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Satirischer Fortsetzungsroman

Dieses Thema im Forum "Aufgeschrieben" wurde erstellt von Einfach Mensch, 3. September 2012.

  1. Einfach Mensch

    Einfach Mensch Sehr aktives Mitglied

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    Oberschwaben, genau über dem Mittelpunkt der Erde
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    1997, ich steckte tief in meiner depressiven Phase, musste ich mir einfach Einiges von der Seele schreiben.

    Und es entstand ein Roman um die unsäglichen Bemühungen eines Pärchens von Kriminalpolizisten. Eine richtige wirre Geschichte, die voll von Sarkasmus ist.

    Sind insgesamt 50 Kapitel. Und ich setze jetzt einfach jeden Tag ein Kapitel hier herein.

    Und wenn es Anklang findet, habe ich noch ein zweiten Roman dieser Güte.

    Also, hier den Anfang:




    Uwe Götze

    Schnitzeljagd

    Roman



    Copyright © by Uwe Götze, Bruchköbel 1997
    Alle Rechte vorbehalten.




    Dieses Buch ist dem fragwürdigen Erfolg der unablässigen und sinnlosen Bemühungen Unzähliger in unserem Lande gewidmet.






    Der Inhalt dieses Buches ist frei erfunden und weist keinerlei Ähnlichkeit mit toten, lebenden oder noch zu gebärenden Personen auf. Weiterhin sind eventuelle Übereinstimmungen archetypisch bedingt und nur dem gesellschaftlichen Umfeld verantwortlich, weitergehende Folgerungen, insbesondere juristischer Natur, sind daher unnütz, unzulässig und äusserst geschmacklos, dieses gilt auch für gewählte Meinungsbildner. Sollten Sie sich dennoch durch dieses Buch gestört fühlen, kaufen Sie einfach die Rechte.



    Inhalt:

    Zwei überforderte Kommissare im Frankfurt des ausgehenden Jahrtausends, wobei Frankfurt für jede beliebige grosse Stadt steht, erhalten mittels Telefax und schmähen-dem Kinderreim Kenntnis einer Mordserie, beginnend mit einem toten Politiker, weil die sich ja immer vordrängen.
    Die Suche nach dem Täter wandelt sich schnell in die Suche nach dem Motiv und führt anscheinend zu längst vergessenen oder auch fiktiven Ereignissen in der Vergangenheit.
    Unterdessen geht die Mordserie weiter und führt die Beamten durch eine auseinanderbrechende Realität, in der die Auseinandersetzungen zwischen Ideen und Ideologien immer mehr das Handeln bestimmen.
    Schließlich erweist sich der Chef der Beamten als Auslöser der Mordserie und eine nächtliche Verfolgungsjagd durch die grosse Stadt beginnt.
    Sie endet auf dem höchsten Bauwerk, mit der vollständigen Darlegung der Motive und der Zwangsläufigkeit der Mordserie, einer insgesamt schlüssigen Konstruktion, die allerdings nicht an der Realität nachprüfbar ist.
    Das Bauwerk und alle Anhaltspunkte, Beweise, Indizien und Ideologien werden zerstört, sämtliche Aktivitäten er-weisen sich als sinnlos.

     
    1


    Im Anfang schuf er ein Verbrechen, das aber war wüst und wirr.
    So könnte diese Geschichte möglicherweise anfangen.
    Sie kennen diese momentane Spannung, die über dem Augenblick vor dem eventuellen Geschehen liegt? Nein?
    Die Helden oder besser Protagonisten dieser Geschichte auch nicht, oder sie hatten inzwischen aufgehört, sie wahrzunehmen. Auf jeden Fall unterschied sich für sie das Gefühl während des Senkens des Lides in nichts von der Empfindung im Aufwärts, getrennt durch den Beginn des aufnahmebereiten Pfeifens eines lauschenden Faxgerätes, genau in der Vereinigung des unteren Augenrandes mit dem des Lides.
    Warum der Anfangssatz - übrigens ein schlecht abgewandelt und unnütz angewandtes Zitat aus dem weitverbreitesten Buch überhaupt - warum also hat sich dieser Satz in die Beschreibung emotionaler Zeitabläufe verwandelt?
    Wir wissen es nicht. Allerhöchstens ahnen wir den Hauch weitläufiger und komplexer Verwicklungen, vielleicht nicht so ausgedehnt wie in dem oben genannten Buch, aber ausreichend für mindestens drei Abende oder einen Transatlantik-flug mit ausgefallener Unterhaltungselektronik. Das Bild eines fallenden Lides und des hineinbrechenden Geräusches ist einfach zu schön, um daran vorbeizugehen, andererseits erinnert es an Balken und Augen und nimmt damit wiederum Bezug auf dieses bewusste Buch und damit ist es jetzt eindeutig zuviel. Die erste Seite nähert sich ihrem natürlichen Ende und die Geschichte ist über einen ersten, reichlich kryptischen Satz hinaus nicht fortgeschritten, der Leser schon zu diesem Zeitpunkt rat- und orientierungslos, was eigentlich erst die nächsten zweihundert Seiten der Fall sein sollte und dem Autor rutscht der Cursor des PC´s immer wieder ab, das sollte frühestens drei Seiten vor Schluss oder nach zehn Wochen, was immer zuerst eintrifft, stattfinden.
    Also zurück zur Geschichte, und da dieses Kapitel doch ziemlich versaut ist, fangen wir lieber ein Neues an.

    Morgens geht es weiter....
     
  2. Einfach Mensch

    Einfach Mensch Sehr aktives Mitglied

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    2


    So wurde die Übertragung vollendet und mit ihr ihre ganze Information.
    Oberkommissar Lutz, mit dessen Auge wir schon im letzten Kapitel bekannt wurden, hob jenes, also das Auge, von der deprimierenden Botschaft der auf dem Schreibtisch liegenden Kontoauszüge und fixierte das auf einem brüchigen Sideboard stehende Faxgerät, was uns sofort wieder zu zwei hemmenden Einschüben in den kaum in Gang gekommenen Fluss der Erzählung zwingt, aber sie sind absolut und unwiederbringlich notwendig, also:
    Erstens: Lutz befindet sich in einer verniedlichend als ausweglos beschriebenen finanziellen Situation, da er a) geschieden und b) Liebhaber älterer englischer Autos in der konkreten Manifestation eines MG B - Roadsters ist. Da er über wenig bis gar keine Ahnung sowohl von Frauen als auch Autos verfügt, manöverierten ihn die Umstände unter Hinzuziehung von Scheidungsanwältin und zahllosen Ersatzteilverkäufern in den relativistischen Effekt des beschleunigten Geldabflusses. Man muss sich das so vorstellen: Im gerade vergangenen Mo¬nat hat Lutz seine Bezüge einmal für sich und einmal für seine Frau verbraucht, die Bank nahm für Zinsen ungefähr eine Woche. Da Beamte ihr Salär im voraus ausbezahlt bekommen, näherte sich Zu - und Abfluss kurzzeitig an, nur um durch die vollzogenen Überweisungen weiter als je zuvor auseinander zu driften. Im nächsten Monat würde sich die Bank bereits einen Tag mehr nehmen und so weiter, bis der Ab- dem Zufluss die zwölf zur Verfügung stehenden Monate voreilen und Lutz finanziell endgültig und unumkehrbar von der Gegenwart trennen würde. Wie gesagt, ausweglos.
    Zweitens: Das Pfeifen des Faxgerätes setzte in Lutz einen urzeitlich geprägte Reflex frei. Lutz unterbrach sofort seine Tätigkeiten, er hielt sogar kurz den Atem an und starrte in Richtung des Geräuschs. Nun mag dieses Verhalten in der eis¬zeitlichen Tundra durchaus Vorteile für das Überleben und die Weitergabe der eigenen Gene eines Individuums gehabt haben, aber heute wirkt es schlichtweg lächerlich und setzt das bewusste Individuum befremdlichen Bemerkungen aus, wie: »Wieder mal in die Zukunft gucken, hä?« und damit sind wir am Ende der Einschübe und fahren mit dem bereits in das Zimmer gekommenen Kollegen Obermaier fort.
    Als Obermaier seine Bemerkung startete, hatte sich das Gerät vorläufig beruhigt und gab infamerweise keinen Laut mehr von sich.
    »Das Fax.« widersprach Lutz schwach.
    »Sicher, das ist ein Fax. Das war es gestern auch schon.«
    »Es hat sich...«, in diesem Moment setzte das raschelnde Surren des Papiertransports ein: »...gemeldet.« Lutz wies triumphierend. »Da kommt was.«
    Obermaier überbrückte die zwei Schritte messende Distanz mit vier Bewegungen - links, rechts nachziehen, links und wieder rechts nachziehen.
    »Hast du ein Problem? « fragte Lutz.
    »Zwei.«
    »deine Beine?«
    »Nein. Den Ständer von meiner Maschine und dass sie mir auf das Bein gefallen ist.«
    Lutz grinste: »Und so was passiert unserem technischen Genie?«
    Obermaier antwortete stumm mit einer abfällig wischenden Bewegung des rechten Armes, die er elegant zum Auswurfschlitz des Gerätes umleitete, in einem Zuge das Blatt griff, inspizierte, es zu einer Kugel knüllte und Lutz mit der Bemerkung: »Muss für dich sein, total schwachsinnig.« auf den Tisch warf.
    Lutz breitete das Knäul beidhändig aus, fand das Ergebnis unbefriedigend, glättet über der Tischkante nach und begann, während er das Papier auf - und - ab zog, zu lesen:

    Ene, mene, miste,
    Wählen könnt ihr nur die Liste
    Ene, mene, muh,
    Politiker sind nur Schmuh.

    Er legte das Blatt vor sich auf den Tisch und sagte, halb ungerichtet in den Raum, aber auch ein Bisschen zu Obermaier: »Das muss für den Chef sein. Der macht hier die Politik.«
    Obermaier fühlte sich anscheinend angesprochen. »Dann gib´s weiter.«
    Das Faxgerät vereitelte Lutz´ Antwort mit der Reproduktion des Pfeiftons von soeben, quasi als Beispiel der in den letzten Jahren gewachsenen, gerätetechnischen Intelligenz. Lutz dirigierte seine bereits angesetzte Antwort in´s Hirn zurück, er würde sie bei Gelegenheit recyceln und formte die Feststellung: »Das ist sicher die Auflösung.«
    Die Geräusche veränderten sich zur Vorbereitung der Blattausgabe und Obermaier beugte sich über das Ablagefach. Lutz warnte: »Nicht anfassen, vielleicht sind Fingerabdrücke drauf.« Obermaier blickte auf und Lutz an, sein Blick spie-gelte die ganze Mischung aus Mitleid mit offensichtlichem Schwachsinn, der besitzenden Arroganz technischen Verständnisses und dem Bedauern, ausgerechnet Lutz zum Kollegen zu haben. »Das ist nicht das Stück Papier, das abgeschickt wird. Ein Telefax überträgt nur die reine Information.«
    »So habe ich das noch garnicht betrachtet.« Lutz dachte einen Moment nach. »Sind Fingerabdrücke nicht auch Information?«
    »Ja. Aber in der Hauptsache zurückgebliebenes Hautfett und sonstige Ablagerungen, die durch ihre Anordnung etwas aus¬sagen.«
    »So wie die Buchstaben aus Tinte bestehen. Wo also ist der Unterschied?«
    Obermaier schluckte seine weiterführenden Erörterungen über die Natur der Information im Allgemeinen und ihrer Ausprägung während einer Telefaxübertragung im Besonderen hinunter, verzichtete weiterhin, mit reichlich Überwindung, auf abfällig betonte Bemerkungen persönlicher Stossrichtung und griff nach der Zuckerzange, ein von Lutz´s Ehemaliger übersehener Bestandteil der Wohnungseinrichtung. Sie benutzten Würfelzucker nur sehr selten, um genau zu sein, hatten sie noch nie Würfelzucker in ihrem Büro gehabt, aber sie waren immerhin darauf eingerichtet. »Darf ich?« fragte Obermaier, während er die Zange fragend in Lutz´ Blickfeld hielt.
    Lutz dachte einen Moment nach, dann verstand er. »Praktisch, diese Dinger, nicht wahr? Ich kenne da einen Witz über Zuckerzangen.«
    »Vergiss´ es.« schnitt ihm Obermaier die Einleitung ab.
    »Reg´ dich nicht unnötig auf. Bevor das Buch zu Ende ist, wirst du den Witz gehört haben. Denk an meine Worte.«
    »Nicht jetzt. Das sieht nach Arbeit aus.« Obermaier drehte sich mit dem von der Zange gekniffenen Blatt zu den beiden zusammengeschobenen Schreibtischen, an einem davon sass Lutz, um, ging, jetzt ohne das Nachschleppen des rechten Beines, zu seinem Platz und legte das Papier auf die Grenze zwischen oder die aneinanderstossenden und damit gemeinsamen Kanten der Tische. »Lies´ mal.«
    Lutz wollte das Blatt an sich ziehen, stockte, die Fingerabdrücke, griff dann zu, Obermaier hatte in solchen Dingen immer recht, und richtete das Blatt vor sich aus.
    Obermaier betrachtete sinnend die Zuckerzange in seiner Hand, warf sie resignierend in Richtung Sideboard, verfolgte gleichgültig ihren Weg, den Aufprall an der Wand mit an-schließendem dreifachen Salto bis zum Boden und sagte schließlich: »du machst mich gerne zum Affen, hmh?«
    Lutz sah bei dieser Bemerkung hoch, sagte: »Ich bin nur lernfähig. Und zwar wesentlich schneller als du. Und jetzt lass mich endlich lesen.«, fixierte wiederum das Blatt:

    Ene, mene, miste,
    Wählen könnt ihr nur die Liste
    Ene, mene, muh,
    Politiker sind nur Schmuh.
    Leerzeile
    Leerzeile
    Leerzeile
    1. Hinweis für Bullen:
    Ben-Gurion-Ring 12, 8. Stock, App. 807
    Leerzeile
    Auf was warten Sie noch? Kommen Sie Ihrer Pflicht nach und veranstalten Sie irgendeinen schwachsinnigen Wirbel.
    Leerzeile
    Leerzeile
    2. Hinweis für Bullen:
    Das Fax ist hier zu Ende, es folgt nur noch weisses Papier.

