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"Vom Begreifen der Wirklichkeit", Meister Chang's Einführung

Dieses Thema im Forum "Bücher" wurde erstellt von Kronos, 10. April 2005.

  1. Kronos

    Kronos Guest

    Werbung:
    "Vom Begreifen der Wirklichkeit" von Chang Po-Tuan (983-1082) gilt neben „Die dreifache Einheit“ (Cantong Qi) des Wei Po-Yang als eines der beiden wichtigsten Werke oder Vorläufer der alchemistischen Klassiker über die Lehren der inneren Alchemie (Neidan) und wird von den Daoisten, die sich mit dieser Materie befassen hoch geschätzt. Chang Po-Tuan wird als Gründer der südlichen Schule der „Schule der Vollkommenen Wirklichkeit“ betrachtet.

    Marlies hat die Einführung zu diesem Werk aus:
    “The Taoist Classics“,
    The collected Translations of Thomas Cleary * Volume Three *
    unter „Vitality, Energy, Spirit“, S. 125 bis S. 130,
    ISBN 1-57062-487-9
    übersetzt.
    Viel Spaß beim Lesen.

    Einführung in das Begreifen der Wirklichkeit

    Der menschliche Körper ist schwer zu begreifen; die Zeit verfliegt mit Leichtigkeit. Niemand kann Dir sagen, ob Du ein langes Leben haben wirst, oder ob Du mit einem kurzen zurecht kommen mußt. Wie können wir den Folgen unserer Handlungen entkommen? Wenn es uns nicht gelungen ist, früh aus uns selbst zu erwachen, können wir unser Schicksal nur annehmen und das Ende erwarten. Gerät ein einziger Gedanke auf Abwege, wenn unsere Zeit abgelaufen ist, sinken wir in erbärmliche Zustände hinab, aus denen es selbst in unzähligen Ewigkeiten keine Hoffnung auf Entkommen gibt. Selbst wenn wir es jetzt bedauern, ist es zu spät.
    Deshalb legten Laotse und Buddha geeignete Wege dar, um den Menschen die Pflege des Keims zu lehren, wodurch sie Geburt und Tod entrinnen können. Sie benutzten dabei die Wissenschaften vom Wesentlichen und vom Leben.
    Buddha betrachtete Leere und Stille als den Ursprung. Wenn wir plötzlich vollständige Erkenntnis erlangen, transzendieren wir unmittelbar zur Anderen Seite. Haben wir immer noch gewohnheitsmäßige Anhaftungen, die nicht aufhören, machen wir weiter mit Werden und Geburt.
    Laotse betrachtete die Verfeinerung und Kultivierung als Weg zur Erkenntnis. Wenn wir den entscheidenden Dreh- und Angelpunkt erreicht haben, steigen wir unmittelbar in die Reihe der Weisen auf. Wenn wir unsere ursprüngliche Essenz nicht verstehen, haften wir immer noch dem trügerischen Körper an.
    Als nächstes enthält das I Ching den Ausdruck „entdecke die Wahrheit, erfülle deine Natur und komme bei der Vorhersehung an“. In den Analekten von Konfuzius heißt es, daß er „keine Eigenwilligkeit, Unnachgiebigkeit, Unbeugsamkeit oder Egotismus“ besaß. Konfuzius hatte hier letztendlich die Tiefen der Essenz und des Lebens erreicht; warum aber spricht er davon immer lakonisch und nicht ausführlich? Seine Absicht war es, Ordnung in der menschlichen Gesellschaft zu begründen und die Lehren von Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sitte und Musik zu verbreiten. Deshalb sprach er nicht offen davon, KEINE Mittel und Instrumente anzuwenden; er legte nur die Lebenskünste in seine Spruchweisheiten zu den Bildern des I Ching und mischte die Prinzipien der Essenz mit seinen lakonischen Bemerkungen hinein.

    Das führt uns zu Chuang-tzu, der die Last der Dinge und das Wesentliche der Freiheit herausarbeitete. Mencius bildete gekonnt ungeheure Energie aus. Beide kamen dem Ziel sehr nahe.
    Sodann verfaßte Wei Po-yang aus der Han Dynastie die „Dreifache Einheit“ (das Cantong Qi), um die Funktionsweise der großen Alchemie zu veranschaulichen. Er stützte sich dabei auf den Weg der Wandlungen des I Ching und dem Wechsel von Yin- und Yangkörper.

