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Erinnerungen an meine Kindheit

Dieses Thema im Forum "Aufgeschrieben" wurde erstellt von AphroditeTerra, 16. Juli 2008.

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    Es war sechs Uhr morgens und ich war aufgeregt. Heute sollte unser Schiff, die Japejú, in Rio de Janeiro einlaufen. Ich kleidete mich rasch an und eilte erwartungsvoll an Deck, aber noch nichts war zu sehen. Weder Brasilien noch sonstige Passagiere. Seit zehn Tagen war unser Schiff unterwegs gewesen. Die Reise ging, zusammen mit meinem Vater, von Amsterdam los, in ein neues, unbekanntes Leben, ich stand nun hier und konnte es kaum erwarten. Damals war ich ein zehnjähriges kleines Mädchen, voller Neugierde und Hoffnungen. Ich vertraute, dass alles gut wird. Dass ich mich dort gut einleben würde, in Brasilien. Mein Vater sagte zwar drei Jahre später, er wolle in Brasilien nicht begraben werden, aber das wussten wir an dem Tag der Ankunft in jenem fremdem Land ja noch nicht.
    Langsam begann es zu dämmern, die Sonne würde bald aufgehen und ich blickte gespannt zum Horizont und musste an meine Mutter denken. Meine Mutter, die erst in sechs Monaten nachkommen konnte, weil sie noch zwei Modekollektionen fertig zustellen hatte und dafür noch viel Geld erhalten sollte.
    Nach einer letzten Umarmung, stieg ich klopfenden Herzens die Gangway des groβen Ozeandampfers hinauf. Dann stand ich zusammen mit meinem Vater und den anderen Passagieren an der Reling und winkte hinunter zu den vielen Menschen. Ich konnte meine Mutter genau sehen. Das Schiff entfernte sich langsam von der Kaimauer, zuerst kaum bemerkbar, dann aber wurde der Abstand gröβer und gröβer, und die Menschen und meine Mutter wurden immer kleiner, dann war sie nur noch ein winziger Punkt in der Ferne, der schlieβlich auch verschwand.

    Inzwischen hatten sich ein paar schaulustige Passagiere an Deck versammelt, jemand deutete nach vorne: „Da!“ Und wirklich, ich erblickte die dunkle Silhouette der Berge Brasiliens. Ich sah Brasilien!
    Ein unbeschreibliches Gefühl, hatte mich gepackt. Eine Art Euphorie zusammen mit meinen Fragen, die in meinem Kopf herumwirbelten, wie es ein wird, wie es wohl sein wird, mein neues Leben.
    Mein Vater war endlich gekommen, stumm blickten wir auf die dunklen Konturen einer noch fernen Küste. Brasilien voller Verheiβungen, wo das Geld auf der Straβe liegen sollte. So jedenfalls hörte ich einmal meine Eltern darüber sprechen. Diese Hoffnung sollte sich für meine Eltern nicht erfüllen, denn es folgten erst einmal Arbeitslosigkeit für meinen Vater und für meine Mutter Krankheit.
    Eines Tages, meine Mutter reiste nach Nordamerika, besuchte dort meine ältere Schwester, schrieb sie, wir sollten in die USA kommen. Und da mein Vater immer wieder verlauten lieβ, er wolle in Brasilien nicht begraben werden, klapperte ich als Vierzehnjährige sämtliche Schiffsagenturen in Santos ab, auf der Suche nach günstigen Schiffreisen in die USA. Ich las Namen wie: New Orleans, Philadelphia, New York, Boston, Chicago. Mein Vater arbeitet damals in einer Firma in São Paulo, er hatte keine Zeit und kehrte abends spät nach Hause. Dann berichtete ich ihm, zwei drei Monate waren vergangen, und mein Vater meinte: „Wenn wir nach USA auswandern können, dann lass uns doch gleich nach Europa zurückkehren.“ Er sah mich fragend an. „Also, wo wollen wir hin? Nach USA oder Europa?“, fragte er mich ernsthaft. Ich kam mir damals bereits wie Erwachsen vor und hatte immerhin jede Menge Verantwortungen, denn ich versorgte unseren Haushalt. Unser Dienstmädchen schickte ich einfach nach Hause und wollte das Geld von meinem Vater dafür erhalten. „Bist du zufrieden mit unserem Haus?“, fragte ich ihn. Denn ich wusch die Wäsche und bügelte seine Hemden, erledigte die Einkäufe, kochte abends und holte ihn dann gegen zehn Uhr von der Bushaltestelle ab. Ja, alles bestens“, meinte er. „Ich habe Olga nach Hause geschickt“, antwortete ich ihm. „Ihr Gehalt kannst du mir dafür geben.“ Mein Vater nickte, aber aus dem Geld wurde nichts, es war für andere Ausgaben wichtiger.