    »Ich glaube, der will uns beleidigen.«
    Obermaier sah auf Lutz herab: »Wie ich schon feststellte: Das ist dein Fax. Wahrscheinlich kennt er dich. Willst du nicht was tun?«
    »Du redest, wie der schreibt. Was soll ich also deiner Meinung nach unbedingt tun?«
    »Ruf´die Zentrale an und lass´ Jemand hinschicken.«
    »Okay, okay.« Lutz griff nach dem Telefon, streifte, während er den Weg seiner Hand verfolgte, die noch auf dem Tisch ausgebreiteten Kontoauszüge, schob sie beidhändig zusammen und ließ das Bündel in die linke, offene Schreibtischschublade fallen, schloss sie mit einer energischen Bewegung und zog endlich den Telefonapparat zu sich.
    Das folgende Gespräch kann ohne Spannungsverluste ausgelassen werden, es entsprach in seinem Ablauf den Millionen anderer Gespräche, die täglich geführt werden. Nur das kurze Knacken, gleich nach dem Zustandekommen der Verbindung, könnte dieses Telefonat aus der Masse herausheben, leider werden wir das aber sicher nicht in diesem Buch erfahren.
     
  3. Einfach Mensch

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    Der Kommissar Obermaier war schlauer als alle anderen Kollegen der Kriminalhauptabteilung.
    Zumindest hing er diesem Glauben an und verstand deshalb nicht, warum es für ihn noch Vorgesetzte und ähnliche Hindernisse gab.
    Lutz betrachtete die Aktivitäten seines zugeteilten Kollegen eher nach der Art einer Naturkatastrophe, sie kommt unaufhaltsam, man duckt sich und macht sich klein und wenn man Glück hat, fällt einem nichts Wesentliches auf den Kopf.
    Wie Sie also richtig gelesen haben, beschäftigen wir uns in diesem gerade aufgeschlagenen Kapitel mit den Personen Lutz und Obermaier, ihren Wünschen, Träumen, ihrem Verhältnis untereinander und zur Welt, dem Aussehen dieser Welt und ihrer Raum-Zeit-Koordinaten, der zweifachen Erscheinung von Lutz, in seinen Augen, zum Beispiel vor dem Spiegel, und in den Augen anderer, besonders in den Augen Obermaiers, den wir als den unsympathischen Part kürzer beschrieben sehen werden.
    Dieses Kapitel wird gefüllt mit Ambiente, so richtig zum hineinfühlen und (wahrscheinlich Lutz, oder wollen Sie wirklich Obermaier sein?) identifizieren.
    Wenn sie zu den modernen, multimedial geprägten Lesern gehören, die ausschließlich am Fortgang der Geschichte interessiert sind, können Sie ruhig zu Kapitel 4 blättern, der Autor verspricht, vorher keine für den Ablauf relevanten Sätze unterzubringen, oder, wenn er sein Versprechen unter dem Druck der Ereignisse nicht einhalten kann, dass zumindest eine Zusammenfassung nachgeliefert wird.
    Da wir jetzt unter uns sind und die Hektiker weitergeschickt haben, lehnen Sie sich bitte bequem zurück, schließen die Au¬gen und lassen den folgenden Text auf sich wirken.
    Warum bin ich jetzt allein?
    Hallo, hallo!!!
    Bitte öffnen Sie die Augen, oder wenigstens eines.
    Danke.
    Dieses Buch spielt im Frankfurt des ausgehenden zweiten Jahrtausends. Ohne abwertend sein zu wollen, natürlich in Frankfurt am Main und nicht in dem gleichnamigen Ort an der Oder, oder wollen Sie von geschmuggelten Zigaretten aus Polen und schier endlosen Schlangen von LKW´s vor der Grenze lesen?
    Zurück an den Main in die Schatten der im Sonnenlicht gleissenden Banktower und der verschwiegenen Tiefgaragen und des unvergessenen Dichterfürsten (Sie wissen schon, Goethe, der mit den vielen Zitaten).
    Über diesen sichtbaren Anzeichen zivilisierter Besiedlung kreist unsichtbar das grosse Rad des international umgesetzten Geldes und reisst die ameisengleichen Menschchen mit sich in den Wirbel aus nicht eingelösten Versprechungen und Inhaberschuldverschreibungen. Was das ist? Sowas wie ein gewöhnlicher Schuldschein, nur in´s Gigantische aufgebläht und vergrössert.
    Aber bringen wir die Beschreibung des Lebensgefühls der grossen Stadt auf eine einfache und leicht verständliche Formel: Viel Dynamik, wenig Ziel und verlassen das linke, geschäftige Ufer des Mains, gehen über den eisernen Steg nach Sachsenhausen, den Ort, wo die Menschen hausen, wenn man Aussagen Eingeborener glauben darf.
    In einer Seitenstrasse mit permanentem Parkplatzmangel und Häusern vom Anfang des Jahrhunderts lebt Lutz, Oberkommissar. Ob Lutz Vor - oder Nachname darstellt, wäre auf Nachfrage in der Personalabteilung zu erfahren, er selbst argumentiert: »Seit meiner Scheidung fehlt was in meinem Leben, also reicht Lutz.« Wir können uns ihm also nicht über sein Etikett nähern, er hält uns namentlich auf Distanz, wehrt sich gegen den Blick hinter seine scheinbar skurrile Fassade.
    Ein Blick aus dem Fenster zeigt uns aber den Schlüssel zu Lutz´ Seele oder was man dafür halten könnte. Trotz knapper Parkplätze steht ausgerechnet heute, welch Zufall, das Auto, nein, sein lebensanschauliches Fahrzeug, vor der Haustür drei Stockwerke tiefer.
    MG B, Baujahr 1961, wenig gelaufen, Zustand 2, Britisch Racing Green, Lederausstattung Schwarz.
    Diese beiden dürren Zeilen lassen jeden Hauch der Faszination vermissen, die reichlich vom beschriebenen Gegenstand ausgestrahlt wird. Will man das Aussehen realistisch beschreiben, schleichen sich immer wieder und nicht vermeidbar Termini perfekter weiblicher Anatomie ein, Rundungen schwellen, Fülligkeit an richtigen Stellen und kräftige Straffheit an anderen.
    Mag das im ersten Durchgang nach der üblichen chauvinistische Masche, Frauen als Objekte und umgekehrt zu betrachten, klingen, stellt sich bei tieferem Graben in den Schichten der männlichen Motivation heraus, dass die von den Müttern anerzogene Verehrung hier einen harmlosen Auswuchs findet.
    Beschäftigen wir uns wieder mit dem Auto. Wir haben gelernt, dass seine Erscheinung hypnotisch auf den durchschnittlichen mitteleuropäischen Mann wirkt und in ihm den Wunsch freisetzt, zu besitzen. Ist dieser Mann nun noch et-was vom Leben enttäuscht, oder läuft das alles nicht so perfekt, wie er sich das in den vergangenen, heroischen Zeiten seiner Mannwerdung (kurz Jugend) vorgestellt hat, wird, passende Gelegenheit vorausgesetzt, aus dem Wunsch die Erfüllung und Mann kauft sich das Gerät.
    Zur Ehrenrettung aller Oldtimerbesitzer und zur Vermeidung überflüssiger Protestbriefe (bitte an den Verlag und nicht den Autor) sei gesagt: Der Besitz alter Fahrzeuge ist nicht zwangsläufig mit dem Besitz von Komplexen gekop-pelt, wenn es meist auch anders erscheinen mag. Anwesende sind, wie immer bei solchen ehrrührigen Aussagen, ausgenommen und funktionieren richtig, so wie es der jeweilige Partner gerne hätte.
    Lutz also besass diese materialisierte Version der auf´s Wesentliche reduzierter Bewegungsträume, nur Fliegen ist schöner, oder wie häufig glaubhaft versichert wird, erfüllt das freie und maschinenunabhängige Schweben nächtlicher, manchmal auch täglicher Träume noch etwas mehr, ist aber längst nicht so praktikabel.
    Wobei Lutz und sein Roadster auch nicht gerade unbedingt eine glückliche und ungetrübte Beziehung durch die Jahre gebracht hatten. Der MG zeigte alle Facetten kapriziösen Verhaltens und funktionierte längst nicht so klag- und fehlerlos wie seine verachteten, weil plastifizierten Nachfahren. Der MG hatte ein Eigenleben und öfters, dank einer undichten Elektrik und damit leerer Batterie gar keins mehr, er stellte sich infamerweise nur zur absoluten Unzeit tot, dann, wenn Lutz keinen andere Chance mehr hatte und nicht auf den ÖPNV (Strassen- oder U-Bahnen, Busse etc.) ausweichen konnte. Trotzdem blieb Lutz im Sinne von Beistehen treu, im Gegensatz zu seiner Ehe, die geschieden worden war.
    Was wissen wir bisher über Lutz?
    Er ist unzufrieden mit dem vergangenen Ablauf seines Lebens, sieht sich gerne Leiden ausgesetzt und lässt sich sogar klaglos von einem älteren, britischen Auto herumschubsen.
    Man muss ihn einfach mögen, sieht buchstäblich Falladas kleinen, sympathischen Mann vor sich und unterliegt einer ganz natürlichen Täuschung, wir schreiben kurz vor zweitausend, und da sind selbst die kleinen Männer anders.
    Lutz ist nicht der leidende, eingefallene Typ mit den schlotternden Kleidern. Lutz ist einsachtundneunzig und wiegt fünfundneunzig Kilogramm und würde, blond und sonnengebräunt, natürlich blauäugig, locker in jede Vorabendserie, ob privat oder öffentlich-rechtlich, passen, als Schwiegermutters Liebling. Lutz treibt Sport und kann zu vorgerückter Stunde zur Vorführung von hundert Liegestütz provoziert werden, der Knaller auf jedem der müden Betriebsfeste seiner Dienst-stelle.
    Aber weitere Details: Lutz ist im Vollbesitz aller seiner Haare und Zähne, normal im Alter von Anfang dreissig, genau einunddreissig. Sein Gesicht wirkt wie mit zuviel Weichzeichner aufgenommen und ihm dann zum Gebrauch belassen, jungenhaft freundlich, ohne grosse Spuren der erlebten Enttäuschung. Er trägt gerne Jeans (die Originale mit den Knöpfen) und dazu unifarbene Hemden, die obersten zwei Knöpfe lässt er offen, am Hemd, nicht was Sie denken. Früher hat dazu Stiefel im Westernstyle getragen, mit seiner Scheidung steig er auf lautlosere Mokassins um. Vielleicht ein Zeichen der Solidarität mit den verfolgten Indianern Nordamerikas.
    Wir haben Lutz nun von dem kleinen Mann ein ganzes Stück weit weg bewegt, sehen eine Person, die unerschüttert mitten im Leben und dort ihren Mann steht.
    Aber es bleibt das Gefühl der unvollkommenen Analyse, die Ahnung nicht erforschter Ecken voller Überraschungen, eventuell lauerndes Grauen hinter dem nächsten, noch nicht begangenen Abzweig.
    Um die Spannung noch die nächsten X - hundert Seiten zu erhalten, verlassen wir auf dieser Stufe der Erkenntnis Lutz und wenden uns Obermaier zu.
    Um es ihnen einfach zu machen, hat der Autor beschlossen, bei Obermaier das ganze Gegenteil von Lutz zu verwenden, formen Sie also aus Lutz sein konträres Bild. Was gross ist, wird klein, was blond ist, wird schwarz und so weiter.
    Spätestens bei den Jeans müssen wir dieses bequeme Verfahren verlassen, den auch Obermaier zieht diese moderne, in-zwischen allgemein akzeptierte Form des Beinkleides vor.
    Bleibt noch die Gestaltung des Portraits.
    Obermaier ist schlank, eher hager und besonders im Gesicht, wie der junge Hans Clarin (Für Jüngere: Irgendwann kommt eine Wiederholung im Fernsehen und ihr lernt ihn auch noch kennen. In der Zwischenzeit gilt: Heute gibt es diesen Typ im Showgeschäft nicht mehr, stellt euch einfach Michel Jackson ohne Operationen und weiss vor, das hilft.). Wir sehen Obermaiers Gesicht Leiden vortäuschen, wo nur selbstzufriedene Ichbezogenheit gespiegelt werden müsste, er uzt uns mimisch und freut sich innerlich darüber.
    Lutz glaubte aus dem Aussehen seines dienstlichen Gegen-übers Seelenverwandtschaften herauslesen zu können, wurde aber nach 30 Sekunden Bekanntschaft bereits in herber Art belehrt. Seitdem herrschte soziale Gefechtsbereitschaft zwischen ihnen.
    Obermaier fuhr Motorrad und diese bekannte Eigenschaft hatte die Vorgesetzten der Beiden bewogen, sie zu einem Team zusammen zu spannen.
    Was natürlich dem üblichen behördlichen und absoluten Schwachsinn entsprach. Obermaier wechselte seine Plastikschüsseln (abwertender Fachausdruck für moderne, vorzugsweise japanische Motorräder) jährlich und hatte sich noch nie mit der Psyche seiner Maschine herumschlagen müssen oder auch nur Anflüge davon wahrgenommen.
    Obermaier hatte kein Gefühl für Tradition, ja noch nicht einmal eine Ahnung vom Vorhandensein solcher Verbindungen zur Vergangenheit, er war ein Futurist, Lutz konservativ. Konnte ja nicht gut gehen.
    Ich hoffe, dass Ihre Vorstellung nun klar und deutlich genug für den weiteren Fortgang der Handlung ist, wenn nicht, lesen Sie einfach weiter, Sie werden mehr an Details und Nuancen finden. Versprochen und gehalten.
    Sicher, das Verhältnis der beiden zu den Frauen ist wichtig und fahrlässigerweise noch nicht behandelt. In aller Kürze: Lutz ist auf Distanz, verständlicherweise und Obermaier hat kein Verhältnis zu Frauen, er ist schwul. Aber das bleibt ohne Bewandtnis für die weiteren Ereignisse.
     
