Der erste Schamane

Watkas-Loop

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Den Wald beschützen



„So so, du willst also den Wald beschützen und die Erde retten, was?“

Gerade eben noch saß ich an dem kleinen Tischchen, vor der Jurte meines Lehrers, der mich mit einer warmherzigen Geste zu einer Tasse gesalzenem Buttertee eingeladen hatte. Ich ließ meinen Blick über die endlose sibirische Graslandschaft schweifen, nahm meinen ersten Schluck Buttertee und richtete das Wort an meinen Lehrer.

Doch kaum hatte ich ihm den Grund meines Besuches mitgeteilt, schnippste er mit den Fingern und wir beide saßen auf einer traumversion meines gemütlichen Wohnzimmersofas und schauten fern.

Genau genommen, betrachteten wir eine Erinnerung von mir, wie ich vor ein paar Montaten Fernsehen schaute. Gerade war ein begeisterter Biologe zu sehen, der herausgefunden hatte, dass ein völlig unscheinbarer Wüstenstrauch, im Laufe seiner Evolution eine faszinierende Fähigkeit erworben hatte.

Wurde dieser Strauch von bestimmten Parasiten befallen, so konnte er sich Hilfe holen. Und zwar erzeugte er einen Geruch, der die Sexuallockstoffe eines Fressfeindes eben dieses Parasiten imitierte, der dann vom Wind in alle Himmelsrichtungen getragen wurde. Die angelockten Parasiten-Killer fanden nun nicht nur jede Menge motivierte Sexualpartner, sondern auch Nahrung im Überfluss, was das ganze zu einer Erfolgsgeschichte dieses ansonsten armselig anmutenden Wüstenstrauches werden lies, der schon im gesunden Zustand so aussah als wäre er kürzlich vertrocknet.

Ich hatte die Gelegenheit genutzt, meinem Lehrer einen Roibuschtee anzubieten, den er höfflich nach dem ersten Schluck stehen ließ und genoss es, mit dem alten Mann einfach zusammen zu sitzen und fern zu sehen. Es war fast genau so schön, wie unsere Gespräche vor seiner Jurte, nur konnte ich mir in dem Moment noch keinen Reim machen, auf die Bedeutung von dem was ich sah

Mir wurde kalt im Nacken, als ich die eiserne Notausgangstür in der Ecke meines Wohnzimmers entdeckte, die mir weiszumachen versuchte, dass sie schon immer da gewesen war. Auf die Tür war ein großes rotes X geklebt.



„Du hast es sehr gemütlich hier, aber jetzt muss ich leider gehen. Du wolltest wissen wie man zum Geist des Waldes kommt“, sagte mein Lehrer mit Blick auf die Stahltür.

„Der Geist des Waldes ist der erste Schamane.“

Dann war er verschwunden und ich hörte nur noch seine Stimme in mir, wie immer wenn ich auf einer Reise seinen Hut trug.

Ein kalter Wind schlug mir entgegen, als ich die Stahltür öffnete, „ungemütlich“ war mein erster Gedanke.

„Der Geist des Waldes ist der erste Schamane.“

Wollte ich das wirklich, mich mit diesem ganzen Elend beschäftigen? In diesem Augenblick erschien es mir viel reizvoller, mich wieder aufs Sofa zu setzen und eine leckere Pizza zu bestellen.

„Der Geist des Waldes ist der erste Schamane.“ Was soll dieser Satz bedeuten?
fragte ich mich und trat durch die Tür.

Vor mir lag eine öde, karge Industrielandschaft, in der es nur noch vereinzelt Bäume gab. In der Ferne rauchten die Schlote der Fabriken und vor mir breitete sich eine tote Hügellandschaft mit einzelnen Bäumen aus, die aus dem nackten Lehmboden wuchsen.

Hier stand ein Mann, sehr groß. Mit gebeugtem Rücken und kurzem Stoppelhaar. Um den Körper, trug er einen grob zusammengenähten Mantel aus „allerlei Rauh“, wie es in einem grimmschen Märchen heißt.