    Ich lieβ mir diese Frage meines Vaters, diese so wichtige Frage, die Kardinalfrage, die immerhin die Weichen für mein weiteres Leben stellen würde, erst mal durch den Kopf gehen. „ Nach Deutschland!“, sagte ich daraufhin entschlossen…
    Und so besorgte ich uns die Schiffspassagen vom Brasilianischen Lloyd, brachte dem Direktor ein Bild mit, welches mein Vater mich beauftrage, ihm zu überbringen. Es war ein Aquarellbild, gerahmt und hieβ die hohe Tatra. Ich sehe mich noch heute mit dem groβen Bild unterm Arm in den Raum kommen… unglaublich, was ich damals alles machte.
    Wir bekamen die Passagen besonders günstig. Alle hatten sie ein Herz für den kleinen blonden Engel, egal wo. Ob am Markt, wo ich alles zur Hälfte des Preises herunterhandelte, oder beim Brasilianischen Lloyd, wo der kleine blonde Engel hereinkam und ernsthaft nach Schiffsverbindungen mit Frachtern, erst nach den USA, und dann nach Europa fragte.
    Mein Vater erschien erst zum Schluss im Büro des Senhor Dinarte, um die Passagen zu bezahlen.
    Aber auch den Transport besorgte ich durch eine Gesellschaft, welche Waren verschiffte.
    Ich lackierte einige unserer Möbel, spritzte die Sitzpolster der Sessel mit dunkelblauer Farbe, aber wehe, man setzte sich drauf… Eine belgische Familie übernahm unser Haus mit Möbeln und jenen Sachen, die wir nicht mitnehmen konnten. Wir packten viel ein, wie die Weltgeschichte in zwölf Bänden, die nun erneut den Atlantik überqueren sollte. Geschirr und Wäsche.
    So endete die Zeit für uns in Brasilien. Unser Schiff war die Tidecrest, ein englischer Bananedampfer. Wir speisten mit dem Kapitän. Sehr vornehm. Einmal fielen mir die Erbsen von der Gabel, aber alle taten so, als wenn sie nichts sehen. Das war so peinlich…
    Es wurde von Tag zu Tag kälter, denn es war Dezember. Dann fuhren wir durch die Irische See, sie war von einem wunderschönen Flaschengrün. Am 23 Dezember liefen wir in Liverpool ein. Die Kälte war ein Schlag. Es war jenes Jahr 1962, wo eine Kältewelle, Europa heimsuchte. Zwanzig Grad Minus. Die Heizung im Zug, der uns nach London bringen sollte, zugefrohren. In London einige Stunden Aufenthalt, dann weiter nach Doover und von dort mit der Fähre nach Dünkirchen. Heilig Abend auf dem Englischen Kanal unter lauter Betrunkenen, die aber nach und nach verschwanden, denn es war Windstärke Acht und alle wurden seekrank. Nur mein Vater und ich nicht, wir kamen ja gerade von der rauen See.
    Frühmorgens in Dünkirchen in den Zug nach Basel. Es folgte ein langer Tag auf Reisen, über Lille, Strasbourg, Colmar, Mühlhausen, bis Basel. Von Basel mit der Tram nach Dornach, dann ein Taxi hinauf auf den Goetheanum Hügel. Dort wartete meine Mutter mit geschmücktem Weihnachtsbaum, brennenden Kerzen und vielen Geschenken, Kleider für uns, die sie aus Amerika mitbrachte. Und der Tisch war gedeckt und ich fiel meiner Mutter in die Arme.

    Brasilien war tausende Kilometer weit in die Ferne gerückt. Brasilien, wo ich vier Jahre lebte. „Brasil, ame o, ou deixe o!“ So lautete ein Spruch. Brasilien, liebe es, oder lasse es. Das Land mit seiner unbändigen Kraft, eine Kraft, die nichts mehr in meinem Inneren auszulöschen vermochte. Später, bereits als erwachsene Frau kehrte ich zurück, an der Seite meines Ehemannes und unserer kleinen Tochter, damals gerade zwei Monate alt. Zusammen verbrachten wir dort sieben Jahre.
    Der Spruch, „Brasilien liebe es oder lasse es.“ Dieser Spruch hätte auch heiβen können:“ liebe es, oder hasse es“. Denn ich liebte dieses Land und ich hasste es.
    Heute liebe ich dieses Land nur noch und seine Menschen. Ein Volk, welches die Leichtigkeit des Seins wie kein anderes Volk besser beherrscht… in Brasilien tanzen die Gene der Menschen im Blut.

    Einmal im Jahr, packt sie mich, die „saudade“, wie Sehnsucht in Portugiesisch genannt wird. Dann fliege ich nach Bahia ins Paradies und stille dort den Durst meiner Seele. Ich fliege genau in zwei Wochen erneut dort hin und werde genau, wie damals in Rio, erwartungsvoll aus dem Flugzeug steigen und für einige Tage werden in mir die Gene im Blut zu tanzen beginnen. Dann wenn ich träge in der Hängematte liege und dem Wind lausche, der den Abend bringt, und das was sanft ist, den Kokospalmen entspringt, in den ruhigen Räumen ohne Gestern, ohne Morgen.





    Ali:liebe1:
     
  2. Bigenes

    Bigenes Sehr aktives Mitglied

    Registriert seit:
    3. März 2005
    Beiträge:
    2.936
    Ort:
    Hamburg

    Wow!
    Das klingt ja verlockend!


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    ich hatte das gestern als Schreibübung in meinem
    Schreibworkshop dran
    darum hab ichs halt reingestellt


    und jetzt bin ich vom vielen Schreiben ko






    Ali:sleep3:
     

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