    Der Lehrer Chung [Lehrer des Ch’an Buddhismus] der T`ang Dynastie umrahmt seine überlieferten Sprüche mit Worten von Laotse und Chuan-tzu, um die Wurzeln und Zweige des Weges aufzuzeigen.
    Ist es nicht eine Tatsache, daß es drei Lehren [vom Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus] gibt, aber der Weg letztendlich ein und derselbe ist? Das hat aber die Priesterschaft späterer Generationen nicht davon abgehalten, sich einzig und alleine ihren eigenen Sekten hinzugeben und andere nicht anzuerkennen. Dadurch gingen die wesentlichen Grundlagen der drei Philosophien in vermeintlichen Unterscheidungen verloren, so daß sie nicht vereinigt werden können und an demselben Ziel enden.
    Darüber hinaus glauben die Menschen heute, daß der Taoismus Wert legt auf die Kultivierung des Lebens, aber sie wissen nicht, daß die Prinzipien der Methoden zur Kultivierung des Lebens zwei Seiten haben: Die eine kann man leicht bekommen, aber schwer zur Vollendung bringen, die andere kann man schwer bekommen und leicht zur Vollendung bringen.
    Beispiele für Übungen, die man leicht bekommen, aber schwer zur Vollendung bringen kann, sind „Verfeinerung der Energien der fünf Sprossen“, „das Licht der sieben Sterne trinken“, Konzentration auf Visualisierungen, Massage, Atemübungen, Zitieren von Schriften, Zaubern, Aussprechen von Zaubersprüchen, Zähneklappern zur Konzentration des Geistes, Enthaltsamkeit, Fasten, Richten der Aufmerksamkeit auf den Geist, Beruhigung des Atems, Konzentration auf die Stelle zwischen den Augenbrauen, den Strom der Vitalität umdrehen um das Gehirn zu reparieren, Ausübung der Schlafzimmerkünste und Einnahme von Mineral- und Gemüsegetränken. All dieses ist leicht zu bekommen, aber sehr schwer zu vervollkommnen.
    Alle genannten Methoden brechen auf dem Pfad der Kultivierung des Körpers letztendlich auseinander. Deshalb kann man viel Zeit damit verbringen, ohne die erwarteten Ergebnisse tatsächlich zu erfahren. Wenn wir Tag und Nacht eifrig, intensiv und zielgerichtet üben, vermeiden wir womöglich gerade mal Krankheit und entgehen Unfällen. Sobald wir aber die Übungen auslassen, schwinden unsere vorherigen Errungenschaften allmählich. Im Verlauf von Monaten und Jahren ist es damit zwangsläufig schwer, die Arbeit erfolgreich zu vollenden. Ist es nicht unmöglich zu erwarten, daß sich Erfolg, Verjüngung, Umwandlung und Erhabenheit ein für allemal einstellen? Wie schade!
    Neuerdings haben Übende willkürliche Fixierungen und verstehen die Wirklichkeit der tiefsinnigen Lehren nicht; sie machen dann eine Kehrtwende und nehmen den geistig Unsterblichen täuschendes Reden übel. Sie wissen noch nicht, daß die Vollendung des Weges zwar durch Verfeinerung der Goldpille erreicht wird, diese aber aus Furcht vor Preisgabe des himmlischen Mechanismus nach verschiedenen Dingen benannt wurde.
