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Fragment

Dieses Thema im Forum "Aufgeschrieben" wurde erstellt von Lucia, 27. Mai 2009.

  1. Lucia

    Lucia Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    29. Oktober 2004
    Beiträge:
    18.677
    Ort:
    Berlin
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    Sie war grade im Flur, als sie hörte, wie draußen im Treppenhaus jemand laut die Stufen hinunter fiel.
    Abrupt blieb sie stehen, konnte sich im Moment nicht bewegen.
    Dann setzten draußen Rufe ein.
    "Mamaaaaa? Mamaaaa!"
    Schluchzen.
    "Mamaaa auuufstehn, Mama"
    Die Stimme klang nach dem Vierjährigen, der über ihr wohnte.
    Sie verharrte weiter in absoluter Bewegungslosigkeit.
    Überlegte, welches Datum war.
    War es schon wieder soweit?
    Der letzte war doch so kurz erst her.
    Draußen ging das Jammern des Kindes weiter. Von der Mutter war nichts zu hören.
    "Mamaaaaa" kreischte es draußen etwas höher und lauter wie vorher.
    Dann kam noch ein lautes "Maaaa........" das von absoluter Stille abgebrochen wurde.
    Jetzt hörte sie durch die geschloßene Wohnungstür ein Schleifen, wie wenn ein großer Körper über den Boden gezogen würde.
    Poltern, als der Körper im Treppenhaus nach unten bewegt wurde, zum Keller.
    In den Keller, wo es für die meisten angefangen hatte.
    Erst wie niemand mehr dort hin ging, hatte es sich ins Treppenhaus verlagert.
    Nur die Wohnungen schienen Sicherheit zu bieten.
    Nachdem von draußen nichts mehr zu hören war, ging sie, wie vorgehabt, weiter ins Wohnzimmer, die volle Kaffeetasse immer noch in der Hand.
    Während sie genüßlich den ersten Schluck nahm, wanderten ihre Gedanken zurück zu dem Zeitpunkt, als es wirklich begann.
    In der Wohnung über ihr, begann das Baby zu weinen.
     
  2. Lucia

    Lucia Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    29. Oktober 2004
    Beiträge:
    18.677
    Ort:
    Berlin
    "Na duuuu?" wandte sich Dora an den Kater, nachdem sie das letzte T-Shirt in den Koffer gepackt hatte.
    Dieser lief aufgeregt maunzend zur Wohnungstür und wieder zu ihr zurück. Dann sprang er auf den jetzt geschloßenen Koffer und begann heftig daran zu kratzen.
    "Rocky! Laß das!" schimpfte Dora und zog leicht an seinem schwarzen Schwanz, der mit der weißen Schwanzspitze kess durch die Gegend wedelte.
    "Dir passt es wohl nicht, dass wir wegfahren?" Sie hob ihn hoch und kraulte sein weißes Brustlätzchen.
    "Mauuu Mauu" war die Antwort, dann ein Fauchen und Dora hatte eine zerkratzte Hand.
    "Menno, Rocky, du bist heute unleidlich. Ich guck jetzt lieber mal, wo Arno bleibt. Wir wollten doch schon losfahren."
    Seufzend zog sie sich Schuhe an und verließ die Wohnung.
    Arno war im Keller und wollte noch das Tourenrad reparieren. Eine Kleinigkeit zwar, aber sie war ihnen erst heute morgen beim packen aufgefallen.
    "Bäh" Dora verzog das Gesicht. Im Treppenhaus war seit geraumer Zeit ein modriger Geruch, schlimmer noch, er zog auch manchmal in die Wohnung.
    Rasch lief sie die zwei Stockwerke nach unten zum Keller.
    Die Tür stand offen, aber nichts zu hören.
    "Schatz?"
    Vielleicht war er schon fertig und packte das Rad schon ins Auto?
    "Pling" drang ein metallisches Geräusch aus dem Keller.
    Ah, er war noch am arbeiten.
    Sie stellte sich auf den Treppenabsatz zum Keller und rief nochmals "Schaaatz? Bist du fertig? Was dauert denn so lange?"
    Ihr kam vor, als würde sich der Modergeruch verstärken und Antwort kam von Arno auch nicht.
    Warum war es eigentlich so dunkel da unten?
    Arno hatte sich in seinem Kellerabteil eine kleine Werkstatt eingerichtet, und die war so gut beleuchtet, das normalerweise der halbe Keller ausgeleuchtet war.
    Noch während Dora etwas verwundert diesem Gedanken nachhing, kam wieder dieses "Pling".
    Dann krachte es und die darauf folgende Stille füllte ihre Ohren.
    "Arno? Ist dir was passiert?" sie eilte die Treppe runter und bog in den Kellergang.
    Die Tür zur Werkstatt stand offen und die ansonsten helle Glühbirne darin flackerte ziemlich trübe.
    "Arno, warum antwortest du mir nicht?" Dora trat ins Kellerabteil.
    Mit einem Blick sah sie das völlig zerstörte Tourenrad, dessen Speichen in alle Richtungen standen.
    Mit dem zweiten Blick registrierte sie die rotverschmierten Wände, die roten Lachen am Boden.
    Als sie mit dem dritten Blick den auf einer der verbogenen Speiche wippenden Finger sah, begann sie zu schreien.
     