Nichts an ihm lud mich ein zu ihm zu kommen und doch wusste ich, dass er der erste Schamane war und ging auf ihn zu. Aus der Nähe sah ich, dass seine Stoppelhaare Baumstümpfe, gefällter Bäume waren, die aus seinem Kopf wuchsen. Und sein Pelzmantel aus den blutigen, grob zusammengenäten Fellen all der Tiere bestand, die von den Menschen für den Profit abgeschlachtet wurden.

Jetzt verstand ich, dass der Geist des Waldes vor mir stand, der mit dem Geist des Ersten Schamanen verschmolzen war. Und dass diese Verschmelzung heilig war und ihr Impuls vom Geist des Waldes ausging.

Ohne mich zu begrüßen, fing er an zu sprechen, laut und eindringlich und ohne mich anzuschauen, als wenn er nicht zu mir sprach, sondern zu allen Menschen auf der Erde. Ich spürte die Erwartung in ihm, seine Worte an all die Menschen weiterzugeben, die hier stehen und ihm zuhören sollten, aber es nicht taten.
Die Rede des Ersten Schamanen:
Brüder und Schwestern. Die Welt schläft,

während die Maschinen wach sind

und unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Der Geist des Waldes stirbt

und niemand auf der Erde hat mehr die Kraft,

die Maschinen aufzuhalten.

Deshalb geht auf windige Plätze

und vereinigt euch dort im Geiste mit mir,

dem Ersten Schamanen. Ich bin der Zeitpunkt

zu dem der Geist des Waldes bereit war,

sich mit dem Geist der Menschen zu vereinen.

Und bittet den Geist des Waldes darum,

diese Verbindung noch nicht zu lösen.

Aber gesteht euch ein, dass ihr ohnmächtig seid.

Und erbittet, gemeinsam mit mir,

Hilfe von den Sternen.

Tut es bald und tut es zahlreich.

Ich werde euch dabei unterstützen,

sobald ihr mit mir verschmolzen seid.“….
 
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Nica1

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Teile Deines Beitrages haben mich sehr berührt und ich hatte das Gefühl, ich verstehe, was Du aussagen möchtest... bei diversen Aussagen bin ich mir nicht sicher, ob Du von einer (scham.) Reise erzählst, welche Du gemacht hast ob Dich Dein Lehrer auf eine solche mitgenommen hat, um Dir gewisse Dinge zu zeigen und Dich zu lehren oder Du einfach (nur) Deine Gedanken aufgeschrieben hast...

Ich finde auch die Überzeugung / Vorstellung sehr schön, dass der Wald der erste "Schamane" ist, ich durfte viel lernen vom und im Wald und allen Wesen, die den Wald ihr Zuhause nennen. Der "erste Schamane" war demzufolge mein erster Lehrer, und das von Kindesbeinen an. Die Natur und der Wald geben mir immer wieder die Kraft, die ich benötige, damit mich die "weltlichen" Belange nicht erdrücken.
 

Watkas-Loop

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bei diversen Aussagen bin ich mir nicht sicher, ob Du von einer (scham.) Reise erzählst, welche Du gemacht hast ob Dich Dein Lehrer auf eine solche mitgenommen hat, um Dir gewisse Dinge zu zeigen und Dich zu lehren oder Du einfach (nur) Deine Gedanken aufgeschrieben hast...

@Nica1
Rein von der Methode her, habe ich tatsächlich meinen Lehrer während einer Reise um Geschichten gebeten, die ich weitergeben kann.
Daraufhin bekam ich spontan ein Bild oder einen klaren kurzen Satz . Doch wenn ich mich dann hinsetze und anfange aufzuschreiben, entfaltet sich unmittelbar die ganze Geschichte drum herum und meine eigenen Erfahrungen, meine eigene Weisheit fließen genau so mit in die Geschichte ein, wie mein eigenes Ego, Wobei ich immer versuche meine eigenen Egogedanken ins absurde zu überhöhen, damit sie auch als solche erkennbar sind. Ich hoffe, das ist mir gelungen 🙂
 

Floo

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Ich habe den Beitrag bisher mit Spannung gelesen und warte auf die Fortsetzung. :)
Die Naturwesen gehören zu den Dingen, die totgeschwiegen wurden und es heißt, deswegen haben sie sich zurückgezogen. Jetzt sollen sie vermehrt in das Bewußtsein des Menschen zurückkehren, heißt es auch.
Vielen dak für die schöne Geschichte.
 