  4. Einfach Mensch

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    Lutz erkannte Eva, seine Frau; sie aber wurde nicht schwanger und gebar ihm ein finanzielles Desaster.
    Er schreckte beim Klingeln des Telefons auf seinem Schreibtisch aus üblen Gedanken hoch und nahm ab: »Lutz?«.
    »Sie wollten eine Streife in den Ben-Gurion-Ring?«
    »Ja.«
    »Sie ist angekommen.«
    »Und?«
    »Wieso und?«
    »Das habe ich Sie und zuerst gefragt.«
    »Achso.«
    »Rufen Sie wieder an?«
    »Wer?«
    »Na Sie oder die Streife.«
    »Die Streife hat schon angerufen.«
    »Und?«
    »So nicht. Sie mögen vielleicht Oberkommissar sein und so weiter. Aber ich lasse mich nicht von Ihnen in diesem Ton verhören.«
    »Entschuldigung.« Lutz sah über den Tisch zu Obermaier, erhielt dort aber auch keine Hilfe, denn der rieb sich das rechte Bein ein und hatte dazu die Jeans ausgezogen. Lutz legte entnervt auf. Das Telefon klingelte sofort. Lutz schreckte hoch und nahm ab: »Lutz?«.
    »Sie wollten eine Streife in den Ben-Gurion-Ring?«
    »Ja.«
    »Sie ist angekommen.«
    »Und?«
    »Arbeit für Sie, Mord.«
    »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt.«
    »Hab´ ich doch.«
    »Nein. Haben Sie nicht. Vorhin. In dem Gespräch vorhin.«
    »Das ist unser erstes Gespräch heute. Fühlen Sie sich nicht wohl, Lutz.«
    »Entschuldigung.« Lutz legte auf, blickte erwartungsvoll auf den Apparat und wurde mit Stille enttäuscht. »Zieh´ dich wieder an. Wir haben Arbeit.«
    »Moment« kam gepresst zurück, Obermaier massierte den Knöchel und hatte sich dazu tief vorgebeugt.
    »Wir haben einen Mord. Mach´ hin.«
    »Wieso? Hat die Leiche noch weitere Termine?«
    Lutz suchte die für die absehbaren Ermittlungen unabdingbaren Utensilien, fand aber ausser seinem Dienstausweis nichts. »Kommst du?« fragte er ohne aufzublicken über den Tisch und erhielt die Antwort unerwartet aus Richtung Tür, Obermaier stand an den Türrahmen gelehnt, seinen Aktenkoffer einsatzbereit in der Hand: »Ich warte.«
    »Abmarsch« bestätigte ihn Lutz und setzte enttäuscht maulend hinzu: »Leiche am Morgen bringt Kummer und Sorgen.« Er hatte ja so recht.

    In dem anonymen Appartementblock am Ben-Gurion-Ring herrschte behördlich veranlasste Hektik. Die sternförmig auf den Eingang ausgerichtete Phalanx geparkter Streifenwagen vergrösserte sich minütlich, die Besatzungen drückten sich hastend an anderen Polizisten vorbei in´s Haus, nur um von den durch Kollegen herausgetriebenen Bewohnern wieder zurück in´s Freie gequetscht zu werden.
    Lutz und Obermaier parkten in einer Seitenstrasse und betraten das Haus durch den Hintereingang, der seltsamerweise weder bewacht noch belagert wurde, sondern einfach unbeachtet vor sich hin ruhte. Mit den Aufzügen sah es ähnlich aus, die hysterische Räumung des Gebäudes spielte sich ausnahmslos im Treppenhaus ab, eine metamorphose Auslegung der Warnschilder: Aufzüge im Brandfall nicht benutzen.
    Im achten Stock schien die Phase glorreicher Aktivität bereits überwunden zu sein, ausser einer ordentlichen Warteschlange uniformierter Beamter zeigte sich keine Bewegung,als das Paar aus dem Lift trat.
    Sie gingen die Schlange entlang und ignorierten Rufe wie: »Vordrängeln ist nicht.« oder »Hinten anstellen.« und »Immer die Kripo.«
    Lutz musste sich mit einem schnellen Sidestep zur gegen-überliegenden Wand in Sicherheit bringen, als plötzlich ein kopfschüttelnder und vor sich hin murmelnder Beamter (»Irre, einfach irre.«) um die Biegung des Korridors bog, bevor sie, also Obermaier und Lutz, ebenfalls um die Ecke bogen und das Ende oder den Anfang (reine Frage des Standpunktes!) der Schlange in der Tür von Appartement 807 verschwinden sahen.
    Sie überwanden die Einlasskontrolle durch wildes Schwenken ihrer Dienstplaketten und Obermaier erklärte die Veranstaltung für beendet. Die folgenden Proteste endeten in einem Abkommen mit den wartenden Polizisten, jedem wurde ein kurzer, unkommentierender Blick zugestanden, unter der Voraussetzung, dass die Spurensicherung durchgelassen werden würde. Die Ordnung war wieder hergestellt.
    Nach der Beantwortung der Frage: »Wollen Sie wirklich DA rein?«, »Aber sicher. Das ist unser Job.«, »Ekelhaft, was ein Mensch alles für Geld tut.«, schritten Lutz und Obermaier zum Tatort, nur um sofort wieder stehen zu bleiben: »Wirklich ekelhaft.« sagte Obermaier und Lutz widersprach ihm nicht.
    In der Mitte des billig möbilierten Raums sass auf einen genauso billig aussehenden Stuhl ein Mann in fortgeschrittenem mittleren Alter. Sitzen war vielleicht etwas neben der Realität ausgedrückt, der Mann wurde von einem Geflecht aus bunten Kunststoffleinen auf dem Stuhl und aufrecht gehalten, ansonsten war er deutlich tot, ihm fehlten die obersten fünf Zentimeter.
    Lutz stieß den vor ihm stehenden Obermaier an, der sperrte sich: »Erst der Überblick am Tatort, dann die Details.«.
    Lutz folgte der Anregung des verhassten Kollegen und schweifte, sorgsam den Stuhl in der Mitte des Raums meidend, mit den Augen über die restliche Einrichtung. Das Ergebnis war ebenfalls ekelerregend.
    Neben dem billigen Stuhl stand ein passend billiger Tisch.
    »Ist das auf dem Tisch das, was ich vermute?« fragte Lutz.
    »Ich halte es für das fehlende Teil.« antwortete Obermaier.
    »Das nennt sich Schädelkappe oder auch Dach« präzisierte der Beamte hinter ihnen: »Übrigens, das Hirn ist weg.«
    »Wie?«
    »Das Hirn. Das Zeug, was üblicherweise im Kopf ist.«
    »Haben Sie da reingekuckt?« Lutz fragte kopfschüttelnd.
    »Ich musste doch feststellen, ob er wirklich tot ist.«
    Lutz drehte sich zur Eingangstür um. »Wir warten besser, bis Quincy da ist.« wobei Quincy der Spitzname des Leichenbeschauers ist, welcher in Deutschland kriminalmedizinischer Dienst heisst und jetzt dürfen Sie dreimal raten, warum er einen Spitznamen hat, oder lesen Sie nur Bücher und schauen keine Privaten an?
    »Vielleicht sollten wir mit der Befragung der Nachbarn anfangen.« schlug Obermaier vor.
    »Da kommt nichts raus dabei. In solchen Häusern...« Lutz´s Geste umfasste mindestens vier Blocks im Umkreis. »... sieht und hört keiner was. Aber wenn du dich sinnvoll beschäftigen willst?«
    Obermaier hakte den kommentierenden Beamten unter und verschwand im Korridor.
    Lutz trat aus der Türöffnung und gab den wartenden Beamten die Besichtigung frei.
    Quincy traf kurz darauf ein und stellte sich als der freundliche, junge Doktor Mengele heraus, der den Spitznamen nicht leiden konnte und deshalb verdächtig oft mit einem mühsam zurechtgebogenen Quoktor angesprochen wurde.
    »Ich muss alles wissen? Ist er tot und seit wann? Warum und wer ist er? War es ein Verbrechen?« empfing Lutz den Arzt.
    »Sie stellen immer die gleichen Fragen und erhalten auch immer die gleiche Antwort: Ja, weiss ich noch nicht, weiss ich auch nicht, weiss ich ebenfalls nicht und offensichtlich ja. Sind jetzt zufrieden?« Quincy ging, ohne einen Antwort abzuwarten in den Raum, blieb stehen, stellte seinen Arztkoffer ab, holte eine Kleinbildkamera heraus und begann zu knipsen: »Für mein persönliches Archiv, dieser Mörder hat Stil.«
    Dann begann Mengele mit seiner Untersuchung und berichtete: »Der Mann starb an aussetzender Gehirnfunkton. Wahrscheinlich ist er seit fünf Stunden tot. Hier haben Sie seine Brieftasche.« Der Arzt reichte sie aus dem Raum an Lutz.
    Der öffnete sie und fand einen Personalausweis, ausgestellt aus Peter Roth, Frankfurt - Bergen - Enkheim.
    »Ich weiss jetzt, wem das Appartement gehört. Einem Peter Roth.« kam Obermaiers Stimme von hinten.
    »Ist der Landtagsabgeordnete von diesem Wahlkreis.« antwortete Lutz.
    »Was ein Gedächtnis.« bewunderte ihn der Uniformierte an der Seite Obermaiers.
    »Alles Training.« pflichtete ihm Lutz bei und steckte verschämt die Visitenkarte zurück in die Brieftasche. »Eigentlich wohnt er in Bergen-Enkheim. Wofür braucht der hier ein Appartement?«
    »Das habe ich auch raus gekriegt.« beeilte sich Obermaier zu glänzen. »Er bewahrt hier seine Briefmarkensammlung auf. Seine Frau leidet anscheinend an einem unheilbaren Lüftungszwang und hat schon mehrere katastrophale Lücken in seiner Sammlung verursacht. Das hat mir die junge Dame aus der Nebenwohnung erzählt.«
    »Und Sie kennt ihn?«
    »Hat ein Verhältnis mit ihm, von wegen Briefmarkensammlung besichtigen und so.«
    »Logisch.«
    Quincy war während dieser Unterhaltung aus den Tiefen der Wohnung getreten und gab weitere Erkenntnisse ab: »Er hatte doch ein Hirn. Ich hab´s in der Küche gefunden. Auf einer Waage. 1.510 Gramm. Ziemlich wenig.«
    »Er ist Politiker«
    »Dann versteh´ ich das und auch die Anmerkung des Killers.«
    »Wie?«
    »Der Mörder hat einen Zettel hinterlassen. Neben der Küchenwaage. Mit der Aufschrift: Ich habe es immer gewusst!!!«
    Lutz steckte Roths Brieftasche ein. »Ich fahre in´s Präsidium. Ermittel´ weiter, Obermaier. Wann habe ich Ihren Bericht?« Er schaute Quincy an.
    »Schwierig, schwierig. Meine Sekretärin ist in Urlaub. Und die Aushilfe, die mir geschickt wurde, kennt sich nicht mit unserer Textverarbeitung aus, da sie im Gesundheitsamt eine andere haben. Sagen wir in vierzehn Tagen, dann ist sie zurück.«
    »Ich erwarte ihn morgen früh auf meinem Schreibtisch. Bis dann.« Lutz schoss beleidigt davon, was gingen ihn die Probleme anderer Leute an, er hatte eigene genug.
    Im Auto holte er die Brieftasche heraus und durchsuchte sie gründlich. Er fand fünftausend und etwas Kleingeld. Das Kleingeld ließ er in der Brieftasche, bevor sie in Plastik eintütete und mit Beweisstück A beschriftete.
    Er fuhr zurück.
     