  3. Atreya

    Atreya Mitglied

    Registriert seit:
    1. Mai 2008
    Beiträge:
    563
    Ort:
    Bregenz, Österreich
    Wahnsinn, Lucia, du baust Spannung auf. Weiß nicht, ob ich lieber wüßte, was geschah, oder besser doch nicht. Immerhin lese oder schau ich seit geraumer Zeit nichts mehr mit Gewalt an, zu wenig Schutz, zu dünnhäutig. Tatsache ist, dass es dir gelingt, einen Fächer zu öffnen, aus dem einen Schwarzes anspringt. Wie die dunkle Kiste öffnen, statt nur ins Licht zu schauen. Abgründe, unsere dunklen Seiten. Bin schaudernd beeindruckt.

    lieben Gruß
    Atreya
     
  4. Lucia

    Lucia Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    29. Oktober 2004
    Beiträge:
    18.677
    Ort:
    Berlin
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    "Arno, Arno, Arno" grummelte Harry, während er seine Haare zu einem Zopf band.
    "Seit zwei Wochen gibts hier wohl kein anderes Thema mehr. Der hatte doch bloß die Beziehung dicke, das ist alles." wandte er an seine Frau und hob dabei den vierjährigen Davos hoch, der sich an sein Bein geklammert hatte.
    "Wie kommst du denn auf so einen Blödsinn? Die beiden lieben sich." Saskia sah ihn empört an. "Und das viele Blut, das Dora im Keller gesehen hat?"
    "Haaaa" schnaufte Harry, "ja, das viele Blut, das Dora gesehen hat. Jeder andere hat aber nur ein völlig demoliertes Rad gesehen und keinen einzigen Tropfen Blut."
    Er versuchte seine Haare aus Davos' klebrigen Fingern zu befreien und drückte ihm dann kurzentschloßen einen Teelöffel in die Hand, den der Vierjährige dann dazu nutzte, ihm auf den Kopf zu trommeln.
    "Und von wegen 'sie lieben sich doch'. Mit Arno konnte man doch keine Viertelstunde allein sein, ohne das er nicht anfing über Dora herzuziehen."
    Saskia verzog das Gesicht. "Das waren kleine Querelen, über die er sich eben hin und wieder aussprechen mußte."
    Sie packte das Mittagsgeschirr in den Spüler. "Und wenn Dora sagt, da war Blut, dann glaub ich ihr das auch. Egal, wenn die Polizei nichts gefunden hat. Irgendwas war da!"
    "Ja, eine Hysterikerin, deren Typ die Schnauze voll hatte. Hört man ja immer wieder, das Leute einfach so abhauen. Und das ihm wohl einiges zuviel war, hat man ja an dem Rad gesehen. Mann, muß der wütend gewesen sein." ließ sich Harry nicht von seiner Meinung abbringen. "Denk doch nur an die Story mit der ollen braunen Cordcouch. Wie oft hat Arno gesagt, das Teil ist eklig und gehört weg, während sie - und das sind seine Worte - kindisch und dickschädlig darauf beharrte, das die Couch bleibt. Die Geschichte kennt doch jeder hier im Haus, das hat er doch überall rumerzählt."
    "Aber das ist doch kein Grund, einfach abzuhauen" lenkte Saskia jetzt ein. "Beim letzten Nachbarschaftsgrillen im Hof waren die zwei doch wie Turteltäubchen."
    "Tauben bringen sich auch um" brummte Harry und setzte Davos in den Kinderstuhl, worauf dieser heftig zu protestieren begann.
    "Ein kaputtes Rad, ein verschwundener Arno und eine durchgedrehte Frau, die Schauermärchen erzählt. Das Haus hier wird echt immer verrückter."
    Er schlüpfte in seine Windjacke.
    "So, ich muß los."
    "Und hast du vor, wiederzukommen oder läßt du mich mit zwei kleinen Kindern auch sitzen, bei dem Verständnis, das du scheinbar für Arno hast?"
    Saskia zog mit einem pikierten Gesichtsausdruck nervös an ihrem Pulliärmel.
    "Tsssssss... tschüß" ging Harry aus der Wohnung, während sie mit lautem Krach Besteck in die Schublade schmiß.
    "Hier werden alle noch verrückt", dachte sich Harry, während er nach unten lief.
    Im ersten Stock stolperte er und wäre fast gefallen. Thommy, der aus seiner Wohnung trat, war jedoch reaktionsschnell genug und fing ihn auf.
    "Na", rief er lachend, nachdem sich beide gefangen hatten, "wenn du dir das Genick brechen möchtest, sag nächstes Mal Bescheid. Dann warte ich noch einen Moment, bevor ich rauskomme".
    "Ne, du", meinte Harry, "einer im Monat müßte doch reichen."
    Beide lachten über den Scherz und verließen gemeinsam das Haus.
    Auf der Treppe im ersten Stock knarrte eine Diele, die sich wieder gerade bog.
     

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