in Beidem.
Er hatte Leute gekannt, die gelebt hatten, obwohl sie feige waren – sie hatten immer Ausflüchte benutzt, ihr Lächeln hatte keinen Wert, ihre Augen waren glanzlos und hatten den seinen nie standgehalten. Sie waren fette Körper gewesen – nicht mehr.
Er hatte auch Menschen schon sterben gesehen, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versucht hatten, dies hinauszuzögern, nur, um dem Tod nicht in die Augen sehen zu müssen. Er erinnerte sich an Körper, die ihm schon zu Lebzeiten verfault erschienen waren.
Die Frau da draussen, die war anders. Ihre Augen leuchteten, und sie hatte ihn direkt angesehen, fast hatte sie schon durch ihn hindurch gesehen, wie in eine Realität, die hinter ihm stehen mochte. So schlicht, wie wie sie aussah, war sie gar nicht. Ob sie auch klug war, dessen war er sich allerdings nicht sicher. Wenn, dann war ihre Klugheit von einer anderen Art als seine. Aber vielleicht war sie gar nicht klug – was nicht gleichbedeutend mit Dummheit war. Dumm war sie sicherlich nicht.
Die Dunkelheit hier war kalt. Sie frass sich in seine Knochen hinein und er fühlte, wie er starr zu werden begann. Langsam setzte er einen Schritt vor den anderen. Er musste sich bewegen, wenn er diesen Fängen entkommen wollte. Mit vor Kälte schon starren Fingern setzte er die Flöte an seine Lippen und blies ein paar Töne, nicht mehr als drei oder vier. Es war seltsam – die Dunkelheit schien vor den Tönen zurückzuweichen. Jedenfalls konnte er schemenhafte Gestalten erkennen, die an den Mauern kauerten, wie in sich versunken. Aber sie waren nicht versunken – sie waren vor Kälte gelähmt. Er spielte noch ein paar Töne: zerlumpte, kaum noch menschenähnliche Wesen drückten sich an den Wänden entlang, eine Frau starrte finster vor sich hin. Sie murmelte dauernd: „Wo ist Nina?“ „Wo ist Nina?“ Er blies die Flöte. Ein kalter Sturm fegte aus der Tiefe der Höhle zu ihm her und warf ihn beinahe um. Er umklammerte die Flöte, seine feinen Füsse und Zehen fanden geschickten Halt an dem glatten Felsboden. Er war nackt und hatte, ausser der Flöte nichts. Ein Seil fand er, dessen eine Ende band er sich um die Hüften, das andere um die der Frau, die ständig nach „Wo ist Nina?“ fragte. Sie war die einzige hier, von der zumindest eine kleine Regung ausging – alle anderen waren versteift in Muskeln und Denken. Sie waren in Reglosigkeit gefangen.
Er ging wieder ein paar Schritte in die Höhle, und WoistNina musste mit ihm gehen, ob sie wollte oder nicht. Denn das Seil, das er ihnen beiden umgeschlungen hatte, zog sie mit ihm. Sie stolperte hinter ihm her, fragte weiterhin dauernd „Wo ist Nina?“, wenngleich ihr Tonfall jetzt zuweilen missmutig oder sogar zeternd klang. Er setzte wieder die Flöte an: sein Schutz, seine Waffe, sein Licht und seine Wehrhaftigkeit hingen von diesem kleinen Stück Holz ab – und davon, wie er es blies. Hatte die Frau da draussen jemals auf der Flöte gespielt? Er hätte es gerne gewusst und blies ein paar Töne ihr zu Ehren, damit sich jemand an ihn erinnerte, vielleicht, wenn er hier nicht mehr raus kam. Er wünschte, sie könnte seinen Hilferuf hören.
Die Höhle, deren Wände und Boden am Anfang wie glatt gescheuert und blankgeputzt gewesen waren, wurde, je tiefer er in sie hinein kam, immer schlammiger, feuchter, seltsame kleine Wesen flogen durch die Lüfte, vor seinen Augen krochen und krabbelten winzigste Geschöpfe umher, er musste aufpassen, sie nicht zu zertreten. Und etwas in der Höhle ärgerte sich und zerquetschte ihm fast das Herz. War es mutig oder feige? Er sah nichts, und doch war etwas da, etwas Grosses, das sich ihm nicht zeigte. Es konnte nicht besonders mutig sein, wenn es sich vor einem kleinen Jungen und seiner Flöte versteckte. Etwas liess ihn stolpern, fast fallen. Er hatte das Gefühl, eine Ohrfeige bekommen zu haben. Jemand hatte seine Gedanken gelesen und darauf reagiert. Er setzte wieder die Flöte an die Lippen und konzentrierte sich nur noch auf die Töne. Seine Gedanken band er ebenso, wie er WoistNina gebunden hatte, aber auf andere Art. Er band sie an die Klänge der Flöte, die er in seinem Körper fühlte. Er beobachtete, wie die Klänge sich in ihm ausbreiteten, in seinem Körper, seinen Beinen und Armen und konzentrierte sich nur darauf, sie zu fühlen, er konnte den einzelnen Tönen bald sogar Farben zuordnen. Hatte die Frau da draussen nicht gesagt, dass dies kein Spiel sei? Nun, sie hatte sich geirrt – etwas anderes als ein Spiel hatte hier gar keine Chance . Er durfte nicht vergessen, ihr das zu sagen, sollte er sie je wieder sehen. Die wechselnden Farben der Töne schmiegten sich an die Wände und den Boden, die ganze Höhle krachte, als das bunte Farb-Ton-Gemisch sie zu verändern begann. WoistNina war offenbar zur Besinnung gekommen. Schon seit einiger Zeit hatte er kein Wort mehr von ihr gehört. Als er sich nach ihr umdrehte, sah er, wie sich umsah, staunend, so, als hätte sie niemals gewusst, wo sie eigentlich war. Kurz begegnete er ihrem sanften erschrockenen Blick. „Wo ist Nina?