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    Das ist die Folge der politischen Verbrechen nach Kennedy, J.F.:
    Weiter war Lutz in der erholsamen Stille seines Büros mit seinen Überlegungen zum Täterkreis noch nicht gekommen, als das Telefon klingelte.
    Obermaier würde sicher noch jeden und alles am Tatort für die nächsten sechs Stunden belästigen und dann feststellen, dass er kein Auto zur Verfügung hatte. Er würde dann den ÖPNV (Sie wissen schon, den Bus. Haben Sie sich auch schon mal gefragt, warum eigentlich nützliche oder sympathische Einrichtungen von den guten Menschen, die sie propagieren, immer mit so absolut hässlichen Bezeichnungen disqualifiziert werden?) benutzen müssen und über dessen Segnungen wild fluchend in das gemeinsame Büro zurückkommen. Lutz würde es hoffentlich mindestens fünfzehn Minuten vorher verlassen haben, aber noch ist es nicht so weit, gerade hat das Telefon geklingelt und er nimmt ab: »Lutz?«.
    »Diese Stimme wird von einem Sprachausgabechip TX2000 von Glostec erzeugt. Dieser Chip ist bisher 500.000 mal an anonyme Kunden ausgeliefert worden. Deshalb ist es sinnlos, die unzweifelhaft angefertigte Bandaufnahme dieses Gesprächs der Öffentlichkeit zur Identifikation vorzuführen. Ebenso sinnlos ist es, Fragen und ähnliches zu stellen, oder wollen Sie sich wirklich mit Silizium unterhalten?
    Na also.«
    Lutz war dankbar für die Anregung, schaltete den Kassettenrecorder neben dem Telefon an und hörte weiter der verführerisch weiblichen Stimme zu.
    »Wie ich festgestellt habe, sind Sie der Aufforderung in meinem Telefax gefolgt und haben den Anfang der Spur untersucht. Sie haben richtig gehört, Roth war erst der Anfang; die gesamte Stecke wird sechs Personen umfassen, die alle in einem Zusammenhang stehen. Finden Sie den Zusammenhang und Sie werden in der Lage sein, mich zu finden. Die Arrangements für die weiteren fünf Personen sind bereits alle getroffen und zum überwiegenden Teil bereits durchgeführt. Nur die letzte Person ist heute noch auf Geschäftsreise, wird aber Morgen zurückerwartet. Das heisst für Sie, dass die gesamte Strecke Übermorgen früh um sechs Uhr fertiggestellt sein wird. Sie haben also noch rund dreiundvierzig Stunden Zeit, wenn Sie die letzte Person noch retten wollen.
    Damit Sie nach irgendwas fahnden können, hier meine Personenbeschreibung: Grösse einsachtzig, sechzig Kilogramm, verteilt auf die Masse 90-60-90, blond und verdammt gut aussehend.
    Wir bleiben in Verbindung.«
    Während nur noch das Glucksen der unterbrochenen Verbindung aus dem Hörer drang, klopfte es an der Bürotür. Bevor Lutz »Herein!« sagen konnte, wurde die Tür auch schon geöffnet und ein selbstsicherer Mann im dunklen Anzug und Sonnenbrille trat ein. Lutz assoziierte Figuren aus dem Paten, wurde aber von der Vorstellung unterbrochen: »Schmidt, BKA Wiesbaden. Sie haben einen toten Politiker und die gehören alle uns.«
    Lutz legte den Hörer auf und schaltete das Aufnahmegerät ab. Er lehnte sich zurück und dachte nach. Dann fasste er einen Entschluss: »Aber sicher. Mein Kollege ist noch am Tatort und weiht Sie gerne in alles ein.«
    »Danke.« Schmidt wandte sich um und wollte zur Tür gehen.
    »Ach, noch was.« Lutz wollte die Kassette mit dem aufgezeichneten Gespräch aus dem Gerät nehmen und stellte überrascht fest, dass sich hinter der jetzt geöffneten Klappe nur Luft befand.
    Schmidt stand sprungbereit an der Tür und fragte ungeduldig: »Was ist denn noch?«
    Lutz starrte immer noch die frustrierende Leere im Aufnahmegerät an, spürte dann, dass er einen akuten Erklärungsbedarf hatte, wollte aber keine Erklärung abgeben, tastete nach Ausreden und fragte schließlich: »Wollen Sie einen Kaffee?«
    Schmidt knurrte nur: »Eine Dienstauffassung ist das.« Seine nächste Äusserung bestand ausschließlich in der heftig zu-schlagenden Tür. Lutz blieb sehr einsam zurück.
    »Ich wurde gerade angerufen. Habt Ihr zufällig das Gespräch aufgezeichnet?«
    Die Antwort der Zentrale war ausführlich und niederschmetternd: »Laut Ministerialerlass von 30. April dieses Jahres ist das generelle Aufzeichnen von ankommenden Gesprächen durch die Anschaffung von Aufnahmegeräten für die einzelnen Abteilungen überflüssig geworden und damit unzulässig. Die eingesparten Kosten werden für neue Formulare verwendet. Noch Fragen?«
    »Nein.«
    »Beehren Sie uns bald wieder.«
    Lutz knallte den Hörer auf die Gabel und beschloss, in den Keller zu gehen.

    »In den Keller gehen.« bedeutete im Präsidium in Frankfurt sich beim Alten Rat zu holen. Der Alte war ein verdienstvoller Hauptkommissar und wehrte sich seit dem Überschreiten der Frühpensionierungsgrenze von achtundvierzig erfolgreich gegen seine Verabschiedung in den Ruhestand, daher der Name. Da die Direktion und der Personalrat dieses schlechte Beispiel und die ständige Mahnung übertriebener Pflichterfüllung den jüngeren Kollegen ersparen wollten, wurde der Alte in die Tiefen der Archive verbannt, den Keller. Lutz hatte ihn durch Zufall an einem heissen Sommertag entdeckt, als er kühle- und ruhesuchend den untersten Knopf im Lift gedrückt hatte.
    Der Alte hatte zuerst überrascht, dann erfreut auf den unerwarteten Besuch reagiert und Lutz einen unterhaltsamen Nachmittag mit Erzählungen aus der guten, alten Zeit geboten. Seitdem waren sie befreundet, heimlich.
    Jetzt trat Lutz aus dem Lift und suchte vorsichtig tastend die Nische mit der Taschenlampe, der Alte hatte alle Röhren aus den Lampen entfernt und so einen Wall aus Dunkelheit um sich errichtet. Die Batterie war schon ziemlich aufgebraucht und die Taschenlampe produzierte nur ein schwaches Glimmen, das die Hindernisse mehr ahnen als erkennen ließ. Absicht? Aber sicher, der Alte entlud die Batterien weitgehend, bevor er sie in die Lampe einsetzte.
    Schiebenden Schrittes schob sich Lutz zwischen den dunklen Schatten der Regale fusslängenweise vorwärts, zwischen den Schritten lauschte er den Geräuschen, dem Rascheln und Wuseln, dem Ächzen und Knirschen. Ratten, dachte er, wie immer an dieser Stelle, das sind nur Ratten, nichts Schlimmeres. Und dann lief er, wie immer, gegen die falsch gestellte Trennwand und wusste, dass er fast da war.
    »Wer da?« kam die Stimme des Alten von hinter der Trennwand.
    Lutz schluckte, sammelte Speichel für die Antwort, verfluchte den zischelnden Schluss seines Namens, der besonders viel Feuchte im Mund brauchte und improvisierte mit: »Ich.«.
    Dieser falschen Antwort folgte ein gedämpfter Knall (Der Alte verwendete Schalldämpfer: »Mein Trommelfell, klar?«) und das Kreischen von Metall auf Beton, wie es ein mehrfach abgelenkter Querschläger produziert. Lutz glaubte den Luftzug der vorbei fliegenden Kugel zu spüren, war sich aber sicher, dass das nicht sein konnte, der Alte war ein lausiger Schütze und hätte eher getroffen als knapp vorbeizielen zu können.
    »Wer da?«
    »Lutz« krächzte der.
    »Sag´ das doch gleich. Die Tür ist offen. Du musst nur drücken.«
    Lutz drückte gegen die Wand, an der er sich vorhin eine Schwellung geholt hatte und mühelos öffnete sich ein Spalt. Er schlüpfte durch. »Wo sind Sie?«
    »Hier.« und gegenüber flammte eine Lampe bescheiden auf, leuchtete den Alten vom Hals an aufwärts aus, zeigte sein zerfurchtes Gesicht unter den langen weissen Haaren und die weiten, flachen und statischen Augen mit niemals blinzelnden Lidern. »Setz´ dich.«
    Lutz erforschte den Fussraum und stieß sich die kleinen Zehe an einem Schemel. Er ließ sich darauf nieder.
    Das Licht ging aus.
    »Du hast Probleme?«
    »Wie kommen Sie darauf?«
    »Weil du sonst nicht hierher kommst.«
    »Auch wieder richtig. Darf ich?«
    »Sicher.«
    Und Lutz schilderte seine Malaise, beginnend bei der Scheidung und dem überzogenem Konto, fortfahrend mit Obermaier, über die Leiche bis zu der fehlenden Kassette.
    Der Alte wartete, dehnte die Stille nach Lutz´ Erguss, bis er schließlich leise und damit umso erschreckender das Schweigen brach: »Dass ihr jungen Leute so von Maschinen abhängig seid. Wir hatten früher nur ...« Die Lampe blitzte kurz auf, gerade lange genug, dass Lutz sehen konnte, wie der Alte die Nase berührte. »... das und ...« Wieder blitzte die Lampe, diesmal Zeigen auf den Schädel. »... das. Und damit kamen wir hervorragend mit den Verbrechern zurecht. Naja, mit Jack the Ripper nicht.«
    »Ich wusste ja, dass sie ...« unterbrach Lutz den Alten. »... alt sind, aber so alt. Hätte ich nicht gedacht.«
    »Stimmt auch nicht. So alt wird kein Mensch. Was denkst du denn.«
    »Ach so.«
    »Genau. Ich will dir einen Rat geben. Nur einen, und der wird sich auch nicht um dein verpfuschtes Privatleben drehen, sondern um deinen Mörder, der dort draussen von der Polizei unbehelligt herum läuft, weil ihr nichts mehr von eurer Arbeit versteht. Also: Versetzt dich in Ihn, werde er, atme wie er, bewege dich wie er, sprich wie er, denke wie er und ihr werdet zusammentreffen. Oder überlass die Sache Profis wie dem BKA, wenn die sich schon vordrängen. Du darfst jetzt gehen.«
    »Aber... « wollte Lutz widersprechen, als er an die Beschreibung dachte: 90 - 60 - 90 und die Unmöglichkeit, auf die Schnelle eine Frau zu werden.
    »Du darfst gehen.«
    »Aber ...«
    »Du darfst gehen!!« Die Stimme des Alten hallte entfernend durch die Gewölbe, wurde irgendwo reflektiert und kam dröhnend zurück: »Du darfst gehen!!!« Der Effekt wiederholte sich, Lutz verpasste aber die nächste zurückkehrende Welle, er befand sich bereits weit auf dem Weg in den Lift und zur Freiheit, dem Lichte empor.
    »Und was hat mir dieser Ausflug ausser einem schwachsinnigen Ratschlag gebracht?« fragte er sich im Lift, worauf er sich die Antwort gab: »Ein Zittern.« und das hörte erst oben in seinem Büro auf.
    Aber Obermaier wäre schlimmer gewesen.
     