    Unter den [zuvor genannten Übungen] ähnelt die Methode der Beruhigung des Atems der Sitzmeditation der zwei Fahrzeuge [im Buddhismus mit dem Nirwana als Ziel], wenn man geistige Machenschaften vergessen kann und das Denken beendet. Wenn die Methode eifrig angewendet wird, ist es möglich damit in Trance einzutreten und den Geist zu projizieren; der lebendige Geist ist aber noch immer auf einen irdischen Wohnsitz angewiesen, der kaum sichergestellt werden kann, deshalb entgeht man nicht dem ständigen Gebrauch von Techniken zum Umsitzen. Solange man nicht den Weg der Wiederherstellung und Wiedergewinnung von alchemistischem Gold und Quecksilber erlangt hat, wie kann man dann positive Energie zurückgeben, seine Knochen ändern und im hellen Tageslicht zum Himmel emporsteigen?
    Was schwer zu bekommen, aber leicht zu vollenden ist, ist die Verfeinerung der Goldflüssigkeit und Wiederherstellung des Elixiers. Es ist wesentlich, Yin und Yang klar zu verstehen und ein tiefgehendes Verständnis der schöpferischen Evolution zu erreichen, bevor wir den zwei Energien in den zentralen Pfad nachjagen können, die drei Naturen in der Kammer des Ursprungs verschmelzen können, die fünf Elemente versammeln und die vier Formen verbinden können, so heult der Drache, der Tiger brüllt, der Ehemann führt und die Frau folgt, das Wasser kocht im Jadekessel, und das Feuer lodert im Gold Schmelzofen: nur dann können wir die mystische Perle Gestalt annehmen lassen und die große Einheit zur Wirklichkeit zurückkehren lassen. Alles in allem, braucht man nur eine kurze Zeitlang zu arbeiten, um grenzenlose Freiheit und Glückseligkeit auf Dauer zu gewährleisten.
    Wenn es darum geht, Gefahren abzuwenden und ins Auge zu fassen, Sorgfalt bei der Anwendung der Übung walten zu lassen, Extrahieren und Hinzufügen, Nähren der Gesundheit und Erhaltung der Erfüllung, ist es wesentlich, sich an das Weibliche zu halten, die Einheit zu umarmen und natürlich zu sein und damit die positive, lebensspendende Energie wiederherzustellen und negativen, todbringenden Materialismus abzustreifen. Wenn die Phasen der Energie einmal vollständig sind, sind wir befreit und geistig umgewandelt; unser Name ist in einer Reihe mit den Unsterblichen, und wir werden wirkliche menschliche Wesen genannt werden. Das ist die Zeit, wenn die Arbeit großer Menschen getan und ihre Ehre erkannt wird.
    Unter den heutigen Studenten gibt es solche, die Blei und Quecksilber für die zwei Energien halten. Sie zeigen auf die inneren Organe als die fünf Elemente, sie definieren das Herz und die Genitalien als Feuer und Wasser, sie halten Leber und Lunge für Drachen und Tiger, verwenden Geist und Atem als Kind und Mutter und halten Körperflüssigkeiten für Blei und Quecksilber. Sie erkennen Fließen und Sinken nicht; wie können sie den Gastgeber vom Gast unterscheiden?
    Wie unterscheidet sich das davon, daß man die Dinge anderer Menschen für die eigenen hält oder daß man Fremde als Familie bezeichnet? Und wie können sie die rätselhafte Tiefe der gegenseitigen Bezwingung von Metall und Holz, oder das tiefgründige Wunder der Wechselwirkung von Yin und Yang erfassen? Für sie alle sind Sonne und Mond außerhalb ihrer Reichweite, Blei und Quecksilber sind in verschiedenen Schmelzöfen; wenn sie das wiederhergestellte Elixier kristallisieren möchten, sind sie dann nicht weit davon entfernt?