“ Jetzt fragte sie ihn, sie nahm Kontakt auf, hoffte, er wüsste eine Antwort auf diese ihr so wichtige Frage. „Wir werden sie finden,“ antwortete er, hoffend, das er sie jetzt nicht angelogen hatte. Sie nickte und schwieg, folgte ihm weiter, jetzt hätte er kein Seil mehr dazu benötigt. Aber er liess es vorsichtshalber da, wo es war. Man konnte ja nicht wissen. Wieder blies er die Flöte, die dunklen Höhlenwände reflektierten das Licht, er sah Gestalten wirr durcheinander huschen, als flüchteten sie. Es war dunkel, auch die Farben der Flötenklänge machten nicht im eigentlichen Sinne Licht. Und doch schien es schier unerträglich zu sein – nicht nur für die Vielen hier. Die Dunkelheit widersetzte sich ihm. Und tödliche Stille versuchte, das Flötenspiel zu ersticken. Vor ihnen ballte sich Finsternis zusammen, klobig, ungelenk eine Gestalt nachahmend, richtete sie sich vor ihm auf: wie Felsen ragte Dunkles vor ihnen auf, wie ein grosses und ein kleineres Felsgestein, die aufeinander getürmt waren, versperrte es ihnen den Weg. Er sah keine Augen und doch schienen da welche zu sein, er fühlte sie glühen vor Hass. Jetzt half ihm auch die Flöte nicht mehr. WoistNina ergriff seine Hand, nicht, wie er zuerst dachte, um Schutz zu suchen. Eine seltsame Stärkung ging von dieser kleinen, weichen Hand aus. „Wo ist Nina?!“ Er musste ein Versprechen halten und rief dem Hass vor ihm diese Frage entgegen. Das Felsenschwarz vor ihm schüttelte sich – vor Gelächter, wie es schien. In seinem Kopf fühlte er die Frage: „Wirst Du verschwinden, wenn ich sie Dir gebe?“ Er blickte kurz zu WoistNina. Aus ihren Augen sprang eine Trauer und Einsamkeit, díe ihn sagen liess „Ja!“ Hatte er es gesagt oder gedacht? Das Schwarze vor ihm zögerte, Schläue sprang aus den unsichtbaren Augen. Er setzte wieder die Flöte an die Lippen. Die wenigen Töne, die er jetzt herausbrachte, liessen fast sein Herz stocken. Er hatte vor sich eine Hässlichkeit gesehen, dass ihm graute. Alles, aber auch alles an diesem Wesen war hässlich: das Aussehen, die Gedanken, die Gefühle waren böse, hässlich und gemein. Aber – sie waren nicht niedrig. Das hier vor ihm stand, war mächtig, kalt und hatte Kraft. Und er wusste plötzlich, dass Nina nicht hier war. Wollte er WoistNina retten, musste er schnellstmöglich umkehren. „Es gibt kein Zurück“ hörte er das Wesen sagen. „Es gibt niemals ein Zurück.“ Stimmte das, oder war das eine Lüge? Oder gab es, ausser vor und zurück noch eine dritte Möglichkeit? Die Höhlendecke war hier sehr niedrig, er konnte grad so eben aufrecht stehen, WoistNina musste sich schon sehr gebeugt halten. Aber die Wände der Höhle waren rau, voller Vorsprünge und Kanten. Er begann zu klettern, WoistNina immer hinter sich herziehend. Er kletterte nicht die Felswand bergauf. Er kletterte schräg an dem Dunkelwesen vorbei. Das zumindest war sein Plan gewesen, als ihm auf halber Strecke einige kleine Klänge aufhorchen liessen. Sie kamen nicht von seiner Flöte, denn die blies er grad nicht, er braucht beide Hände für sich und WoistNina. Aus einem schmalen Spalt in der Felswand schienen die Töne zu kommen, es waren helle Klänge, leuchtend vor Entzücken und Freude, wie es ihm schien. Er hielt ein mit Klettern, die Augen einerseits auf das Dunkelwesen gerichtet, das seine Versuche, an ihm vorbei zu kommen, höhnisch zu beobachten schien, und sie andererseits auf die Felsspalte zu richten, aus denen ein Licht zu kommen schien. Leise und lautlos entwand sich dem starren Fels eine der beweglichsten Geschöpfe, die es gibt: eine Schlange, so lang wie sein Arm und auch so dick, schlängelte sich vor ihm, erhob ihren Kopf und sah ihn an. Das war kein Blick, den er fühlte – das war eine Verankerung. Blick heftete sich an Blick, band ihn und schien sein Gehirn zu durchforschen, wie die Frau da draussen es auch gemacht hatte, sie war nur unauffälliger dabei vorgegangen.