  6. Einfach Mensch

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    Als sich die Verdächtigen über die Erde hin zu vermehren begannen und aus ihnen Verschwörungen geboren wurden, sah Lutz, dass es viele waren und listete sie alle auf.
    Unter die Zeile:
    Kennedy, J.F.:
    schrieb er:
    Harvey Lee Oswald, CIA, Mafia, chinesische Triaden, KGB, Fidel Castro, die Freimaurer, die Rosenkreuzer, die Illuminaten allgemein, die urtümlichen bairischen Illuminaten im Besonderen, die Templer, die Assassinen, der Alte von heiligen Berg....
    Hier stockte ihm die Feder, besser gesagt, das Kugelschreiberstandardmodell, Stückpreis neun Pfennige bei einer gleichzeitigen Abnahme von mindestens tausend Stück ohne Werbeaufdruck, er sann darüber nach, ob diese Aufzählung auch für Roth, den hirnlosen Politiker, zutreffen könnte und alle überprüft werden müssten, einige waren sicher wieder unbekannt verzogen und machten die Arbeit nur noch anstrengender.
    Diese Inflation von Verdächtigen schien nicht unbedingt hilfreich und musste somit der falsche Weg sein.
    Zurück zu den Wurzeln. Sollte sich das BKA die arrogant gebleckten Zähne ausbeissen. Lutz holte die Kontoauszüge aus der Schublade, ordnete sie in die bankgewollte Reihenfolge und verbesserte geistig seine Bilanz und damit seine finanziellen Aussichten um die stillschweigend von Roth geliehenen Fünftausend. Die Welt wurde rosig, weich und flauschig.

    Der Traum fiel in sich zusammen, schrumpfte in ein dunkles Pünktchen materieller Absens und blähte sich erschreckend schnell zu Obermaiers hagerer, haariger, halbgebildeter Existenz auf.
    Obermaier installierte sich vor Neuigkeiten vibrierend hinter seinem Schreibtisch und ordnete seine Notizen nach Wichtigkeit, das Unwichtige zuerst, so bleibt die Spannung erhalten oder der Zuhörer schläft ein.
    Lutz versuchte in den Traum zu entkommen, aber das Rascheln der Notizblätter erinnerte ihn nicht, wie es nützlich gewesen wäre, länger an den schnell gewonnenen und unerwarteten monetären Zufluss, sondern nur noch an den steten Abfluss in Richtung Exfrau und ihrer Anwältin.
    Obermaier ignorierte oder noch schlimmer, nahm aus lauter egobezogener Betrachtungsweise absichtlich nicht die Qualen seines Gegenübers wahr, sondern stellte das Sortieren in Ruhe fertig und setzte dann zur Berichterstattung an.
    Lutz wagte einen letzten, aufhaltenden Ausfall, indem er Obermaier bat, Kaffee zu kochen und scheiterte kläglich an einer randvollen Thermoskanne. Da aber begab er sich in sein Schicksal und haderte nicht länger.
    Obermaiers Ausführungen starteten mit einer vollständigen Liste der Bewohner des Hauses im Ben-Gurion-Ring, allerdings nicht nach Stockwerken, sondern nach Alter geordnet, er hing der Theorie an, dass sich Mörder nur aus dem Altersspektrum von vierzehn bis fünfundfünfzig rekrutieren, darunter und darüber herrscht nur Totschlag.
    Lutz verlor nach dem dritten Namen den Überblick, aber er wusste aus früheren Aufführungen, dass dies kein Problem darstellte, Obermaier neigte zum Rekapitulieren und würde bei jeder Erwähnung einer Person alle Eigenschaften wiederholen. Lutz zählte die Leute mit Hilfe der Finger, Obermaiers Liste endete bei achtundzwanzig.
    »Wir haben also achtundzwanzig Verdächtige?« fragte er Obermaier.
    Obermaier schlug ein neues Blatt auf, fuhr mit dem Finger eine für Lutz nicht einsehbare Aufstellung entlang und korrigierte dann: »Fünfzehn.«
    »Wie kommt´s?«
    »Acht scheiden durch ihr Alter aus, zu jung oder zu alt, sechs weitere, weil sie ordentliche Frauen sind und so eine Sauerei nie anrichten könnten.«
    Lutz hatte mitgerechnet: »Das sind nur vierzehn.«
    »Du hast den grossen Unbekannten vergessen, den gibt´s immer.« konterte ein sich über seine, seinen Rechenfehler kaschierende, Schlagfertigkeit freuender Obermaier.
    Lutz schluckte seine Bemerkung hinunter und wurde dafür mit Quincy´s Mutmassungen über die Mordwaffe belohnt. Obermaier zählte die infrage kommenden Geräte und Werk-zeuge auf, stellte bald fest, dass Lutz mit den fachgerechten Bezeichnungen nichts anfangen konnte und holte aus seinem Koffer weiteres Papier: »Ich habe mir gedacht, dass du das nicht kennst und vorgesorgt.« Er legte den Prospekt eines Baumarktes auf den Tisch und unterstützte seine Erläuterungen durch einen hinweisenden Zeigefinger. Die bildverstärkten Schilderungen führte bei Lutz zu heftigen Empfindungen im Schädelbereich, er fühlte regelrecht, wie die verschiedenen Werkzeuge bei ihm angriffen und ihre Effizienz protzend nachwiesen.
    »Hast du ´ne Kopfschmerztablette für mich?« fragte er des-halb Obermaier.
    Die schmerzende Schilderung wurde suchend unterbrochen, die Schmerzen verschwanden, Lutz sagte: »Lass´ mal. Ich glaube, es geht schon wieder.«, Obermaier fuhr fort, die Phantomschmerzen kehrten an den Rand von Lutz´s Schädeldach zurück, Lutz stöhnte: »War nix. Ich brauch´die Tablette doch.«, Obermaier suchte und fand, Lutz schluckte, Obermaier fuhr fort, Lutz litt und dann war die Aufzählung der Möglichkeiten beendet und die Tablette wirkte, schnell und zuverlässig, »klick« schaltete sie den Schmerz ab.
    »Sonst noch was von Quincy?«
    »Er meint, der Mörder sei ein begabter Handwerker oder Metzger oder Chirurg.«
    »Und wieviel sind davon unter den Verdächtigen?«
    »Nur der grosse Unbekannte.«
    »Immerhin, ein Anfang.«
    Obermaier schlug die abgearbeitete Seite seines Notizblocks um und fuhr fort: »Wir haben die Wohnung durchsucht und dabei festgestellt, dass Roth nicht nur Briefmarken gesammelt, sondern auch mit zahlreichen Organisationen korrespondiert hat. Zum Beispiel mit den Rosenkreuzern oder dem Club der Umberto-Eco-Freunde-,-aber-nur-bis-zum-Foucault¬schen-Pendel, was immer das auch bedeuten mag.«
    Lutz konnte endlich die Belesenheit seiner Ex anbringen: »Eco ist ein Schriftsteller, z.B. im Name der Rose, das Pendel ist ebenfalls ein Buch von ihm. Es gibt Leute, die sind der Meinung, dass nachher nichts mehr Nennenswertes von ihm kam.«
    »Du liest?« fragte Obermaier bestürzt, sein Weltbild wankte.
    »Beruhig´ dich. Ich hab´ den Film gesehen. Mit Sean Connery, dem bis zur Vollkommenheit gereiften James Bond.« Lutz lehnte sich zurück und sinnierte: »Also hat er mit einer ganzen Menge Spinner Kontakt gehabt. macht uns die Sache nicht leichter.«
    »Der Schriftwechsel beschäftigt sich meist nur mit Belanglosigkeiten und klingt nicht gefährlich, eher so, als ob sie sich alle gegenseitig auf die Schultern klopfen. Aber das solltest du dir anschauen.« Obermaier legte einen Aktenordner auf den Tisch und schob ihn Lutz zu.
    Der schlug den frontseitigen Deckel auf und wurde von einem kalligraphischen Titelblatt empfangen: Gesellschaft der Förderer der umfänglichen Markierung des Äquatorialkreises. Weisse Sektion.
    Hinter diesem Titelblatt lag das für moderne Augen unleserliche Faksimile eines urkundenähnlichen Blattes, dem eine mit profanen Schreibmaschinenlettern beschriftete Seite angeheftet war, die Übersetzung:

    Ich, Freiherr Hieronimus von Münchhausen, besser bekannt als der verleumdete Baron von Münchhausen, gebe hiermit kund und zu wissen, dass ich und sieben aufrechte Männer in einer wüsten Raunacht des Jahres 1777 dieses Dokument im vollen Bewusstsein angefertigt und gesiegelt haben.
    Unser unverbrüchlicher Sinn stand uns danach, den gesetz-, recht- und sittenlosen Zustand in den südlichen Ländern der dem Gottseibeiuns verfallenen Heiden in festem Glauben und im Vertrauen auf unsere Sendung für alle Zeiten zu beenden.
    Auf meinen zu unrecht und willkürlich in üblen Leumund gebrachten Reisen während meiner glücklichen Zeit in der Gefangenschaft des Sultans, eines Mannes, dessen Lauterkeit und tiefes Verständnis für die weitreichenden Erfahrungen eines Soldatenlebens nicht hoch genug gelobt werden können, während diesen Reisen bin ich, nach Nachricht meiner eingeborenen Führer bis in jene Gefilde vorgedrungen, in denen unsere Weltkugel in einen oberen und unteren Teil geschieden wird.
    Ich habe es sorgsam vermieden, diese Trennungslinie zwischen festem Halt und Haltlosigkeit auf unserer Welt zu überschreiten, obschon ich sie nicht sehen oder spüren konnte.
    Eingedenk der sintemalen knapp entgangenen Gefahr des für einen rechten Christenmenschen unwürdigen Zustandes der Haltlosigkeit beschlossenen die versammelten, aufrechten und unterzeichnenden Bürger zukünftigen Generationen durch eine deutliche und peinlich genaue Markierung des Verlaufes dieser für das Seelenheil wichtigen Grenzlinie die freie Entscheidung über die eigene Festigkeit zu geben, ohne die fragwürdige Assistenz eingeborener Heiden ästimieren oder zur Hilfe nehmen zu müssen.
    Gegeben zu ... am ...