    Fortsetzung folgt im nächsten Step
     
  2. Kronos

    Kronos Guest

    Fortsetzung

    Von Jugend an habe ich mich an den guten Weg gehalten und mich in die Klassiker der drei Lehren weit eingelesen. Ich habe Rechtswissenschaften, die Schriften, Mathematik, Medizin, die Weissagungen, Militärwesen, Astronomie, Geographie und Vorhersage aufmerksam und ausführlich studiert. Was die Wissenschaft der Goldpille angeht, so habe ich alle Klassiker und die Lieder, Gedichte und Abhandlungen der verschiedenen Schulen gelesen. Alle sagen, daß das wiederhergestellte Elixier der Goldflüssigkeit durch die höhere Sonnen-Seele und die niedrige Mond-Seele erzeugt werden kann, der Tiger zu Beginn der positiven Energie und der Drachen auf dem Höhepunkt der positiven Energie, Quecksilber und Zinnober, das weiße Metall und das schwarze Zinn, der Wasser-Mann und die Feuer-Frau; sie sagen aber niemals, was das wirkliche Blei und das wirkliche Quecksilber sind. Sie erläutern auch keine Anweisungen für den Feuerungsprozeß, für die methodische Regulierung und die Einführungsphase.
    Darüber hinaus gaben verwirrte Anhänger späterer Generationen subjektiven Erklärungen freien Lauf und verstanden die klassischen Lehren der alten Weisen falsch. Sie widersprachen und verzerrten sie auf vielfältige Weise. Sie warfen die Klassiker der Unsterblichen nicht nur ins Chaos, sondern täuschten spätere Studenten und führten sie in die Irre.
    Da ich keinen vollendeten Menschen traf und es unmöglich schien, das mündlich überlieferte Geheimnis zu finden, kam ich schließlich an einen Punkt, an dem ich keinen Seelenfrieden fand, selbst beim Schlafen und Essen, und meine Vitalität und mein Geist war erschöpft. Obwohl ich mich überall umsah und jeden fragte, Weise und Unwissende, konnte mir niemand Klarheit über die wahre Quelle geben und mein Herz erleuchten.
    Anschließend, im Jahre 1069, auf dem Weg mit Herrn Lu von Lung-t’u (Longtu) nach Ch’eng-tu (Chengdu in Westchina), bewegte ich ein erwachtes menschliches Wesen dazu, mir das Geheimnis der Heilmittel und des Feuerungsprozesses der Goldpille mitzuteilen, denn meine frühere Überzeugung hatte sich nicht geändert und meine ursprüngliche Ernsthaftigkeit sogar noch verstärkt. Die Worte waren sehr einfach, die wesentlichen Dinge unkompliziert. Man konnte es bezeichnen als den Fall „die Quelle bekannt machen, indem man auf den Fluß zeigt“, oder „Hundert verstehen durch das Reden von Eins“. Der Nebel lichtete sich, die Sonne schien; der Staub verschwand, der Spiegel war klar: beim Vergleich mit den Klassikern der Unsterblichen, war es, als ob man passende Talismane miteinander verband.
    Auf dieser Grundlage dachte ich darüber nach, wie sich acht oder neun von zehn Personen in der Welt mit Unsterblichkeit befassen, und doch hatte ich von keinem einzigen oder von zweien gehört, die bei der wirklichen Essenz angekommen waren. Jetzt wo ich auf die wirkliche Erklärung gestoßen war, konnte ich es wagen, sie in Stille zu verstecken? Deshalb schrieb ich alles, was ich errungen hatte, in 9 mal 9 oder 81 Versen nieder und nannte die Sammlung „Understanding Reality“.
    Darin ist ein Satz von 16 Versen enthalten, die 2/8 darstellen; ein Satz von 64 Versen auf dem Modell der Hexagramme des I Chings; ein Vers symbolisiert die absolute Einheit; und 12 Verse zum Mond über dem West River zur Durchschreitung des Jahreszyklus.
    Was den Kessel und Schmelzofen angehen, das Edle und das Gemeine, die medizinischen Substanzen, die Dosierung, den Feuerungsprozeß, Vorwärtsgehen und Zurückweichen, Gastgeber und Gast, Folgen und Vorangehen, Überleben und Zerstören, Sein und Nichtsein, Glück und Unglück, Reue und Scham, so sind sie alle in diesen Versen enthalten.
    Nachdem ich die Sammlung der Verse vervollständigt hatte, bemerkte ich, daß ich in ihnen nur über die Künste des Nährens des Lebens und der Stabilisierung des Körpers geredet hatte und nicht gründlich die Essenz des wirklichen Gewahrsams an der grundlegenden Quelle erkundet hatte. Deshalb las ich buddhistische Werke, einschließlich „Transmission of the Lamp“. An dem Punkt angekommen, an dem einer der Ch`an Meister beim Hören des Tons von Bambus, der auf einigen Kieseln aufschlägt, erleuchtet wird, formulierte ich 32 Stücke, mit Versen in heiligem Stil, Versen in weltlichem Stil, Volksliedern und gemischten Redensarten. Nun füge ich sie dem Buch hinzu in der Hoffnung, daß die Art, zum Ursprung anzukommen und das Wesentliche zu klären hier gegenwärtig ist. Meine Absicht ist es, wenn Menschen mit demselben Ziel diese Stücke lesen, daß sie durch das Sehen der Zweige die Wurzel verstehen und die Täuschung aufgeben, der Wirklichkeit zu folgen.

    “The Taoist Classics”,
    The collected Translations of Thomas Cleary * Volume Three *
    unter „Vitality, Energy, Spirit”, S. 125 bis S. 130,
    ISBN 1-57062-487-9

    Übersetzt von Marlies J.

    Danke für das Interesse.
     
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