Gott ist tot?

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Marc Aurel

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Ich war ja nie ein besonders guter Freund von Nietzsche, aber wer "Gott ist tot" mit dem Gedanken verbindet, dass da irgendein greiser, bärtiger Mann endgültig seinen Geist aufgegeben hat, der hat tatsächlich was falsch verstanden...

Ave

M.A.
 

Christoph

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Gott ist vielleicht nicht tot - aber erhat sich von den Menschen zurück gezogen und vor allem von der Kirche. Dabei ist Gott nicht, was die meisten darunterverstehen: ein persönlicher Gott. Der persönliche Gott ist, was wir an Gottes Stelle setzen. Das kann mitunter auch der Angelverein sein. Und je mehr wir etwas an die Stelle Gottes setzen, ein Bild, desto weiter zieht Gott, das was hinter allem steht, sich zurück und ent-zieht sich unserer Blicke.

Der Blick muss sehr weit werden... sehr weit gehen... wollen wir Gottes ansichtig sein.

Christoph
 

jake

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spannende eigendynamik... meine absicht war alles andere als einen neuen thread zur gottesfrage zu eröffnen (den gibt es in epischer fülle eh schon), sondern mein posting ist nur als ironische replik auf das (in meinen augen) erschreckend respektlose statement "gottes" im selbstmordthread zu verstehen. walter hat das dann abgespalten und verschoben, weil er meinte, das gehöre nicht zum thema.

nun meine ich schon, dass auch der subjektive gottesverlust ("gott ist tot") als verlust des sinnzusammenhangs in den motivenbündeln des suizids eine rolle spielen kann, aber ich will nicht drauf herumreiten bzw. könnte es dort ja nochmals und enger in die thematik eingebunden posten. kein problem.

Christoph schrieb:
Dabei ist Gott nicht, was die meisten darunterverstehen: ein persönlicher Gott. Der persönliche Gott ist, was wir an Gottes Stelle setzen. Das kann mitunter auch der Angelverein sein. Und je mehr wir etwas an die Stelle Gottes setzen, ein Bild, desto weiter zieht Gott, das was hinter allem steht, sich zurück und ent-zieht sich unserer Blicke.
Der Blick muss sehr weit werden... sehr weit gehen... wollen wir Gottes ansichtig sein.

Ich weiß auch nicht, was Gott nicht ist, Christoph. Was die Bilder betrifft, so ist ja sogar an prominenter Stelle der 10 Gebote - im 2. - festgehalten, man solle sich kein Bild machen von seinem Gott. Damit waren zwar zur Entstehungszeit des Dekalogs recht konkret die in Erz gegossenen Götzenbilder gemeint, die zugleich auch Sinnbilder lokaler Göttervielfalt waren, die in Konkurrenz zum mosaischen Monotheismus standen ("Der Tanz ums goldene Kalb"), aber in einem weiteren Sinn steckt darin auch die tiefere Weisheit, dass jedes Reden über Gott vor allem auch ein Reden über die Unmöglichkeit ist, Gott in Begriffen zu fassen. Sprache ist ja auch ein System von Bildern.

Und es muss ja nicht gleich alles, was meinem Leben Sinn und Anker gibt, Gott sein - siehe Angelverein. Unabhängig davon ist ein persönlicher Gott, wie und in welchem religiösen Kontext auch immer er Bedeutung erlangt, im Leben von vielen Menschen eine Wirk-lichkeit höchsten Ranges. Auch mir selbst ist Gott kein gleich-gültiges Thema auf dem Niveau der Querelen eines Angelvereins, sondern eine essenzielle Frage. Ich empfinde, ohne dass ich für diese vielen anderen sprechen muss bzw. kann, ganz persönlich die Wahl des Begriffs "Gott" als Nickname als ein Überschreiten der Grenzen des common sense für Respekt und guten Geschmack. Selbstverständlich räume ich jedermann und -frau das gute Recht ein, sich auf diese Weise zu outen. Die Statements "Gottes" sind denn ja auch von jener Qualität, die bei solcher Eigentaufe zu erwarten ist.

Eine schöne Aussage über Gott - im Hinterkopf das oben Gesagte über das Reden über Gott behalten - habe ich bei Ken Wilber gefunden:

"Veilleicht bewegt Télos, vielleicht Eros den gesamten Kósmos, und wer weiß, vielleicht ist Gott sogar ein allesumfangender chaotischer Attraktor, der, wie Whitehead sagte, als sanfte Überredung zur Liebe in allem wirkt."

Alles Liebe, Jake
 

Christoph

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Anthera schrieb:
Der Tod ist eine Illusion!!!

Anthera

Was, Anthera, geschieht mit dem Leben, meinem Leben, wenn ich den Tod nicht achte?

Wie kostbar ist mein Leben, wenn ich anerkenne, dass es mehr oder weniger bald zu Ende ist, dass es nur kurz währt?

Und wie kostbar ist mein Leben, wenn ich der kindlichen Illusion folge, es währte ewig und der Tod existiere nicht?

Welches Leben hat mehr Kraft?

Ich habe neulich von einem gehört, der gefangen war in einer Feste. Er spielte jeden Tag mit einem Mitgefangenen Schach, so wird erzählt. Und dann kamen Boten zu ihm, die sein Todesurteil verkündeten und ihm sagten, er habe noch zwei Tage bis zur Vollstreckung.

Darauf dieser Mann: "Also, spielen wir weiter!"

WAS FÜR EIN SPIEL! Im Angesicht des Todes! Ein Spiel an der Grenze. Welche Bedeutung, welche Kraft!

Christoph
 

Ereschkigal

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jake schrieb:
Und es muss ja nicht gleich alles, was meinem Leben Sinn und Anker gibt, Gott sein - siehe Angelverein. Unabhängig davon ist ein persönlicher Gott, wie und in welchem religiösen Kontext auch immer er Bedeutung erlangt, im Leben von vielen Menschen eine Wirk-lichkeit höchsten Ranges. Auch mir selbst ist Gott kein gleich-gültiges Thema auf dem Niveau der Querelen eines Angelvereins, sondern eine essenzielle Frage. Ich empfinde, ohne dass ich für diese vielen anderen sprechen muss bzw. kann, ganz persönlich die Wahl des Begriffs "Gott" als Nickname als ein Überschreiten der Grenzen des common sense für Respekt und guten Geschmack. Selbstverständlich räume ich jedermann und -frau das gute Recht ein, sich auf diese Weise zu outen. Die Statements "Gottes" sind denn ja auch von jener Qualität, die bei solcher Eigentaufe zu erwarten ist.

Lieber Jake,

mich hat dieser Nick auch sehr befremdet.

Im Leben ist immer der Glaube des Einzelnen von Bedeutung und eben nichts theoretisches.

Liebe Grüße
Ereschkigal
 
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