    Lutz brauchte ziemlich lange, bis er wieder atem- und luftholend, fähig war zu reden, er prustete: »Obermaier, das...«, tiefer Atemzug und weiter: »... willst du mir...« noch ein Atemzug: »... doch nicht als grossen Unbekannten verkaufen.« Lutz lehnte sich zufrieden nach diesen ersten Ausbruch zurück, nur um sofort einen neue Salve Gelächters auf den verdutzten Obermaier abzuschießen, der es aufgab, in diese wilden Geräusche hinein zu antworten.
    Dann wurde es still im Büro und Obermaier nutzte die Gelegenheit zuerst, er haspelte seine Rechtfertigung: »Aber diese Freunde sind heute noch aktiv. Es gibt fünf Ordner Schriftverkehr. Später hat sich die Gesellschaft aufgespalten. Das Schisma entzündete sich an der Art der Markierung, sie trennten sich in einen weisse und eine schwarze Sektion auf. In der Anfangszeit der Spaltung, Duelle waren damals noch erlaubt, rotteten sich die Mitglieder fast ganz gegenseitig aus. Und selbst heute bedrohen sie sich.« Er sah Lutz forschend an: »Für was hältst du den kreisförmigen Schnitt an Roths Schädel?«
    »Das glaubst du doch nicht wirklich? Oh nein. Doch? Für den Äquator?«
    »Liegt ziemlich nahe.«
    »Egal. Das BKA hat den Fall übernommen, sollen die sich mit Irren herumschlagen. Du hast diesen Schmidt doch informiert.«
    »Welchen Schmidt?«
    »Schmidt, BKA Wiesbaden und zuständig für tote Politiker.«
    »Kenn´ ich nicht.«
    »Ich hab´ den zu dir geschickt. Das war vor fünf Stunden.« schlug Lutz unterstützend mit der flachen Hand im Takt.
    »Ist nie bei mir angekommen.« telegraphierte Obermaiers Faust auf dem Tisch.
    »Geschickt.« Lutz´ Hand.
    »Nicht angekommen.« Obermaiers Faust.
    »Geschickt.« Lutz´ Hand.
    »Nicht angekommen.« Obermaiers Faust.
    »Geschickt.« Lutz´ Hand.
    »Nicht angekommen.« Obermaiers Faust.
    Der Dialog hätte sich sicher bis zur vollständigen Erschöpfung beider Kontrahenten fortgesetzt, wenn nicht die Vorsehung oder die Telefonzentrale, suchen Sie sich das aus, was ihrem Lebensstil entspricht, gleichzeitig beide Telefone beaufschlagt hätte.
    Lutz streckte Obermaier den Hörer hin: »Es ist Schmidt.«
    Obermaier kopierte die Geste, aber nicht den Text: »Es ist der Chef.«
    Da es ziemlich verwirrend wäre, die beiden nun folgenden Telefonate parallel zu berichten, folgen wir dem Prinzip des höheren Dienstgrades und schildern Lutz´ Gespräch. Für Obermaier als einfacher Kommissar bleibt nur der undankbare zweite Platz des nachträglichen Berichts in indirekter Rede.
    »Lutz.«
    »Altmark.«
    Hier müssen wir schon wieder den rasenden Zug der Ereignisse erklärend stoppen. Altmark ist kein Name für einen echten Menschen und so verhielt es sich auch mit den Chef. Altmark war der Deckname in seiner aktiven Zeit als verdeckter Ermittler gewesen und er hatte ihn beibehalten, nach seiner Beförderung zum Kriminaldirektor, da Altmarks Gegner aus früherer Zeit immer noch im Geschäft waren und immer noch auf seine Liquidierung sannen. Altmark hatte sich entsprechend eingerichtet und durch seine zurückgezogene Art vermieden, dass sein durch Operationen umgestaltetes Aussehen bekannt wurde, er traf seine Mitarbeiter nie persönlich, sondern herrschte durch Aktennotizen, Anordnungen und Telefonate.
    Eigentlich unterschied er sich in seimen Führungsstil nicht gross von den Kollegen ohne diese spezielle Vergangenheit.
    Nehmen wir den Faden des Telefonats wieder auf, es hatte sich von »Lutz« über »Altmark« bis zur gerade genutzten Pause entwickelt, die durch Altmark mit einem Räuspern beendet wurde: »Sie haben kampflos einen Fall abgegeben!«
    Lutz schluckte, ein schlechter Anfang.
    »In meiner Stadt ermitteln nur wir. Klar. Machen Sie sich an die Arbeit.«
    »Aber das BKA...«
    »Vergessen Sie diese hochbeförderten Trottel. Sie ermitteln. Keine Widerrede.«
    »Okay Chef.«
    »Haben Sie schon einen konkreten Verdacht?«
    Lutz überlegte. Die seltsame Gesellschaft wollte er nicht unbedingt erwähnen, Altmarks Reaktionen waren unabsehbar, aber auf jeden Fall erschreckend. Er antwortete: »Nein, aber Richtungen.«
    »Dann bewegen Sie sich in dorthin.« Es wurde aufgelegt.
    Lutz atmete tief durch, hörte am Rande wie Obermaier U- und S-Bahn-Linien nannte, die Kombination hörte sich so an, als ob sie nach Mainz führen würde. Dann legte Obermaier auf.
    »Was war?« fragte Lutz.
    »Hat sich verirrt und findet seinen Wagen nicht mehr. Hab´ ihm einen umständlichen Heimweg erklärt. Für heute sind wir ihn los. Der Chef will, dass wir ermitteln?« und in Obermaiers Augen leuchtete die pure Jagdlust.
    »Ja« resignierte ein sehr mühseliger und beladener Lutz und fragte dann: »Wo finden wir diese Gesellschaft?«.
    »Schon unterwegs.«
     
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    Darauf sprach der Lutz zu Obermaier: Geh´ auf den Beifahrersitz, du und dein ganzes Gelärsch, denn ich habe gesehen, dass du unter den Zeitgenossen der schlechteste Autofahrer bist.
    Sie parkten schweigend in einer der schmalen Nebenstrassen in Sachsenhausen vor der von Obermaier ermittelten Adresse.
    Obermaier verzichtete nach dem vorangegangenen Bruch einer langen fahrerischen Tradition (Hol´ den Wagen, Harry) (Wer´s nicht erkannt hat: Derrick, Folge 1ff) (Oder haben Sie wirklich geglaubt, der Autor könnte diese Institution auslassen?) sogar auf Kritik der gewählten und äusserst exponierten Parkposition.
    Ganz konnte er aber nicht zu den Taten seines Vorgesetzten schweigen: »Willst du nicht abschließen?«
    »Warum, ist doch nicht mein Privater, sondern ein Polizeiauto.«
    »Das sieht man aber nicht.«
    »Richtige Gauner spüren sowas.«
    »Und die Nachgemachten?«
    »Können nicht fahren.«
    »Bist du dir da ganz sicher?«
    »So sicher« sagte Lutz, öffnete die Tür, steckte den Schlüssel in´s Zündschloss und schlug die Tür zu: »So sicher.« bestätigte er und: »Meine Theorien funktionieren nämlich.« legte er nach und marschierte in Richtung Eingang.
    Obermaier wollte sich anschließen, blieb dann aber stehen, holte sein Handy aus der Tasche und wählte seinen Bekannten bei der Verkehrspolizei an.
    »Was ist? Kommst du?« rief Lutz in das Rufzeichen.
    »Moment.« antwortete Obermaier schreiend und fuhr dann leiser in den Apparat fort: »Habe hier einen üblen Falschparker, die Stelle ist .... Danke«, klappte das Handy zusammen und ging über die Platten des Weges des Vorgartens des Hauses der Gesellschaft.
    An dem schweren, einem Burgtor nachempfundenen Portal hing ein leuchtfarbenes (orange auf schwarzen Grund) Schild: Geöffnet. Lutz versuchte abwechselnd einen der beiden Flügel drückend zur Freigabe einer Öffnung zu bewegen, hatte aber so viel Erfolg, als ob er das Haus verschieben wollte.
    Obermaier griff an ihm »Kneipentüre.« sagend vorbei und zog erfolgreich an einem Flügel des Portals, der öffnete sich, und da er gut geölt war, ohne jegliches Ächzen oder ähnliche Geräusche.
    »Bitte.« Obermaier hatte das Portal aufgezogen und war auffordernd zur Seite getreten. Lutz stand immer noch regungs- und fassungslos da, als Sachsenhäuser Einwohner musste er für das Nichterkennen einer Kneipentür mit seiner Ausweisung rechnen, sollte es sich herumsprechen, und Obermaiers Anwesenheit war sowas wie eine Garantie dafür. »Danke. Du könntest auch hierher ziehen.« fädelte Lutz seine Entlastungsstrategie ein und fuhr fort: »Prüfung bestanden.«
    Obermaier grinste reichlich säuerlich und schwieg, eine freundliche Antwort ging im Moment über seine Kräfte, aber seine Zeit würde noch kommen.
    Lutz spürte die mangelnde Überwindung bei seinem Kollegen und dachte: »Wieder knapp unter der Grenze zur Körperlichkeit geblieben.« und: »Meine Zeit kommt noch.« Er zog lernfähig den rechten Flügel der Windfangtür auf, nur um vom linken Flügel dieser infamen Pendeltür und Obermaiers elegantem Aufdrücken frustriert zu werden.
    Sie traten nebeneinander in das Vor- und Empfangszimmer der äquatorialen Gesellschaft ein und fanden sich in einem Labyrinth von Globen wieder, alle mit einer deutlichen, wenn auch variantenreichen Markierung der Trennungslinie an der reichlichen Taille versehen.
    »Kommen Sie ruhig näher, meine Herren.« krächzte eine alte Stimme aus dem rechten und damit Lutz näheren Bereich. Der streckte seine schon sonst nicht niedrige Körperhöhe, nahm noch die Zehenspitzen zu Hilfe und ahnte hinter einem besonders schönen, besonders grossen Prachtstück barocker, zumindest legten die üppigen Verzierungen der Weltmeere diese Epoche nahe, also, er entdeckte hinter dem durch dieses Prachtstück gebildeten Horizont die anheimelnde Morgenröte der Zivilisation.
    Lutz schlängelte sich zwischen den unterschiedlich grossen, aber immer perfekt kugelförmigen Körpern durch, er verließ sich darauf, dass ihm Obermaier folgen würde, und hielt sich immer rechts, wenn er die Auswahl hatte, ein altes Hausmittel gegen Verirrungen.
    Das Zimmer erwies sich als wesentlich grösser, als es von der Tür aus erschienen war, es schien die ganze Fläche des Hauses einzunehmen, ebenso ließ die in der Dunkelheit über ihren Köpfen nicht erkennbare Decke darauf schließen, dass der Raum die ganze Höhe des Hauses einnahm. Der Weg zur Morgenröte war weit, verwinkelt und mit falschen Abzweigungen gespickt.
    Dann erfüllte sich die Dunkelheit zwischen den beiden vorausliegenden Globen, oder sollte es besser heissen, zwischen den vorausstehenden Globen, nein, passt auch nicht, noch einmal von vorn.
    Dann erfüllte sich die Dunkelheit zwischen den beiden Globen voraus (Na?) mit Licht und sie traten durch die beleuchtete Lücke auf eine mit einem alten, sehr alten und eichenen Prachtstück von herrschaftlichem Schreibtisch besetzte Lichtung am Rande dieses Hains totaler Globalisierung.
    »Treten Sie näher.« forderte sie die alte Stimme auf, immer noch krächzend, aber wesentlich stärker und fuhr freundlich fort: »Nehmen Sie Platz.«
    Die beiden Kripobeamten fanden erst zwei Sessel vor dem Tisch und dann darin Platz. Die Sessel griffen das beherrschende Thema des Saales auf und bestanden in der Hauptsache aus einem Viertel einer aufgeschnittenen und ausgehöhlten Kugel, die Arme kamen von selbst auf dem oberen Rand zu liegen und der teilte seine Struktur der weichen Haut auf der Innenseite des unteren Teils mit, dieser Abschnitt des Äquators war als starkes Tau ausgeführt und hielt den Rest der Welt zuverlässig zusammen.
    Die durch das Sitzen veränderte Augenhöhe hob die Blendwirkung der beiden neben dem Schreibtisch stehenden, von innen heraus leuchtenden Globen auf und der Besitzer der alten Stimme wurde schemenhaft sichtbar, er sass ebenfalls in einem Weltsessel und passte zu seiner Stimme.
    »Sie sind keine Mitglieder in unserer Gesellschaft.« stellte der Alte fest. »Wir haben selten Besuch von Ausstehenden, unsere Aktivitäten finden nicht immer das Verständnis, das sie verdienen. Wie kann ich ihnen helfen?«
    Obermaier wollte seine Dienstmarke vorzeigen, wurde von Lutz durch ein schnelles Klopfen auf die Finger daran gehindert, ebenso durchkreuzte Lutz mit: »Wir haben von der Gesellschaft gehört und wollen uns informieren.« den bereits formulierten Satz: »Wir sind von der Mordkommision.«.
    Dem alten Mann in der nur schwach aufgehellten Dunkelheit hinter dem Tisch war der Dissens vor dem Tisch nicht entgangen, wahrscheinlich fiel das Licht beiden Kugellampen in die Richtung der Polizisten, er lächelte und stellte sich vor: »Baron Münchhausen.«
    Die folgende Stille tropfte ebenso hörbar in den Raum wie das Kerzenwachs auf den gewölbten Boden der Leuchter.
    »Aber Sie sind doch 1796 auf Seite 327 Ihres Buches gestorben.« Lutz hatte in seiner Jugend das fragliche Buch in einem Anfall manischer Weltflucht so oft gelesen, bis es ihm unauslöschlich in die Struktur seines Hirns eingeprägt war, leider nutzten ihm diese Kenntnisse im Alltag sehr wenig, um ehrlich zu sein, er hatte sie bis jetzt nicht einmal anwenden können.
    »Sie haben sich mit meinem multiplen Urahn intensiv beschäftigt, wie ich höre.« Der Baron beugte sich zu Lutz. »Ich bin der benachteiligte Nachkomme, und das auch noch aus dem minderen, erfolglosen Zweig. Die Hauptlinie derer zu Münchhausen hat das Talent des Ahns geerbt und ist heute erfolgreich in der Medienindustrie tätig. Für mich blieb die Wahrung des Andenkens in Form dieser Stiftung.«
    Obermaier war lange zur unbeteiligten Stille gezwungen gewesen und musste jetzt einfach einen Bemerkung loswerden, wollte er sich nicht der Gefahr eines Schlaganfalls aussetzen. Er insistierte: »Kennen Sie einen Peter Roth?«
    »Aber ja. Das ist unserer Ehrenvorsitzender. Warum fragen Sie?«
    Lutz riss die Initiative mit der Bemerkung: »Er hat uns auf die Stiftung aufmerksam gemacht.« wieder an sich. Diese Bemerkung musste als wahr eingeordnet werden und belastete sein Gewissen nicht. Um nicht schon wieder in´s Hintertreffen zu geraten, fuhr Lutz offensiv mit der Lüge: »Er meinte, Sie würden uns alles ausführlich erklären können.« fort.
    Der Baron nickte langsam und wissend, schien seine Gedanken gleichsam ordnend in die richtige Reihenfolge zu kippen. Der Vorgang schloss mit einem ruckhaften Schütteln des Kopfes, wahrscheinlich wurden jetzt die Fakten in die Fächern des alte Schädels griffbereit gerüttelt. Dann sprach er: »Nachdem mein Urahn diese Gesellschaft aus der Taufe gehoben hatte, wurde beschlossen, alsbald den Absichten Taten folgen zu lassen. Mein Urahn, der Freiherr, bot einen Posten weisse Farbe zu äusserst günstigen Konditionen an, er war durch ein waghalsiges Warentermingeschäft in ihren Besitz gekommen. Die Anregung stieß auf freudige Aufnahme, bis auf die Brüder Küpper, die aus dem selbem Geschäft schwarze Farbe zur Verfügung hatten und dem Baron infamerweise unterstellten, dass er sich auf Kosten der anderen Mitglieder der Gesellschaft bereichern wolle. Es kam zum Streit und die Brüder Küpper trennten sich von den restlichen Mitgliedern. Seitdem gibt es zwei Sektionen, die weisse und die verabscheuungswürdige schwarze, die mit dieser Farbe des Bösen unsere christliche Welt teilen möchte. Die Brüder Küpper fanden später in Gottfried August Bürger einen willigen Helfer, den sie für ihre verleumderischen Zwecke einspannten und dem sie das ihnen bekannte...« Er wies auf Lutz »...Lügenbuch finanzierten. Trotz dieses Unheils in der Früh-zeit der Gesellschaft wurde der hohe Zweck nie aus den Augen verloren und unter grossen Opfern immer an seiner Verwirklichung weitergearbeitet. Bis heute.«
    »Und welche Teile des Äquators sind schon markiert?« fragte Obermaier.
    »Sie stellen sich ein so grosses Werk so einfach wie das Tünchen einer Wand vor.« wies der Baron Obermaiers vorwitzige Frage als unzulässig zurück. »Wir sind immer noch in der Phase der Vorbereitung, die Farbe ist vorhanden, der Verlauf der Linie ist ermittelt, jetzt...« und hier brach der Alte ab, als ob er in Gefahr gestanden hatte, Wesentliches preiszugeben.
    Lutz hakte sofort in die preisgegebene Öse der Unsicherheit ein: »Was läuft jetzt?!«
    Aber der Moment war unwiederbringlich vorbei, der Alte hatte sich wieder gefangen und antwortete ruhig und fast schon arrogant: »Jetzt suchen wir Mitglieder, die uns bei der endgültigen Realisierung des Grossen und Edlen Vorhabens tatkräftig helfen, junge und kräftige Leute wie Sie.« und er klatschte beidhändig Papiere auf den Tisch: »Das sind die nötigen Formulare, die füllen sie aus, kommen wieder und wir werden weiter sehen.«
    Obermaier und Lutz wollten fragend protestieren, Lutz war sogar jetzt bereit, die bisher gewahrte Deckung aufzugeben, als ihre Sessel nach hinten kippten und in rasender Fahrt, zumindest hatten beide das Gefühl hoher Geschwindigkeit und heftiger Bewegung, aus den Leuchtbereich der Lampen glitten. Die Wand schien sich zu öffnen und sie wurden in den Vorgarten, sanft, aber ohne Gelegenheit zu Gegenwehr, gekippt.
    Lutz landete auf allen Vieren, sprang aus dieser tierisch unziemlichen Haltung auf und rannte zur Eingangstür.
    Dort leuchtete ihm, immer noch orange auf schwarzen Grund, das Schild entgegen, nur der Text hatte gewechselt: Geschlossen. Die Tür ließ sich weder mit Ziehen noch Drücken bewegen.
    »Obermaier!«
    »Ja. Hier auf dem Boden.«
    »Nimm dein Handy und fordere Verstärkung an.«
    Nach einer Pause kam Obermaier und mit ihm das Eingeständnis: »Der Akku ist leer.«
    »Dann den Funk im Auto.«
    »Welches Auto?«
    Und wirklich, die gewählte und exponierte Parkposition war leer, so leer wir Obermaiers Akku.
    »Alles alle?« lallte Lutz in seiner Niederlage.
    »Alles alle!« bestätigte Obermaier mit den letzten Worten dieses Kapitels.
     