Kleine zwitschernde und scheinbar sehr zufrieden klingende Klänge gab die Schlange von sich, als sie ihn wieder freigab. Sie glitt zu ihm hin, schlang sich um seinen Arm und legte ihren Kopf um seinen Nacken herum, so dass er auf gleicher Höhe war wie seiner. Das Dunkelwesen raste. Hiran verstand nicht, was es sagte, in seinem Kopf war nur Tumult. Aber es schien so zu sein, dass die Hässlichkeit vor ihm gar nichts von der Anwesenheit der Schlange gewusst hatte. Warum war das so schlimm? Hier waren viele Geschöpfe. Die Antwort kam prompt. Tiefe, wohltuende Wärme durchströmte seinen Körper, die Eiseskälte wich, ihm wurde leicht und froh zumute. WoistNina schien das zu bemerken, ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Er nahm wieder die Flöte. Und zum ersten Mal seit er diese Höhle betreten hatte, spielte er wieder so, wie am Anfang, draussen, auf der Bank vor dem Haus. Wie Lichtfunken in buntem Geglitzer stiegen die Töne vor ihm auf, und machten sich auf den Weg in die Höhle, das Dunkelwesen konnte nichts gegen sie ausrichten, es schrie vor Schmerzen. Er wusste, er könnte es töten, jetzt könnte er das. Aber er wollte nur schnell hier wieder heraus, mit WoistNina und, wenn sie wollte, der Schlange. Er wollte niemanden töten, er war kein Feigling, der Leichen vor sich aufhäufen musste um stark zu sein. Das Dunkelwesen war das Hässlichste, was er je gesehen hatte und vermutlich je sehen würde. Aber Hässlichkeit ist noch kein Todesurteil – er fand, es könne viel schlimmer sein, damit zu leben. Das Felsdunkel hatte sich an die Wand gedrückt, zitternd jetzt und gab den Weg frei. Schnell und immer den Flötentönen folgend, ging Hiran weiter, WoistNina an seiner Hand, die Schlange um den Nacken gewunden. Sie zwitscherte leise und zufrieden in sein Ohr.
Mit einem Mal war das Dunkel, dass ihn beim ersten Schritt in die Höhle umfangen und gefesselt hatte, verschwunden. Er war wieder frei. Jetzt folgte er den Stufen, die nach oben führten, fest in den Stein gehauen, WoistNina folgte ihm. Wenn sie nicht mehr konnte, schleppte er sie hinter sich her. Ein Tor versperrte den Gang, es hatte zwei kleine Löcher, durch man nach draussen sehen konnte, es schien heller Tag zu sein. Aber das Tor war verriegelt. Die Schlange glitt an seinem Arm hinunter, den Boden entlang und richtete sich auf.
Sie sang, nicht mit ihrem Mund – die Klänge schienen aus ihrem ganzen Körper zu kommen. Er sah sie gross werden, leuchtend. Sie hatte jetzt nichts Schlangenartiges mehr, ihr Gesicht gehörte zu dem Schönsten was er je sehen würde. Diesem Lächeln, diesen liebevollen Augen, dieser Süsse würde er, auch, wenn er das jetzt noch nicht wusste, nachjagen bis zum Ende seines Lebens. Er wusste, wie ihre Haut sich anfühlte, ohne sie zu berühren. Er wusste, wie es sich anfühlen musste, sie zu umarmen, ohne das je erlebt zu haben. Er weinte. Sie drückte mit einer Hand leicht das schwere Tor auf. „Geh,“ sagte sie. „Ich bleibe hier, bei den Verlorenen. Sie haben ja sonst gar niemanden mehr.“ Der Blick, den sie ihm schenkte war so voller Liebe und Hingabe, dass für immer aus ihm schwand, was hart und kalt gewesen war. Dann war sie verschwunden Das Tor, von aussen gesehen, eine kleine Tür mit einem verrosteten Schloss, war zu. WoistNina zitterte neben ihm. Sie war jetzt zu vollständigem Bewusstsein gekommen, die Knie gaben unter ihr nach, sie glitt zu Boden. Er streichelte ihre Schultern, froh, dass sie es geschafft hatten. „Nina!“ Wie ein Schrei, der den Wald durchtobte, entrang sich dieses Wort ihrer Brust. Da hörte er langsame, zögernde Schritte, die Frau, die ihm die Flöte gegeben hatte, näherte sich.
Wann war sie zuletzt bei ihrem Namen gerufen worden? Es war so lange her, dass sie ihn vergessen hatte. Meist war sie mit Kosenamen angeredet worden, so dass es ihr nicht aufgefallen war, wie ihr Name langsam aber sicher verloren gegangen war. Wer, ausser ihr, kannte ihn noch? Und wie ein Blitz durchzuckten sie Erinnerungsbilder: Sie waren klein gewesen – und zu zweit, da war noch jemand gewesen, den sie verloren hatte, bei dem abenteuerlichen Gang durch die Höhle. Es war so schrecklich gewesen, dass sie es hatte vergessen müssen. Sie hätte sonst nicht weiterleben können:
Sie hatte ihre kleine Schwester verloren, hatte nicht auf sie aufpassen können, und der Schwarze hatte nur eine von ihnen beiden gehen lassen wollen. Da war sie gerannt – sie war um ihr Leben gerannt und hatte kurz darauf schon nichts mehr von ihrer Schwester gewusst, von Anna Maria…..
„Anna?“
Wie lange war er in der Höhle gewesen? Als er hineingegangen war, so glaubte er sich zu erinnern, war er noch ein Knabe gewesen. Jetzt war er keiner mehr. Er sah die beiden Frauen sich weinend aneinander drängen. Sein Blick zur verrosteten Türe blieb ohne Antwort. Leise ging er fort, die Flöte in der Hand, sein Körper war nackt, sein Herz quoll über vor Sehnsucht. Als er sich an der Wegbiegung noch einmal umsah, war bei den Frauen noch jemand – er konnte nicht erkennen, wer es war. Aber er sah deutlich einen schimmernden Mantel, der um sie gelegt war.
Das Einfachste war ihr das Liebste. Sie mochte Komplikationen nicht. Sie freute sich über Sonne und Regen. Sie fand Nebel ebenso schön wie welkes Laub. Sie liebte Schnee, Stürme und einen weichen Sandstrand.
Sie lebte in einem kleinen Häuschen, hatte immer etwas zu essen, und warm genug war es auch. Sie war eine glückliche Frau – bis Hiran kam, der kleine verschmuddelte Junge aus dem Norden.
Sie lebten weitestgehend getrennt, die aus dem Norden und die Südländer. Nur selten überquerte jemand die Grenze, es gab einfach keinen Grund dazu. Sie waren sehr verschieden.
Die Nordländer liebten die Wissenschaften, sie studierten Jahre lang, hatten grosse Bibliotheken, die Universitäten waren gut besucht, von Frauen wie von Männern.