Nica1

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Die Naturwesen gehören zu den Dingen, die totgeschwiegen wurden und es heißt, deswegen haben sie sich zurückgezogen.

Das sehe ich anders, seit ich Kind bin, nehme ich sie wahr. Ich vermute mal, sie ziehen sich nicht zurück, sondern vielmehr sind es die Menschen, die den Kontakt verlieren und sie dann nicht mehr wahrnehmen. Denen, die sie wichtig sind und die sie spüren, werden sie sich nie verschließen...
 

Watkas-Loop

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Das sehe ich anders, seit ich Kind bin, nehme ich sie wahr. Ich vermute mal, sie ziehen sich nicht zurück, sondern vielmehr sind es die Menschen, die den Kontakt verlieren und sie dann nicht mehr wahrnehmen. Denen, die sie wichtig sind und die sie spüren, werden sie sich nie verschließen...
Ich habe den Beitrag bisher mit Spannung gelesen und warte auf die Fortsetzung. :)
… ich habe lange darüber nachgedacht, weil das ja auch gut tut wenn man eine Schublade gefunden hat, einen Ort wo man sich einrichten und zu Hause fühlen kann. Und sicherlich werden die allermeisten damit zufrieden sein, wenn ich sage:
Danke, Fortsetzung folgt .
Bis auf einen…
Ich wurde schon so oft eingeladen mich auf einen Stuhl zu setzen und weiß was dann passiert. In Nullkomma Nix wird der Zauber verflogen sein und wieder eine Gelegenheit nicht genutzt. Mein Platz ist zwischen den Stühlen und die Begegnung mit dem ersten Schamanen ist keine Fiktion, sondern eine heilige Erfahrung für mich gewesen. Soll ich dass, was mich so berührt und mir Hoffnung gegeben hat verraten indem ich es zu einer Geschichte degradiere?
Es ist keine Geschichte, sondern ein Aufruf zur Heilung. Und die Anleitung zur Kontaktaufnahme mit dem ersten Schamanen so einfach, das jeder, der in Kontakt mit der Natur kommen kann, auf welche Art und Weise auch immer, auch seinen Weg zum ersten Schamanen finden und seine Erfahrung hier posten kann.
Das ist lebendig!
Geschichten verstauben zu schnell im Bücherregal. Und ich habe eine Hausstauballergie 😉
In diesem Sinne lade ich dich herzlich ein auch eine Stimme des ersten Schamanen zu werden und freue mich auf deine Erzählung 🙂
 

Floo

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Soll ich dass, was mich so berührt und mir Hoffnung gegeben hat verraten indem ich es zu einer Geschichte degradiere?
Nun, du hast den Anfang gemacht, die Geschichte zu schreiben. Unser ganzes Leben ist Geschichte und zwar für jeden die persönliche. Viele teilen ihre Geschichte mit, ob man sie hören will oder nicht.
Deine Reaktion erinnert mich an jemanden, der ganz viele Fotos gemacht hat, sie aber niemandem zeigen wollte. Alle sollten wissen, dass es diese Fotos gibt.
 

Moench-David

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Im Wald fühle ich mich sehr wohl und bin der Natur nahe, aber ich gehe selten hin. Die einzige Freude an der Natur habe ich, indem ich wunderschöne Landschaftsbilder als Desktop-Hintergrundbild habe, das sich jede halbe Stunde ändert. Welch eine Schande für mich, ich bin ein Gefangener meiner Selbst und dem Umstand, dass ich keinen Freund dafür gewinnen kann, in die Natur zu gehen. Alleine gehen finde ich zu langweilig und das hält mich davon ab.

Btw die schönen Landschaftsbilder kannst du dir kostenlos runterladen auf:
 

Niflheimr

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Nun, du hast den Anfang gemacht, die Geschichte zu schreiben. Unser ganzes Leben ist Geschichte und zwar für jeden die persönliche. Viele teilen ihre Geschichte mit, ob man sie hören will oder nicht.
Deine Reaktion erinnert mich an jemanden, der ganz viele Fotos gemacht hat, sie aber niemandem zeigen wollte. Alle sollten wissen, dass es diese Fotos gibt.
Er ist halt was gaaaanz besonders 🥱
 
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