  8. Einfach Mensch

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    Da dachte der Killer an Lutz.
    Die helle, wenn auch schäbige Sicherheit ihres Büros er-schienen Lutz und Obermaier wie eine Oase in der Wüste der Transportwidrigkeiten. Von Sachsenhausen bis zur Polizeidirektion sind es, Staufreiheit vorausgesetzt, sieben Minuten, es sei denn, man besteht darauf, die Strecke zu Fuss zurückzulegen, dann dauert es eine dreiviertel Stunde, die es übrigens auch dauert, wenn man nicht aus freiem Willen, sondern in-folge der Verkettung unglücklicher Umstände wie verschwundenes Auto, leerer Akku, sowie dem ausschließlichen Besitz von fünf Tausendmarkscheinen und der Unfähigkeit, diese unauffällig zu wechseln, zu Fuss unterwegs ist.
    Obermaier hatte Schuhe und Socken ausgezogen, Lutz erwartungsgemäss die Nase gerümpft, dafür die Bemerkung: »Wir Assistenten müssen immer die Laufarbeit machen.« kassiert, und nun durfte er an den Bemühungen einer Blasenbekämpfung teilhaben. Ekelhaft.
    Der lange Fussmarsch mit seinen Erlebnissen (Die Besatzungen der vorbeikommenden Streifenwagen hatten Lutz´ hektische Anhaltewünsche mit freundlichem Zurückwinken quittiert.) hatte seine Wut stufenweise kanalisiert und gemildert, Lutz beruhigte sich bis zur Beklemmung über die ausstehende Verlustmeldung seines Fahrzeuges.
    Obermaier machte wenig hilfreiche Vorschläge für die Formulierung, die in Lutz das Gefühl der Ausweglosigkeit weiter verstärkten, jetzt auf zwei Säulen gegründet und damit kippsicher ruhend.
    Dieser niedergeschlagene Lutz also sass in dem hier und heute angenehm wirkenden Büro und suchte an seiner Situation irgendetwas Angenehmes zu entdeckten, als ihm zufällig der Packen Scheine, die er bei Roth requiriert hatte, der sie aller Voraussicht nach nicht mehr brauchte, zwischen die Finger kam.
    Mal ganz ehrlich, glauben Sie an solche Zufälle? Nein! Der Autor eigentlich auch nicht, aber uneigentlich folgt der Autor seiner Konzeption dieser Geschichte und stellt so ein herausragendes und nicht widerlegbares Beispiel für einen allmächtigen Determinismus dar. Und da er dem Lutz ein kleines, schnell vorübergehendes Glücksgefühl gönnt, ist die Vorbestimmung dieses Zufallsfundes zu diesem Zeitpunkt nötig.
    Lutz blätterte einhändig verdeckt in der Tasche die Enden der Scheine um und zählte mit. Mit grösser werdenden Zahl stieg sein Wohlgefühl und ab Zwanzigtausend träumte er von grenzenloser Freiheit, Sommer, Sonne, Strand und scharfen Miezen.
    Lutz drehte mit geschlossenen Augen das Bündel Scheine immer weiter zwischen Daumen und Zeigefinger, erreichte den unvorstellbaren Betrag von Hunderttausend, als drei Dinge gleichzeitig auf ihn eindrangen:
    a) Es meldete sich das Telefax
    b) Die Türe öffnete sich und Schmidt, BKA trat ein.
    c) Ihm ging auf, dass er immer die gleichen Scheine zählte.
    Frage: Welches der drei synchronen Ereignisse wird von Lutz als besonders störend empfunden und wie reagiert er darauf?
    Antwort: Alle drei und siebenundvierzig, Entschuldigung, falsches Buch, neuer Versuch: Alle drei und einundzwanzig, Scheisse, schon wieder hat sich ein fremdes Buch dazwischen gedrängt, letzter und endgültiger Versuch: Alle drei und erschreckt, na also, war doch garnicht so schlimm.
    Falls Sie die beiden anderen Bücher erraten haben, gehen Sie unverzüglich in die nächste Buchhandlung und stimmen mit ihren Kaufverhalten ab.
    Nach der obigen Entgleisung fahren wir mit dem erschreckten Lutz im ruhigen, breiten Strom der Erzählung fort (Ruhe im Saal).
    Lutz sass schlagartig kerzengerade auf seinem Stuhl und arbeitete die Ereignisse a - c in umgekehrter Reihenfolge ab, in-dem er die fünf, eindeutig nur fünf, aber immerhin fünf Scheine losließ, Schmidt freundlich begrüsste: »Grüss Gott, Kollege kommt gleich.« und das Faxgerät mit angestrengter Missachtung strafte.
    Leider ließen sich der wütende Schmidt (»So lasse ich nicht mit mir umgehen.«) und das Faxgerät (Dank Obermaiers verräterischer Hilfe) so nicht abwimmeln, sie bestanden weiter-hin auf ungeteilte Aufmerksamkeit.
    Schließlich lagen ein Fax und Schmidts haarige Hand unüberseh- und gut sichtbar auf Lutz´ Schreibtisch.
    In einem solchen ausweglosen Konflikt gibt es nur die Möglichkeit, sich als Individuum in die Tröstungen des Wahnsinns zurückzuziehen, Lutz blieb dieser Ausweg verschlossen, da er bereits seit langer Zeit jenseits der Trennlinie lebte (Für Interessierte: Die Situation, in der Lutz seinen Grenzübertritt vollzog, begann mit den Worten: »Du Schatz, ich möchte dir meine Scheidungsanwältin vorstellen...«).
    Lutz wählte die zweitbeste Variante, er nahm die seitliche Arabeske in Anspruch und brachte Schmidt und das Fax zusammen: »Das ist sicher von unserem Killer, schon das zweite heute.« Und siehe da, drei Köpfe beugten sich über das Papier und lasen:

    Ene, mene, miste,
    Krank ist meist die Zyste,
    Ene, mene, muh,
    Richten tut die Kuh.



    3. Hinweis für Bullen:
    Das waren drei Leerzeilen und noch nicht das Ende. Es folgen zwei weitere Leerzeilen und dann wieder Text.


    4. Hinweis für Bullen:
    Wer suchtet, der findet. Warum in die Ferne schweifen, wenn die Gute liegt so nah. Lieber eine Tote auf dem Dach als nur ein Fax in der Hand.