Die Südländer waren einfache Leute, im Vergleich zu den Nordländern sogar arm, aber ihnen kam das nicht so vor. Sie waren Menschen voll stiller Freude, und verschlossen, wenn möglich, die Augen vor allem, was ausserhalb ihrer Grenzen geschah.
Hiran stand eines Tages einfach vor ihrer Tür, ein etwa 11-jähriger Knabe, voller blutender Wunden, verlaust und verdreckt. Nachdem sie ihn erstaunt angesehen hatte, fragte sie nicht lange – sie packte seine Hand, fast unfreundlich, und zog ihn zum Fluss. Trotz seiner Wunden schrubbte sie ihn, bis sie sehen konnte, wer er eigentlich ausser Blut, Schmutz und Läusen noch war: zart und doch voller Spannkraft, von eigenartiger Schönheit. Seine Augen waren zu ernst für die eines Kindes.
Er weinte – das Wasser war eiskalt, sein ganzer Körper tat ihm weh und die fremde Frau war grob zu ihm. Sie redete kein einziges Wort und er fühlte sich sehr verloren.
Nachdem er sauber war, verband sie seine Wunden geschickt, es hatte schlimmer ausgesehen, als es war, aber die medizinische Behandlung war trotzdem nötig. Ausserdem schor sie seine Haare, ein anderes Mittel gegen Läuse wusste sie nicht, und verbrannte sie im Ofen. Danach setzte sie ihm Brot und Käse vor und einen kleinen Becher mit Wein. Sein Blick war immer noch misstrauisch, aber er stürzte sich über das Essen her, als habe er seit Tagen nichts mehr bekommen. Er war sehr mager, und sie wusste, er würde jetzt erst einmal furchtbare Bauchschmerzen bekommen. Seufzend pürierte sie einige Kräuter und zwang ihn, diesen bitteren Brei zu essen – damit die Schmerzen nicht allzu schlimm würden, wie sie hoffte.
Noch am Tisch sitzend schlief er ein – ein kleiner Junger, leise schnarchend, den Mund halb geöffnet. Jetzt erst bemerkte sie, wie jung und verloren er wirkte. Sie hob ihn auf und legte ihn auf die Matratze, die sie unter ihrem Bett hervorgezogen hatte, deckte ihn zu und ging hinaus. Es war dunkel geworden. Sie liebte es, im Mondlicht spazieren zu gehen. Die Nächte waren ihr vertrauter als die sonnigen Tage. Die kühlen Mondstrahlen streichelten ihren Kopf. Die Sterne leuchteten wie freundliche Augen vom Himmel zu ihr hinunter. Nächte waren für sie lebendige Freunde, in deren Gegenwart sie sich entspannen konnte. Tatsächlich kannte sie nichts anderes als Freunde – wenn man darunter Bäume versteht und Gras, Käfer und Blumen, die Feuchtigkeit des Taus und die Feinheit von vergehendem Laub. Ja, sie empfand auch den Tod, wenn sie ihn einmal erblickte, als ein Freund. Wie friedlich alles aussah, worauf er seine stillen Hände gelegt hatte…..Sie liebte ihn, zärtlich und rückhaltlos. Der Tod war für sie ein Wesen, das unter seinem Mantel alles barg, so, wie der Nachthimmel auch alles birgt, worüber er sich ausbreitet.
Als sie Stunden später wieder nach Hause kam, schlief der Knabe fest. Sie legte sich in ihr Bett, kuschelte sich in Kissen und Decken, bedankte sich beim Tod noch, dass er so gut war und schlief ein.
Als sie erwachte, war es schon früher Mittag. Am gegenüberliegenden Ende des kleinen Raumes stand weiss, starr und nackt, der Junge. Seine Augen waren fest auf sie gerichtet, er musste sie schon länger beobachten, er konnte sich kaum auf den Beinen mehr halten. Wie lange er schon so stand? Ihr Lächeln schwand. Es war schön gewesen, ohne ihn – was sollte sie jetzt mit ihm machen? Warum war er überhaupt hier? Sie durchforstete ihr Gehirn nach Neuigkeiten, die sie gehört, aber wieder vergessen hatte. War da nicht etwas gewesen von einem Tumult unter den Nordländern? Verflixt – wie war das noch gewesen? Eine Invasion von Wemauchimmer war über die Nordländer hereingebrochen und hatte die Bibliotheken verwüstet. Sie unterdrückte ein kurzes Auflachen – was war schon Papier. Wie konnte man sich darüber so aufregen. Aber ein Blick auf den Jungen sagte ihr, dass es ernst stehen musste – nicht umsonst bettelte ein kleiner, einsamer und offenbar auf Abwehr gebürsteter Nordländer bei ihr um Schutz.
Als sie aufstand setzte er an, aus der Tür zu rennen.
„Nur ruhig,“ sagte sie mit ihrer langsamen, ein wenig schleppenden Stimme. „Willst Du ohne Frühstück fort?“ Er beobachtete, wie sie den Tisch deckte, ein Gedeck, zwei kleine Brote und Käse, dazu Kakao. Sie schaute ihn nicht an, er schien ihr gleichgültig zu sein. Sie packte sich selber ein paar Brote ein, Käse und heissen Kaffee und ging zum Fluss. Sie ging davon aus, dass er Zeit brauchen würde. Sie setzte sich unter die tiefhängenden Zweige des Uraltbaumes. Hier, zwischen seinen mächtigen Wurzeln war sie beschützt. Sie fühlte sich, an seinen Stamm gelegt, stark und frei.
Sie kaute langsam, mit Genuss, den Kaffee nahm sie fast in zögerlichen Schlucken.
„Was wirst Du mit ihm machen?“ Sie sah sich nach der Stimme um, die gefragt hatte, ihre Augen leuchteten auf vor Freude. Wie schön er war, wie gross, wie fein seine Gestalt – und wie liebevoll die Augen. Der Mantel schien aus schwerem, sehr fein gearbeitetem Samt zu sein. Er schimmerte im Sonnenlicht in allen Farben. „Ich weiss es noch nicht,“ antwortete sie lachend. „Hast Du eine Idee?“ Er schaute sie amüsiert an. „Nein, habe ich nicht. Deshalb fragte ich ja.“ Sie lauschte dem Klang seiner Stimme nach. Seine Worte hatte sie wohl verstanden. Aber es war ein Ton in seiner Stimme, der sie an etwas erinnerte – wie ein ferner Glockenschlag. An was nur? Sie sah in seine Augen. Das Lächeln, dass sie darin fand, besänftige ein wenig ihre Ratlosigkeit. Es war voller Güte. Er verstand sie. Aber – worauf wollte er sie hinweisen? „Erinnere Dich“, sagte er noch, bevor er verschwand. Noch eine ganze Weile fühlte sie seinen Mantel um ihre Schultern.
Erinnern? Woran? Sie seufzte. Jetzt war es soweit – sie hatte Probleme bekommen, wie es schien. Sie stand auf und ging zurück zum Haus. Der Kleine sass auf der Bank und hielt offenbar schon nach ihr Ausschau. In einiger Entfernung von ihm setzte sie sich auf den Boden. Sie sah leuchtende, wenn auch vor Schreck geweitete grüne Augen, sie hatten die Farbe von Smaragden. Seine Rippen konnte man zählen, seine Haut war schneeweiss – er musste unbedingt in die Sonne. Auffallend waren seine Finger und Zehen – lang, geschmeidig sahen sie aus, so, als gehörten sie gar nicht zu ihm, sondern seien eigenständige lebendige Wesen. Sie kramte in ihren Taschen, fand die Flöte und warf sie ihm zu. Er fing sie so geschickt wie ein Zirkusakrobat. Ihm würde, da war sie sicher, niemals etwas herunterfallen, er fing schneller auf, als sie zwinkern konnte. Seine Augen leuchteten auf, als er sich das Instrument besah. Er hatte nicht erwartet, hier etwas anderes zu finden als grösstmögliche Primitivität. Aber diese Flöte war auf das Feinste gearbeitet, das Holz härter, als er je eines gesehen hatte und meisterhaft verziert mit Silber und Ebenholz. Nach einigen Versuchen hatte er heraus, wie er greifen und blasen musste, damit Töne kamen. Tief und voll umwirbelten sie ihn, es war tatsächlich ein grossartiges Instrument.
Sie seufzte – ein Künstler, auch das noch. Sie kannte Künstler nur als eitlen Menschenschlag, immer darauf bedacht, Anerkennung zu finden.
Aber er spielte gut, das musste sie zugeben, genau, wie seine Hände es ihr verraten hatten.
Die Finger wirbelten auf den Tonlöchern herum, als gehörten sie nicht zu dem Jungen. Er schien gar nichts zu machen, er erlaubte seinen Fingern nur zu tanzen. Und wenn sie nicht alles täuschte, wären seine Beine und Füsse (und Zehen) furchtbar gern herum gesprungen im Takt der Töne, aber er verbot es ihnen. Sie schloss die Augen. Woran sollte sie sich erinnern? Was hatte der geliebte Freund gemeint? Die Flötentöne umgaben sie mal wie Wind, dann wieder wie Vogelgezwitscher, kurz darauf hörte sie einen Baum krachen und Laub fallen. Der Kleine war ein Meister. Ob er das wusste? „Mach weiter so – so ist es gut,“ hörte sie die geliebte Stimme. Er war immer da, nie war sie ohne ihn, auch, wenn sie ihn ab und zu nicht sehen konnte. Sie fühlte seine Anwesenheit, wie sie auch das Licht der Sterne fühlte oder das Wachsen und Vergehen des Grases. Sie gab sich hin.
Ihr war, als hätte sie schon einmal Klänge gehört, denen der Flöte ähnlich. Ein Instrument? Eine Stimme?Wann war das bloss gewesen? Und wo?
Als der Junge aufhörte zu spielen, kam sie langsam wieder zu sich. Er war jetzt entspannter, wenn auch noch sehr scheu. Aber die Steifheit der Muskeln war von ihm gewichen, das Gesicht war geschlossener, gesammelt.
„Ich danke Dir.“ Hatte ihre eigene Stimme das gesagt? Sie schüttelte den Kopf. Was war nur los?
„Komm, ich zeig Dir was,“ fuhr sie fort, stand auf und ging. Er folgte ihr in sicherem Abstand von ungefähr zehn Schritten. Aber ihm war schon klar, dass sie nicht gefährlich war, es war reine Vorsichtsmassnahme, das wusste sie.
Sie führte ihn in den Wald, bis an den Höhleneingang. Set Jahren hatte sie ihn nicht mehr betreten und würde das auch jetzt nicht tun. Dem Schrecken, dem sie damals nur knapp entronnen war, wollte sie nicht ein zweites Mal begegnen. Aber er, das fühlte sie, konnte es wagen: ein kleiner Junge, einsam, kampflustig und voller Musik war vielleicht genau das Rechte, um zu erlösen, was in dieser Höhle sein Dasein fristete. „Sei vorsichtig!“ warnte sie, und sah im dabei sehr ernst in die Augen. „Das ist kein Spiel.“ Er schürzte die Lippen und sie erkannte, dass er gar nicht wusste, was „Spiel“ war. So jung er war, war er doch nie Kind gewesen. Er nahm alles ernst, war in allem auf der Hut. Sie nickte zufrieden, und hockte sich an den Höhlenrand. Hier würde sie warten. Er würde wieder kommen.