    »Und was soll die Scheisse?« brach es unpassend aus den untadeligen Erscheinungsbild Schmidts.
    »So fing es bei Roth auch an. Aber da hatten wir eine Adresse.« dachte Obermaier vorlaut nach.
    Nur Lutz schwieg und schwieg, sich geschickt den Anschein angestrengten Nachdenkens gebend und in Wirklichkeit bewegte er keinen einzigen Gedanken.
    Als die beiden Anderen realisierten, dass Lutz das Schriftstück unkommentiert lassen würde, begannen sie in immer schnellerem Rhythmus Vermutungen über die wahrscheinliche Fundstelle der Leiche, denn daran hatten sie keinen Zweifel, anzustellen:
    »In einem Krankenhaus?«
    »Da sind zuviele Leichen, keine Chance unsere zu finden.«
    »Im Park, wegen der Kuh, die braucht Gras?«
    »Zuviel los.«
    »Im Fundbüro?«
    »Im Reisebüro?«
    »Im Bus?«
    »?«
    »Das Gute liegt so nah.«
    »Auf dem Dach?«
    Die beiden Rater hatten das Fax bis zum Ende durchgearbeitet und waren die Fragezeichen nicht losgeworden. Ratlos blickten sie auf den unbeteiligt dasitzenden Lutz.
    »Wie spät ist es eigentlich?« kehrte Lutz aus ungeahnt- und genannten Fernen zurück.
    »Gleich fünf.«
    »Ich hab noch einen Termin.« nutzte Schmidt die Gelegenheit rechtzeitig von dieser unappetit- und unerfreulichen Szene abzugehen.
    »Eigentlich sollte ich auch gehen.« wollte sich Lutz an-schließen.
    »Und das?«
    »Wenn du willst, kannst du. Ich gebe dir freie Hand.«
    »So nicht. Du kannst mich nicht alleine lassen.«
    »Können kann ich. Soll ich wollen wollen?« Lutz stand auf und ging zur Tür.
    Obermaier sprang ihm in den Weg. »Ich verrat dir auch, wo dein Auto ist.«
    »Aha?«
    »Das ist abgeschleppt worden.«
    »AHa?«
    »Weil es falsch geparkt war.«
    »AHA?«
    »Und ich den Grünen Bescheid gestossen habe.«
    »Aha.«
    »Ich hol´s zurück?«
    »AHa.«
    »Ich ruf´ gleich an?«
    »AHA.«
    »Soll ich?«
    »Mmhh!«
    »Hallo, wir suchen einen blauen Vectra mit Frankfurter Kennzeichen, der heute Mittag in Sachsenhausen abgeschleppt wurde. ... Was heisst hier, habt ihr nicht. ... Wirklich. Und das ist sicher. ... Danke.«
    »AHa!«
    »Sie haben ihn nicht abgeschleppt.«
    »AAAAAHHHHHHHH!!!!«
    Der Schrei verebbte.
    Lutz: »Dann sollte ich wohl besser Überstunden machen.«
    Obermaier: »Ich auch.«
    Lutz: »Gehen wir aufs Dach.«
     
  9. Einfach Mensch

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    Dann verfluchte Lutz den Killer und seine Söhne und maulte zu ihnen: Seid unfruchtbar, verringert euch und verlasst die Erde.
    Das Dach der Polizeidirektion erwies als das Falsche, keine Leiche und auch nicht der Anschein eines Hinweises. Lutz blickte über die abendliche Stadt und die vor der untergehen-den Sonne ragenden Tower, streifte interesselos das nebenliegende Justizgebäude, fixierte den stockenden Feierabendverkehr auf der Friedberger Landstrasse, dachte über das Dach des Justizgebäudes nach und wurde in seinen Überlegungen von Obermaier unterbrochen: »Da drüben liegt was, was nicht hingehört.«
    »Gerade wollte ich dich darauf aufmerksam machen. Du hast ziemlich lange gebraucht.« wehrte Lutz ab, bevor er seinen Blick an Obermaiers ausgestreckten Arm heftete, ihm dann folgte und schließlich bei einem dunklen Bündel landete.
    »Geh´ mer.« dialektisierte Lutz.
    »Ganget mer.« assistierte Obermaier.

    Der Pförtner am Justizpalast (da unsere demokratisch ein-gesetzten Beamten den Obrigkeitsgedanken aus der Zeit vor 19-14 in unsere Republik eingebracht haben, scheint mir das Wort Palast durchaus gerechtfertigt. [Der Autor] ) verwehrte standhaft mit dem Argument: »Feierabend« den Zutritt und ließ sich auch nicht durch die hinter Lutz und Obermaier auf-laufende Spurensicherung beeindrucken. Die Portale der Gerechtigkeit blieben der Polizei verschlossen.
    Quincy löste das Problem medizinisch, indem er dem Mann hinter dem kugelsicheren Glas eine kostenlose Prostatauntersuchung im Tausch gegen den Zutritt anbot. Pförtner neigen zu Hypochondrie, sie lesen in den langen, einsamen Nachtschichten auch die medizinischen Ratgeber in den Zeitschriften und beschaffen sich so die Beschreibung der Symptome, an die sie dann selbst glauben und auch endlich leiden. Dieser Pförtner bildete die Regel und nicht die Ausnahme.
    Der inzwischen auf 20 Leute angewachsene Trupp stürmte den vorhandenen Aufzug, verkeilte die Tür und verhinderte erfolgreich die Auffahrt. Die erste Erregung glättet sich schließlich und die Unbeteiligtsten fuhren nach oben.
    Lutz, Obermaier und Quincy gingen als vierte und letzte Fuhre, der Arzt murmelte sowas wie: »Ekelhaft wenn die Kundschaft sich noch bewegt.«.
    Der Fundort auf dem Dach war ziemlich leicht auszumachen, die vorherigen Aufzugsinhalte hatten sich zu einem interessiert vorgebeugten Kreis formiert.
    »Macht Platz!« rief Obermaier, »Platz für des Königs Leute!« und wirklich, es tat sich eine schmale, aber doch erkennbare Lücke auf und die Drei traten in die Runde.
    Die Frau, denn es war unzweifelhaft eine Frau, wenn sie auch einen männlich strengen Anzug und eine Krawatte trug, deren konservatives Muster sich ziemlich mit den expressionistisch verteilten Blutflecken biss, diese Frau lag auf dem Rücken und zeigte dem Himmel kein Gesicht.
    »Siehst du den Schnitt, woran erinnert er dich?« flüsterte Obermaier Lutz zu.
    »Ist das das gleiche Werkzeug wie heute morgen?« fragte Lutz.
    »Sieh so aus. Heute morgen fehlte das Dach, jetzt die Front.« antwortete der Quincy.
    »Vielleicht wollte er die Identifikation erschweren.« mutmasste Obermaier.
    »Unwahrscheinlich,« berichtigte der Quincy und zog aus der Innentasche des Jacketts eine Brieftasche, die er an Lutz weitergab: »Sonst hätte er das mitgenommen.«
    Lutz fand einen Personalausweis: »Lütze - Bärmann, Amalie Theodora.«, dann eine Visitenkarte, mit dem gleichen Namen und der Berufsbezeichnung: »Richterin.«
    »Sie starb in Aufopferung ihrer Pflicht.« deklamierte ein stehender, aber von der Hackordnung her so richtig benannter Hinterbänkler unqualifiziert.
    »Das muss in Aufopferung für ihre Pflicht heissen.« korrigierte vorlaut Obermaier.
    Hinter Lutz brach ein diskutierendes Stimmenchaos aus, vor ihm kniete Quincy untersuchend neben der Leiche. Dann stand der Arzt auf und ging zielsicher zu Lutz: »Bevor Sie fragen. Sie ist seit gestern Abend tot. Die Ursache ist offensichtlich. Mehr gibt´s im Moment nicht.«
    Lutz nahm die Information gefasst entgegen und rief: »Obermaier.«, wartete bis sich dieser aus dem spontan gebildeten Grammatikzirkel gelöst hatte und fuhr leiser fort: »Du fährst zu dieser Adresse.« und drückte ihm die Visitenkarte in die Hand.
    »Warum ich? Warum immer ich?« jammerte der.
    »Weil 1. ich dein Chef bin und 2. dein Chef die Arbeit anschafft. Vielleicht hast du Glück und sie war Single.«
    Lutz verließ das Dach und fuhr mit dem Lift abwärts. Während der langen zwei Minuten einsamer Fahrt nutzte er die ungestörte Gelegenheit und durchsuchte die Brieftasche. Wieder fand fünf Tausender und etwas Kleingeld. Er steckte die Scheine zu den anderen in seiner Tasche und spürte plötzlich so was wie Dankbarkeit für einen Unbekannten, den grossen Unbekannten.
    Der Pförtner dachte laut: »Lütze - Bärmann, Richterin, auf unserem Dach, Lütze - Bärmann? Lütze - Bärmann?« und bevor Lutz dazu kam, diese anscheinend endlose Wiederholung des seltsamen Namens zu stoppen, veränderte sich der Klang und der Tonfall des Mannes wurde sicherer: »Lütze? Lütze?! Lütze!, Theodora? Theodora! Theodora Lütze? Sicher. Kann nur so sein.«
    »Was ist jetzt? Kennen Sie die?«
    »Aber sicher, die Theodora Lütze, wie sie früher hieß, bis sie geheiratet hat.«
    »Pech für Obermaier.« freute sich Lutz innerlich, laut sagte er: »Und was hat sie hier gemacht.«
    »Sie ist ...« begann der Mann.
    »Sie war!« korrigierte Lutz.
    »Sie war...« begann der Mann neu und richtig. »...Richterin am Handelsgericht, Register, Konkurse, Offenbarungseide. Eigentlich keine richtige Richterin. Aber sie war sehr beliebt. Ich kenne Sie seit vielen Jahren, schon seit sie Referendarin war. Schon als junges Mädchen...«
    »Aha.« stimmte Lutz nicht gerade intelligent zu und erkannte die Gefahr, in der schwebte, der Mann hatte endlich Gesellschaft und Gelegenheit und ein Thema, er wollte, er musste reden und würde nicht so bald aufhören. »Wenn ihnen noch was einfällt, rufen Sie mich an, ich heisse Obermaier.« Dann floh er, über die Strasse, in sein Büro und zählte die vereinigten Scheine des toten Paares, wie er sie inzwischen nannte, denn irgendwie hingen sie zusammen.
     
  10. Einfach Mensch

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    Das ist die Geschlechterfolge...?
    (Neunmal ist mir bisher eine Variante zum Originaltext eingefallen, die zu diesem Buch passt. Damit der Leser die Originalstelle finden kann, vielleicht aber auch aus Faulheit steht hier der Anfang des Originaltons.)
    Lutz hatte das Zählen aufgegeben, alles, auch die schönste Tätigkeit, verliert im Übermass ihren Reiz. Er wünschte sich beinahe schon, Obermaier wäre hier (Wer sagt hier Rednex, dieser Titel ist und bleibt Pink Floyd).
    Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung und werden sogar noch durch unerwartete Begleitumstände übertroffen. Denn als Obermaier eintraf, machte er einen sichtlich verstörten Eindruck und das ätzende Sortieren seiner Notizzettel blieb aus.
    Lutz sonnte sich in seinen wonnigen Gefühlen und sah schweigend einem mühseligen und betrübten Kollegen zu, der zwei mickrige Blatt (sein üblicher Durchschnitt lag bei über fünfzig) unschlüssig vor sich hin-und-her-schob, als könnte er sich nicht entscheiden, welches die grössere Enttäuschung bei Lutz hervorrufen würde und deshalb als Letztes genannt werden sollte.
    Schließlich entschied sich Obermaier für die dritte Möglichkeit: »Jeder Dritte in dieser Stadt lebt in einem Single-Haushalt, ich darf aber immer nur zu den Hinterbliebenen der anderen zwei.«
    »Und? Wie hat er es aufgenommen?«
    »Gefasst. Ich glaube, das ist das angebrachte Wort: gefasst.«
    »Sehr gefasst, vielleicht sogar sehr stark gefasst, sozusagen verdächtig gefasst?«
    »Profimässig gefasst. Er ist Manager des Schlachthofs.«
    »Verstehe.« Lutz betrachtete die armseligen Notizen und trieb den zugehörigen Stachel in Obermaiers verstörtes Fleisch, natürlich nur im übertragenen Sinne und mit Worten: »Was gab es noch?«
    Obermaier schob einen Zettel zur Seite, es waren die bereits besprochenen Notizen. »Sie arbeitete am Gericht und ging in ihrer Arbeit auf.«
    »Das weiss ich vom Pförtner. Weiter?«
    »Nichts weiter.«
    »Das gibt´s nicht. Sie hatte sicher Hobbys.«
    »Nein. Keine Hobbys«
    »Sport?«
    »Nie.«
    »Was machte sie mit ihrer Freizeit?«
    »Nichts.«
    »Sie hat aber schon noch gelebt, bevor wir sie tot aufgefunden haben?«
    »Was manche so leben nennen.«
    »Ich geh´ essen.«
    »Ich auch.«
     

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