Hiran fühlte sich klein und verloren. Ausser der Flöte hatte er nichts, woran er sich festhalten konnte. Er musste ganz alleine mutig sein. Nichts hatte sich geändert. Auch die Frau liess ihn alleine, wie alle. Er packte die Flöte, wie ein Wanderer bei einem steilen Aufstieg seinen Stab zur Hilfe nehmen mag, und ging einen Schritt in die Höhle hinein. Es war nur ein einziger Schritt – und schon hatte ihn die Schwärze verschlungen. Er wusste nicht, was ihn erwartete, noch, warum sie ihn her gebracht hatte. Er nahm an, er könne jetzt sterben oder auch nicht. Er hatte keine Angst, weder vor dem einen noch vor dem Anderen. Zum Leben, soviel wusste er schon, braucht es Mut – zum Sterben auch. Es gab also nicht so sehr viel Unterschied. Bewähren musste man sich in Beidem.
Er hatte Leute gekannt, die gelebt hatten, obwohl sie feige waren – sie hatten immer Ausflüchte benutzt, ihr Lächeln hatte keinen Wert, ihre Augen waren glanzlos und hatten den seinen nie standgehalten. Sie waren fette Körper gewesen – nicht mehr.
Er hatte auch Menschen schon sterben gesehen, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versucht hatten, dies hinauszuzögern, nur, um dem Tod nicht in die Augen sehen zu müssen. Er erinnerte sich an Körper, die ihm schon zu Lebzeiten verfault erschienen waren.
Die Frau da draussen, die war anders. Ihre Augen leuchteten, und sie hatte ihn direkt angesehen, fast hatte sie schon durch ihn hindurch gesehen, wie in eine Realität, die hinter ihm stehen mochte. So schlicht, wie wie sie aussah, war sie gar nicht. Ob sie auch klug war, dessen war er sich allerdings nicht sicher. Wenn, dann war ihre Klugheit von einer anderen Art als seine. Aber vielleicht war sie gar nicht klug – was nicht gleichbedeutend mit Dummheit war. Dumm war sie sicherlich nicht.
Die Dunkelheit hier war kalt. Sie frass sich in seine Knochen hinein und er fühlte, wie er starr zu werden begann. Langsam setzte er einen Schritt vor den anderen. Er musste sich bewegen, wenn er diesen Fängen entkommen wollte. Mit vor Kälte schon starren Fingern setzte er die Flöte an seine Lippen und blies ein paar Töne, nicht mehr als drei oder vier. Es war seltsam – die Dunkelheit schien vor den Tönen zurückzuweichen. Jedenfalls konnte er schemenhafte Gestalten erkennen, die an den Mauern kauerten, wie in sich versunken. Aber sie waren nicht versunken – sie waren vor Kälte gelähmt. Er spielte noch ein paar Töne: zerlumpte, kaum noch menschenähnliche Wesen drückten sich an den Wänden entlang, eine Frau starrte finster vor sich hin. Sie murmelte dauernd: „Wo ist Nina?“ „Wo ist Nina?“ Er blies die Flöte. Ein kalter Sturm fegte aus der Tiefe der Höhle zu ihm her und warf ihn beinahe um. Er umklammerte die Flöte, seine feinen Füsse und Zehen fanden geschickten Halt an dem glatten Felsboden. Er war nackt und hatte, ausser der Flöte nichts. Ein Seil fand er, dessen eine Ende band er sich um die Hüften, das andere um die der Frau, die ständig nach „Wo ist Nina?“ fragte. Sie war die einzige hier, von der zumindest eine kleine Regung ausging – alle anderen waren versteift in Muskeln und Denken. Sie waren in Reglosigkeit gefangen.
Er ging wieder ein paar Schritte in die Höhle, und WoistNina musste mit ihm gehen, ob sie wollte oder nicht. Denn das Seil, das er ihnen beiden umgeschlungen hatte, zog sie mit ihm. Sie stolperte hinter ihm her, fragte weiterhin dauernd „Wo ist Nina?“, wenngleich ihr Tonfall jetzt zuweilen missmutig oder sogar zeternd klang. Er setzte wieder die Flöte an: sein Schutz, seine Waffe, sein Licht und seine Wehrhaftigkeit hingen von diesem kleinen Stück Holz ab – und davon, wie er es blies. Hatte die Frau da draussen jemals auf der Flöte gespielt? Er hätte es gerne gewusst und blies ein paar Töne ihr zu Ehren, damit sich jemand an ihn erinnerte, vielleicht, wenn er hier nicht mehr raus kam. Er wünschte, sie könnte seinen Hilferuf hören.
Die Höhle, deren Wände und Boden am Anfang wie glatt gescheuert und blankgeputzt gewesen waren, wurde, je tiefer er in sie hinein kam, immer schlammiger, feuchter, seltsame kleine Wesen flogen durch die Lüfte, vor seinen Augen krochen und krabbelten winzigste Geschöpfe umher, er musste aufpassen, sie nicht zu zertreten. Und etwas in der Höhle ärgerte sich und zerquetschte ihm fast das Herz. War es mutig oder feige? Er sah nichts, und doch war etwas da, etwas Grosses, das sich ihm nicht zeigte. Es konnte nicht besonders mutig sein, wenn es sich vor einem kleinen Jungen und seiner Flöte versteckte. Etwas liess ihn stolpern, fast fallen. Er hatte das Gefühl, eine Ohrfeige bekommen zu haben. Jemand hatte seine Gedanken gelesen und darauf reagiert. Er setzte wieder die Flöte an die Lippen und konzentrierte sich nur noch auf die Töne. Seine Gedanken band er ebenso, wie er WoistNina gebunden hatte, aber auf andere Art. Er band sie an die Klänge der Flöte, die er in seinem Körper fühlte. Er beobachtete, wie die Klänge sich in ihm ausbreiteten, in seinem Körper, seinen Beinen und Armen und konzentrierte sich nur darauf, sie zu fühlen, er konnte den einzelnen Tönen bald sogar Farben zuordnen. Hatte die Frau da draussen nicht gesagt, dass dies kein Spiel sei? Nun, sie hatte sich geirrt – etwas anderes als ein Spiel hatte hier gar keine Chance . Er durfte nicht vergessen, ihr das zu sagen, sollte er sie je wieder sehen. Die wechselnden Farben der Töne schmiegten sich an die Wände und den Boden, die ganze Höhle krachte, als das bunte Farb-Ton-Gemisch sie zu verändern begann. WoistNina war offenbar zur Besinnung gekommen. Schon seit einiger Zeit hatte er kein Wort mehr von ihr gehört. Als er sich nach ihr umdrehte, sah er, wie sich umsah, staunend, so, als hätte sie niemals gewusst, wo sie eigentlich war. Kurz begegnete er ihrem sanften erschrockenen Blick. „Wo ist Nina?“ Jetzt fragte sie ihn, sie nahm Kontakt auf, hoffte, er wüsste eine Antwort auf diese ihr so wichtige Frage. „Wir werden sie finden,“ antwortete er, hoffend, das er sie jetzt nicht angelogen hatte. Sie nickte und schwieg, folgte ihm weiter, jetzt hätte er kein Seil mehr dazu benötigt. Aber er liess es vorsichtshalber da, wo es war. Man konnte ja nicht wissen. Wieder blies er die Flöte, die dunklen Höhlenwände reflektierten das Licht, er sah Gestalten wirr durcheinander huschen, als flüchteten sie. Es war dunkel, auch die Farben der Flötenklänge machten nicht im eigentlichen Sinne Licht. Und doch schien es schier unerträglich zu sein – nicht nur für die Vielen hier. Die Dunkelheit widersetzte sich ihm. Und tödliche Stille versuchte, das Flötenspiel zu ersticken. Vor ihnen ballte sich Finsternis zusammen, klobig, ungelenk eine Gestalt nachahmend, richtete sie sich vor ihm auf: wie Felsen ragte Dunkles vor ihnen auf, wie ein grosses und ein kleineres Felsgestein, die aufeinander getürmt waren, versperrte es ihnen den Weg. Er sah keine Augen und doch schienen da welche zu sein, er fühlte sie glühen vor Hass. Jetzt half ihm auch die Flöte nicht mehr. WoistNina ergriff seine Hand, nicht, wie er zuerst dachte, um Schutz zu suchen. Eine seltsame Stärkung ging von dieser kleinen, weichen Hand aus. „Wo ist Nina?!“ Er musste ein Versprechen halten und rief dem Hass vor ihm diese Frage entgegen. Das Felsenschwarz vor ihm schüttelte sich – vor Gelächter, wie es schien. In seinem Kopf fühlte er die Frage: „Wirst Du verschwinden, wenn ich sie Dir gebe?“ Er blickte kurz zu WoistNina. Aus ihren Augen sprang eine Trauer und Einsamkeit, díe ihn sagen liess „Ja!“ Hatte er es gesagt oder gedacht? Das Schwarze vor ihm zögerte, Schläue sprang aus den unsichtbaren Augen. Er setzte wieder die Flöte an die Lippen. Die wenigen Töne, die er jetzt herausbrachte, liessen fast sein Herz stocken. Er hatte vor sich eine Hässlichkeit gesehen, dass ihm graute. Alles, aber auch alles an diesem Wesen war hässlich: das Aussehen, die Gedanken, die Gefühle waren böse, hässlich und gemein. Aber – sie waren nicht niedrig. Das hier vor ihm stand, war mächtig, kalt und hatte Kraft. Und er wusste plötzlich, dass Nina nicht hier war. Wollte er WoistNina retten, musste er schnellstmöglich umkehren. „Es gibt kein Zurück“ hörte er das Wesen sagen. „Es gibt niemals ein Zurück.“ Stimmte das, oder war das eine Lüge? Oder gab es, ausser vor und zurück noch eine dritte Möglichkeit? Die Höhlendecke war hier sehr niedrig, er konnte grad so eben aufrecht stehen, WoistNina musste sich schon sehr gebeugt halten. Aber die Wände der Höhle waren rau, voller Vorsprünge und Kanten. Er begann zu klettern, WoistNina immer hinter sich herziehend. Er kletterte nicht die Felswand bergauf. Er kletterte schräg an dem Dunkelwesen vorbei. Das zumindest war sein Plan gewesen, als ihm auf halber Strecke einige kleine Klänge aufhorchen liessen. Sie kamen nicht von seiner Flöte, denn die blies er grad nicht, er braucht beide Hände für sich und WoistNina. Aus einem schmalen Spalt in der Felswand schienen die Töne zu kommen, es waren helle Klänge, leuchtend vor Entzücken und Freude, wie es ihm schien. Er hielt ein mit Klettern, die Augen einerseits auf das Dunkelwesen gerichtet, das seine Versuche, an ihm vorbei zu kommen, höhnisch zu beobachten schien, und sie andererseits auf die Felsspalte zu richten, aus denen ein Licht zu kommen schien. Leise und lautlos entwand sich dem starren Fels eine der beweglichsten Geschöpfe, die es gibt: eine Schlange, so lang wie sein Arm und auch so dick, schlängelte sich vor ihm, erhob ihren Kopf und sah ihn an. Das war kein Blick, den er fühlte – das war eine Verankerung. Blick heftete sich an Blick, band ihn und schien sein Gehirn zu durchforschen, wie die Frau da draussen es auch gemacht hatte, sie war nur unauffälliger dabei vorgegangen.
Kleine zwitschernde und scheinbar sehr zufrieden klingende Klänge gab die Schlange von sich, als sie ihn wieder freigab. Sie glitt zu ihm hin, schlang sich um seinen Arm und legte ihren Kopf um seinen Nacken herum, so dass er auf gleicher Höhe war wie seiner. Das Dunkelwesen raste. Hiran verstand nicht, was es sagte, in seinem Kopf war nur Tumult. Aber es schien so zu sein, dass die Hässlichkeit vor ihm gar nichts von der Anwesenheit der Schlange gewusst hatte. Warum war das so schlimm? Hier waren viele Geschöpfe. Die Antwort kam prompt. Tiefe, wohltuende Wärme durchströmte seinen Körper, die Eiseskälte wich, ihm wurde leicht und froh zumute. WoistNina schien das zu bemerken, ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Er nahm wieder die Flöte. Und zum ersten Mal seit er diese Höhle betreten hatte, spielte er wieder so, wie am Anfang, draussen, auf der Bank vor dem Haus. Wie Lichtfunken in buntem Geglitzer stiegen die Töne vor ihm auf, und machten sich auf den Weg in die Höhle, das Dunkelwesen konnte nichts gegen sie ausrichten, es schrie vor Schmerzen. Er wusste, er könnte es töten, jetzt könnte er das. Aber er wollte nur schnell hier wieder heraus, mit WoistNina und, wenn sie wollte, der Schlange. Er wollte niemanden töten, er war kein Feigling, der Leichen vor sich aufhäufen musste um stark zu sein. Das Dunkelwesen war das Hässlichste, was er je gesehen hatte und vermutlich je sehen würde. Aber Hässlichkeit ist noch kein Todesurteil – er fand, es könne viel schlimmer sein, damit zu leben. Das Felsdunkel hatte sich an die Wand gedrückt, zitternd jetzt und gab den Weg frei. Schnell und immer den Flötentönen folgend, ging Hiran weiter, WoistNina an seiner Hand, die Schlange um den Nacken gewunden. Sie zwitscherte leise und zufrieden in sein Ohr.
Mit einem Mal war das Dunkel, dass ihn beim ersten Schritt in die Höhle umfangen und gefesselt hatte, verschwunden. Er war wieder frei. Jetzt folgte er den Stufen, die nach oben führten, fest in den Stein gehauen, WoistNina folgte ihm. Wenn sie nicht mehr konnte, schleppte er sie hinter sich her. Ein Tor versperrte den Gang, es hatte zwei kleine Löcher, durch man nach draussen sehen konnte, es schien heller Tag zu sein. Aber das Tor war verriegelt. Die Schlange glitt an seinem Arm hinunter, den Boden entlang und richtete sich auf.
Sie sang, nicht mit ihrem Mund – die Klänge schienen aus ihrem ganzen Körper zu kommen. Er sah sie gross werden, leuchtend. Sie hatte jetzt nichts Schlangenartiges mehr, ihr Gesicht gehörte zu dem Schönsten was er je sehen würde. Diesem Lächeln, diesen liebevollen Augen, dieser Süsse würde er, auch, wenn er das jetzt noch nicht wusste, nachjagen bis zum Ende seines Lebens. Er wusste, wie ihre Haut sich anfühlte, ohne sie zu berühren. Er wusste, wie es sich anfühlen musste, sie zu umarmen, ohne das je erlebt zu haben. Er weinte. Sie drückte mit einer Hand leicht das schwere Tor auf. „Geh,“ sagte sie. „Ich bleibe hier, bei den Verlorenen. Sie haben ja sonst gar niemanden mehr.“ Der Blick, den sie ihm schenkte war so voller Liebe und Hingabe, dass für immer aus ihm schwand, was hart und kalt gewesen war. Dann war sie verschwunden Das Tor, von aussen gesehen, eine kleine Tür mit einem verrosteten Schloss, war zu. WoistNina zitterte neben ihm. Sie war jetzt zu vollständigem Bewusstsein gekommen, die Knie gaben unter ihr nach, sie glitt zu Boden. Er streichelte ihre Schultern, froh, dass sie es geschafft hatten. „Nina!“ Wie ein Schrei, der den Wald durchtobte, entrang sich dieses Wort ihrer Brust. Da hörte er langsame, zögernde Schritte, die Frau, die ihm die Flöte gegeben hatte, näherte sich.
Wann war sie zuletzt bei ihrem Namen gerufen worden? Es war so lange her, dass sie ihn vergessen hatte. Meist war sie mit Kosenamen angeredet worden, so dass es ihr nicht aufgefallen war, wie ihr Name langsam aber sicher verloren gegangen war. Wer, ausser ihr, kannte ihn noch? Und wie ein Blitz durchzuckten sie Erinnerungsbilder: Sie waren klein gewesen – und zu zweit, da war noch jemand gewesen, den sie verloren hatte, bei dem abenteuerlichen Gang durch die Höhle. Es war so schrecklich gewesen, dass sie es hatte vergessen müssen. Sie hätte sonst nicht weiterleben können:
Sie hatte ihre kleine Schwester verloren, hatte nicht auf sie aufpassen können, und der Schwarze hatte nur eine von ihnen beiden gehen lassen wollen. Da war sie gerannt – sie war um ihr Leben gerannt und hatte kurz darauf schon nichts mehr von ihrer Schwester gewusst, von Anna Maria…..
„Anna?“
Wie lange war er in der Höhle gewesen? Als er hineingegangen war, so glaubte er sich zu erinnern, war er noch ein Knabe gewesen. Jetzt war er keiner mehr. Er sah die beiden Frauen sich weinend aneinander drängen. Sein Blick zur verrosteten Türe blieb ohne Antwort. Leise ging er fort, die Flöte in der Hand, sein Körper war nackt, sein Herz quoll über vor Sehnsucht. Als er sich an der Wegbiegung noch einmal umsah, war bei den Frauen noch jemand – er konnte nicht erkennen, wer es war. Aber er sah deutlich einen schimmernden Mantel, der um sie gelegt war.